Klasse, Schicht und Cluster

  • Anders als viele Linke nehmen bürgerliche Politiker die gesamte Lohnarbeiterklasse in den Blick. Sie suchen nach Gegnern und Befürwortern des Kapitalismus und nach möglichen Spaltungslinien innerhalb der Lohnabhängigen.

    Die folgende Grafik zeigt die Meinungsvielfalt und die Trennlinien der britischen Lohnarbeiterklasse von 2017 – analysiert vom Legatum Institute.


    (Alle folgenden Aussagen beziehen sich auf eine Tendenz bzw. auf eine Mehrheit, nicht auf jedes einzelne Individuum einer Gruppe).




    Wir können diese Daten nicht direkt auf die Lohnarbeiter in Deutschland übertragen, aber wir können damit unseren Blick auf die Gesamtheit üben und schärfen.


    1) Die Linke (Chancenlose 7 %, weltoffene Linke 16 %) stellen weniger als ein Viertel der Lohnabhängigen und weniger als jeder andere politische Cluster für sich allein.

    Dazu kommt noch die Spaltung der Linken in Antiautoritäre und in Staatsinterventionisten. Ablehnend gegenüber dem Kapitalismus, aber positiv gegenüber der Staatsmacht ist vor allem das Prekariat in seiner aussichtslosen und chancenlosen Lage eingestellt. Da rächt sich die langjährige Vernachlässigung des Prekariats durch die Gewerkschaftsbewegung.



    2) Prokapitalistische Einstellung findet sich bei einer knappen Mehrheit (54%)

    Der Economist äußert sich besorgt über dieses Ergebnis: "Die Finanzkrise hat das Vertrauen der Leute in die Fähigkeit des Kapitalismus, Reichtum zu schaffen, und in die Fähigkeit der politischen Elite, Krisen zu meistern, schwer erschüttert."


    2.1) Rechtskonservative (25%) finden sich vor allem in den britischen Stammbelegschaften. Sie sind überwiegend sexistisch, nationalistisch und Immigrationsfeindlich.



    2.2) Die erfolgreichen und höher qualifizierten Lohnarbeiter (29%) setzen mehr auf "private Initiative" als auf staatliche Lösungen. Sie gelten insgesamt als "modern" und „fortschrittlich“, sehen den Kapitalismus aber optimistisch. Um ihre Zustimmung buhlen bürgerliche Parteien, Politiker und Medien.



    3) Resignierte (23%) sind überwiegend weiblich und älter als der Durchschnitt. Sie orientieren sich auf das Privatleben und wünschen sich auch staatliches Eingreifen vor allem gegen Kriminelle und Immigranten, von denen sie sich persönlich bedroht fühlen.


    4) Der Blick aufs Ganze

    Eine Linke, die sich nur mit sich selbst beschäftigt, bleibt in ihrem engen Ghetto gefangen. Das ist vielleicht das größte Problem der Linken. Soweit ich es überblicke verfügt keine einzige linke Strömung über ein attraktives "Angebot" für die gesamte Lohnarbeitsklasse.

    Ein attraktives Angebot, wie ich es sehe, wäre die Abschaffung der Lohnarbeit ("Befreiung der Arbeit"), radikale Verkürzung der Normalarbeitszeit (4-Std-Tag) und Selbstverwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft in einem Netz selbständiger Kommunen (alle entscheiden über alles).

    Ziel ist ein freies, selbstbestimmtes Leben in bewusster Kooperation unter Schonung der menschlichen wie der außermenschlichen Natur.


    Siehe auch politische Cluster in Deutschland:




    Sinusstudie 2016 über Jugendliche in Deutschland:




    Vergleiche auch:


    Wer ist heute links?



    Sinus-Studie: Wie ticken Jugendliche 2016?

  • Also eine nicht-repräsentative Umfrage in einer vom rechten CDU-Flügel dominierten und von neo-nationalsozialistischen Kameradschaften durchzogenen Region. Was will man da erwarten? Problematisch finde ich die Einteilung in biologistischen und kulturellen Rassismus. Sinnvoller wäre es hier wohl Rassismus (der per se biologistisch argumentiert) und Kulturalismus zu unterscheiden, wenn man genau sein will. Die Mehrheit der befragten Jugendlichen in dieser "Verliererregion" ist also als nationalkonservativ und tendenziell fremdenfeindlich einzustufen. Die Beschreibung als konformistisch haut ganz gut hin.


    Andererseits wäre zu fragen, ob der metropolitane, politisch korrekt und sozialliberal gestrickte Hipster-Jugendliche nicht genauso konformistisch ist und seine Rebellion sich nicht gleichermaßen im Bestehenden bewegt. Wobei er halt mehr Wert darauf legt seinen pseudo-bildungsbürgerlichen Habitus und Narzissmus unter dem Mantel eines selbstgerechten Moralismus demonstrieren zu wollen.


    Ich glaube jedenfalls beide Entwicklungen sind im Sinne eines sozialistischen Kommunalismus stark bremsend. Im Endeffekt sind es Milieu-Kämpfe, die von einem gemeinsamen Klassenbewusstsein ablenken. Die einen machen sich was vor indem sie die Volksgemeinschaft beschwören, die anderen indem sie ihre Lifestyle-Rebellion fahren und denken sie würden als "digitale Bohème" nicht zum Proletariat gehören.

  • Also eine nicht-repräsentative Umfrage in einer vom rechten CDU-Flügel dominierten und von neo-nationalsozialistischen Kameradschaften durchzogenen Region. Was will man da erwarten?

    Also hilfreich fand ich den Umgang der Alb Offensive mit der Studie insgesamt. Offen und unaufgeregt und doch zugleich nach vorne gerichtet, wie sie mit bestimmten Positionen umgehen will und soll.


    Hat mir gut gefallen. :)

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