Kommunen ins Zentrum rücken!

  • Karl-Martin Hentschel von"Mehr Demokratie" hat im Zuge der Initiative "Starke Kommunen" eine gute datenbasierte Zusammenfassung zur kommunalen Selbstverwaltung inklusive eines internationalen Vergleich abgeliefert. Darin wird klar, dass in der angeblich so föderal strukturierten BRD die meisten Steuereinnahmen an den Zentralstaat fließen. Anders als in vielen skandinavischen Ländern. Außerdem wird dargelegt, dass das Vertrauen in Kommunalpolitiker deutlich höher ausfällt als gegenüber Landes- oder Bundespolitikern. Wer mehr in Erfahrung bringen will, siehe hier: https://mehr-demokratie.de/fil…tation_fu__r_Netzwerk.pdf

  • Hallo Uwe,

    Mario sammelt alles, was sich irgendwie in Richtung kommunale Selbstverwaltung bewegt, mit oder ohne kapitalistisches Gepäck. :thumbup:

    Das ist ganz okay. Letztlich kommt es bei menschlichem Handeln auf die Resultate an, nicht auf Absichten und Motive.


    Gruß Wal

  • Für mich klingt das alles nach kapitalistisch organisierter Kleinstaaterei.


    Was hat kommunale Selbstverwaltung mit Kleinstaaterei zu tun? Sicherlich mag nicht jede Perspektive einer Kommunalisierung und Demokratisierung gleich antikapitalistisch sein. Sie kann aber die Grundlage dafür bilden das bisherige Wirtschaften zu hinterfragen, und sei es erstmal nur den kapitalistischen Wachstumszwang zu hinterfragen. Etwas das der Autor zumindest tut, und ein Schritt, von dem viele ja noch meilenweit entfernt sind.

  • Wo geht's denn da um Selbstverwaltung?


    Da geht's um Umverteilung der Finanzen vom Bund an die Kommunen und Lohnsteuern für die Kommunen, weils mit den Unternehmenssteuern nicht klappt.


    Selbstverwaltung für die kommunale Finanzoligarchie.

  • Wo geht's denn da um Selbstverwaltung?


    Da geht's um Umverteilung der Finanzen vom Bund an die Kommunen und Lohnsteuern für die Kommunen, weils mit den Unternehmenssteuern nicht klappt.


    Selbstverwaltung für die kommunale Finanzoligarchie.

    Aus einer rein negativen Sichtweise, die jenseits eines Maximalismus alles für zu kurz gegriffenen kapitalistischen Müll hält, mag das nicht falsch sein.


    Auf der anderen Seite bringt der dänische und schwedische dezentrale Einheitsstaat mit seinem Fokus auf kommunale Dienstleistungen Vorteile mit sich, die es in der BRD nicht gibt. Im Zusammenhang mit einem umfassenden Bürgerhaushalt wäre nach meinem Dafürhalten ein Modell das eine emanzipatorische Pfadabhängigkeit eröffnen könnte. Außerdem wäre damit durchaus mehr Selbstbestimmung gewonnen als vielfach der Fall.


    Ich gehe bezüglich einer Emanzipationsbewegung nicht davon aus, dass es einen großen Aufstand gibt und dann ist alles anders.


    Eine Rücknahme des Staates in die Gesellschaft wird voraussichtlich ein langfristiger und umkämpfter Prozess der Kompetenzverschiebung sein, was sich vermutlich an Fragen der Steuerhoheit und des kommunalen Eigentums entzünden wird.


    In einigen Ländern ist dies ja bereits der Fall, wobei die separatistische - und oftmals nationalistisch aufgeladene - Lösung (siehe z.B. Spanien, Schottlang, Norditalien) jenseits interkommunaler und internationaler Kooperation die emanzipatorische Schlagseite der Kommunalisierungsbestrebungen wiederum untergräbt.


    Viele Machtstrukturen wären allerdings ohne einen Verfassungskonvent gar nicht aufzulösen. Sofern sich die imaginierte Emanzipationsbewegung verallgemeinert und die Widersprüche zuspitzen ginge es also irgendwann durchaus um's große Ganze.

  • Ist es denn heutzutage anerkannte Handlungsweise in kleineren Strukturen zu agieren? War es nicht mal so, dass behauptet wurde, dass "Sozialismus in einem Land" unmöglich sei? Gilt denn das "Proletarier aller Länder vereinigt Euch!" nicht mehr?


    Glaubst Du denn an die "Möglichkeit" des Aufbrechens internationaler Strukturen durch kommunale Veränderungen bei Gleichbleiben der internationalen Strukturen?


    Ist es nicht vielmehr die bei vielen Menschen zu konstatierende Unmöglichkeit der Erkenntnis eines internationalen Zusammenhangs als Ergebnis der Individualisierung? Bekanntlich glaubte Platon auch nicht an die Möglichkeit der Sinnhaftigkeit seines "Staat" für größere Strukturen als die damaligen Stadtstaaten. Und in Deinem einen Link schreibt einer ähnlich, von wegen Menschen seien maximal in einer Gruppe von rund 250 in der Lage selbstlos zu agieren...

  • Hentschel bezieht sich mit seinem Verweis auf eine Gruppe von 250 Leuten vermutlich auf die so genannte Dunbar-Zahl, die auf den Anthropologen Robin Dunbar zurückgeht. Dunbar bezeichnet damit "die Anzahl der stabilen sozialen Beziehungen, die ein Mensch kognitiv eingehen kann. Er führte die Zahl zurück auf die Beziehung zwischen Gehirngröße und sozialer Gruppengröße beziehungsweise extrapolierte dieselbe von Beobachtungen bei Primaten." (Quelle). Auch bei indigenen Kulturen ließe sich eine ähnliche maximale Verbandsgröße feststellen. Wird die Dunbar-Zahl überschritten, so bedürfe es öffentlicher Institutionen die (abstraktere) Regeln festsetzen die bei Nichtbeachtung entsprechende Strafen/Wiedergutmachungen nach sich ziehen.


    Die gesellschaftlichen Strukturen einer nachkapitalistischen Gesellschaft würden, ebenso wenig wie die heutigen, im luftleeren Raum stattfinden. Sie bedürfen eines konkreten Bezugs. Umso abstrakter und zentralistischer, desto unkontrollierbarer werden sie, was wiederum höchstwahrscheinlich zur Herausbildung verselbstständigter Machtpositionen und somit Herrschaftsstrukturen führt.


    Ziel einer emanzipatorisch-nachkapitalistischen Gesellschaft ist es, allen Gesellschaftsmitgliedern Teilhabe an den politischen wie wirtschaftlichen Entscheidungen zu ermöglichen. Jedenfalls soweit wie möglich. Außerdem geht es darum eine naturschonende Produktion und Verteilung der Güter und Dienstleistungen zu gewährleisten.


    Dies bedingt, dass die Gesellschaft überwiegend nach den Prinzipien von gegenseitiger Rücksichtnahme und Kooperation funktioniert. Dazu bedarf es einer gewissen kulturellen Ähnlichkeit/Homogenität der Mitglieder (diese muss nicht ethnisch definiert sein, vielmehr geht es um eine Art kulturellen Minimalkonsens) und einer Überschaubarkeit des unter die kollektive Entscheidungsmacht fallenden Raums.


    Der einzige heute bereits gegebene politische Raum, der darüber hinaus eine Aufhebung von Politik und Wirtschaft durch koordinierte Beratschlagung von Produzenten und Konsumenten ("Prosumenten") ermöglicht, als auch Ähnlichkeit und Überschaubarkeit, sowie durch geringe Transportwege einen niedrigen ökologischen Fußabdruck gewährleisten kann, sind die Städte und Gemeinden.


    Die Kommunen sind der Ausgangsort von dem aus eine demokratisch verwaltbare Vergesellschaftung der Produktionsmittel möglich ist und die politischen Funktionsträger Beauftragte bleiben, die einzig als Vermittler in einem nächst-höheren Gremium zusammenfinden, wenn die jeweilige Ebene ihre Angelegenheiten nicht selbstständig lösen kann (siehe Subsidiarität und Räterepublik).


    Es war Karl Marx selbst, der durch die Erfahrung der Pariser Kommune von 1871 die Städte und Gemeinden als die politische Form zur Überwindung von Staat und Kapital ansah. Er schreibt:


    "Wenn alle großen Städte sich nach dem Muster von Paris als Kommune organisierten, könnte keine Regierung diese Bewegung durch den plötzlichen Vorstoß der Reaktion unterdrücken. Gerade durch diesen vorbereitenden Schritt würde die Zeit für die innere Entwicklung, die Garantie der Bewegung gewonnen.


    Ganz Frankreich würde sich zu selbstätigen und sich selbst regierenden Kommunen organisieren, das stehende Heer würde durch die Volksmiliz ersetzt, die Armee der Staatsparasiten beseitigt, die klerikale Hierarchie durch die Schullehrer ersetzt, die Staatsgerichte in Organe der Kommune verwandelt werden; die Wahlen in die nationale Vertretung wären nicht mehr eine Sache von Taschenspielerstücken einer allmächtigen Regierung, sondern der bewusste Ausdruck der organisierten Kommunen; die Staatsfunktionen würden auf einige wenige Funktionen für allgemeine nationale Zwecke reduziert. Das ist also die Kommune – die politische Form der sozialen Emanzipation. (...)


    Die Pariser Kommune sollte selbstverständlich allen großen gewerblichen Mittelpunkten Frankreichs zum Muster dienen. Sobald die kommunale Ordnung der Dinge einmal in Paris und den Mittelpunkten zweiten Ranges eingeführt war, hätte die alte zentralisierte Regierung auch in den Provinzen der Selbstregierung der Produzenten weichen müssen. ... Die wenigen, aber wichtigen Funktionen, welche dann noch für eine Zentralregierung übrig blieben, sollten nicht, wie dies absichtlich gefälscht worden ist, abgeschafft, sondern an kommunale, d. h. streng verantwortliche Beamte übertragen werden.


    Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht, welche sich für die Verkörperung dieser Einheit ausgab, aber unabhängig und überlegen sein wollte gegenüber der Nation, an deren Körper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war. ... Die Kommunalverfassung würde ... dem gesellschaftlichen Körper alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der Schmarotzerauswuchs Staat, der von der Gesellschaft sich nährt und ihre freie Bewegung hemmt, aufgezehrt hat.


    Was Paris will, ist, jene Zentralisation ersetzen, die ihre Pflicht gegen den Feudalismus erfüllt hat, aber zur bloßen Einheit eines künstlichen Körpers geworden ist, die sich auf Gendarmen, auf rote und schwarze Armeen stützt, das Leben der wirklichen Gesellschaft unterdrückt, wie ein Alpdruck auf ihr lastet. ... Dieses neben der französischen Gesellschaft bestehende zentralistische Frankreich will es ersetzen durch die politische Vereinigung der französischen Gesellschaft selbst, durch die kommunale Organisation." (Quelle: "Der Bürgerkrieg in Frankreich" oder, siehe hier).


    Auch Friedrich Engels schreibt in seiner Kritik am SPD-Programm von 1891:


    "Einerseits muß die Kleinstaaterei beseitigt werden - man revolutioniere doch die Gesellschaft, solange es bayrisch-württembergische Reservatrechte gibt und die Karte z.B. von Thüringen das gegenwärtige Jammerbild bietet! Andrerseits muß Preußen aufhören zu existieren, muß in selbstverwaltende Provinzen aufgelöst werden, damit das spezifische Preußentum aufhört, auf Deutschland zu lasten. Kleinstaaterei und spezifisches Preußentum sind die beiden Seiten des Gegensatzes, worin Deutschland jetzt gefangenliegt und wo immer die eine Seite der anderen als Entschuldigung und Existenzgrund dienen muß. (...)


    Also einheitliche Republik. Aber nicht im Sinne der heutigen französischen, die weiter nichts ist als das 1798 begründete Kaiserreich ohne den Kaiser. Von 1792 bis 1798 besaß jedes französische Departement, jede Gemeinde vollständige Selbstverwaltung nach amerikanischem Muster, und das müssen wir auch haben. Wie die Selbstverwaltung einzurichten ist und wie man ohne Bürokratie fertig werden kann, das bewies uns Amerika und die erste französische Republik, und noch heute Australien, Kanada und die andern englischen Kolonien.


    Und eine solche provinzielle und gemeindliche Selbstverwaltung ist weit freier als zum Beispiel der Schweizer Föderalismus, wo der Kanton zwar sehr unabhängig ist gegenüber dem Bund, aber auch gegenüber dem Bezirk und der Gemeinde. Die Kantonalregierungen ernennen Bezirksstatthalter und Präfekten, wovon man in den Ländern englischer Zunge nichts weiß und die wir uns ebenso höflichst in Zukunft verbeten haben wollen wie die preußischen Landräte und Regierungsräte."


    Marx und Engels waren also (solang der Kapitalismus eben noch existiert) Verfechter eines dezentralen Einheitsstaats. Dies sei die beste Basis um den (Zentral-)Staat im Zuge der Einführung einer genossenschaftlich-sozialistischen Produktionsweise durch eine Assoziation/(Kon-)Föderation der Kommunen aufzuheben. Diese Perspektive ist heutzutage konkreter unter dem Begriff des Kommunalismus bekannt.


    Die subsidiarische Föderierung/Vernetzung der Kommunen kann inter-/transnationalen Charakter annehmen und sollte es auch. Ein praktisches Beispiel aus dem sich so etwas herausschälen könnte, sind hier einerseits die bekannten Städtepartnerschaften, andererseits Initiativen wie das Weltparlament der Bürgermeister/innen. Lokal und global müssen sich also nicht ausschließen. Einige sprechen daher von einem "Glokalismus".


    Was die Unmöglichkeit des "Sozialismus in einem Land" angeht, bin ich mir nicht sicher. Einerseits wäre ebenso denkbar, und vermutlich wahrscheinlicher, dass Prozesse durch den Alleingang von Nationen/Regionen/Stadtverbunden losgetreten werden und erst schrittweise ein Dominoeffekt einsetzt. Dieser muss andererseits nicht koordiniert ablaufen. Auf der anderen Seite könnte eine antikapitalistisch ausgerichtete Region/Nation isoliert nicht lang bestehen. Es bedürfte also zumindest zwei oder drei großer Nationen oder eines kontinentalen Bündnis, um bestehen zu können.


    Auf der anderen Seite wurde die Möglichkeit eines "Sozialismus in einem Land" oft ausgeschlagen, weil dieser die notwendige Entwicklung der Produktivkräfte nicht voranbringen könnte und entsprechend das ökonomische Wachstum beschränkt wäre. Die Frage der Produktivkraft-Entwicklung stellt sich heute aber nicht mehr. Im Gegenteil, es bedarf in der so genannten "westlichen Welt" sogar eines Stopps des quantitativen Wachstums und in bestimmten Sektoren sogar einer Schrumpfung. Überhaupt müssen wir uns durch die Erfahrung des Staatssozialismus des 20. Jahrhunderts die Frage stellen, ob der Sozialismus als solcher sich am Güterausstoß messen lassen sollte oder ob das gesamte Entwicklungsmodell gar nicht tragbar ist.


    Ich für meinen Teil bezweifle, dass es machbar und wünschenswert ist, dass der Sozialismus den heutigen Kapitalismus in punkto Güterausstoß noch überflügelt. Einerseits weil es ökologisch nicht tragbar wäre, andererseits weil es nicht zu einer Überwindung des Arbeitsfetisch beiträgt. Wenn Sozialismus mehr Muße und weniger Arbeitshetze bedeutet, kann diese Gesellschaft gegenüber der kapitalistischen nach heutigen Maßstäben nicht "produktiver" sein.


    Es muss also auch darum gehen bestimmte Formen der technologischen Entwicklung, der Arbeitsorganisation und der produktivistischen Mentalität zu hinterfragen. Von daher beleuchtet die Frage nach der Machbarkeit eines "Sozialismus in einem Land" heute womöglich andere Kriterien und die Antwort könnte entsprechend anders ausfallen. Ein neuer Sozialismus könnte jedenfalls nur ein Ökosozialismus sein.


    Natürlich müssen bei alledem die bestehenden internationalen Strukturen aufgebrochen, oder eben verlassen und neue gegründet werden. Es kann dabei andererseits perspektivisch nicht um eine nationalistische Autarkie gehen:


    "Der Begriff Kommunalismus stellt sich auch dem Nationalismus entgegen, der auf einer Verselbständigung des politischen Staats beruht. Er wurde von Peter Blickle in seinem zweibändigen Werk "Kommunalismus - Skizzen einer gesellschaftlichen Organisationsform" in seiner Begriffsgeschichte ausführlich erläutert, wenn auch nicht in seinem inneren Bezug auf Gegenwartsgeschichte und zu einem ähnlichen Begriff, dem Kommunismus. Die Umsetzung dieses Begriffs als Programmatik ist noch relativ wenig als politische Perspektive diskutiert, vielleicht, weil er noch keinen Zusammenhang zur Bekämpfung gegenwärtiger Strukturen der Kommunalzerstörung enthält, vielleicht aber auch, weil er auf einer sehr anschaulichen Ebene ansetzt, die von theoretisch fixierten Ideologiekritikern nicht so gerne betreten wird. Er wäre aber eine ausgesprochen gute Minimalformulierung dessen, was politisch erstrebenswert ist." (Quelle)

  • Hallo Mario,

    dein Beitrag zur Kommunalverfassung, den ich insgesamt richtig finde (über einzelne schiefe Formulierungen will ich nicht streiten), geht weit über den einleitenden Beitrag von Karl-Martin Hentschel über eine mögliche Kommunalverfassung in der BRD hinaus. Deshalb habe ich aus deiner Überschrift die "Demokratie" gestrichen. "Demokratie" für sich ist ja kein soziales und kein antikapitalistisches Ziel.

    Ich hoffe, dass Uwe und andere, die vielleicht antworten, sich dann weniger von dem ablenken lassen, worum es in diesem Thema geht, nämlich um ein regionales, landesweites oder gar europaweites Netz selbstverwalteter Kommunen als "die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte.“ Karl Marx, Bürgerkrieg in Frankreich, MEW 17, 342.


    Gruß Wal

  • Wal, es kommt darauf an was wir unter Demokratie verstehen. Mein verwendeter Demokratiebegriff, das war in meinen Ausführungen wohl nicht ersichtlich, ist ein wenig anders als der bürgerlich verwendete. Damit unterscheidet er sich natürlich auch stark von jenem den Hentschel verwendet. Für mich bedeutet Demokratie in erster Linie kollektive Selbstbestimmung, die zeitliche Begrenztheit politischer Ämter, sowie die Möglichkeit eines jeden Bürgers diese auszuüben.


    Ich beziehe mich dabei also weitgehend auf die ursprüngliche antike Begriffsbedeutung, welche die Demokratie der Aristokratie/Oligarchie und Monarchie/Tyrannis gegenüberstellt. Wahlen sind dementsprechend mit Demokratie nicht identisch. Wahlen können ebenso einen oligarchischen oder monarchischen Charakter haben. „Ich bin beispielsweise der Meinung, dass es als demokratisch anzusehen ist, wenn die Herrschenden durch das Los bestimmt werden, während Wahlen als oligarchisch betrachtet werden müssen." (Aristoteles; Politica)


    Aber das führt zu weit über's Thema hinaus. Ich würde Demokratie halt nur nicht zwingend mit dem bourgeoisen Parlamentarismus gleichsetzen. Nicht umsonst verwendeten die "Grunderväter" der USA oder die Zentralisten in der Französischen Revolution lieber den Begriff der Republik und sahen ihr Vorbild in der Römischen Republik und nicht in der Attischen Demokratie. Der bürgerlich-kapitalistische Parlamentarismus könnte deshalb womöglich besser als "liberale Oligarchie" (Castoriadis) beschrieben werden.


    PS: Du sprichst über "schiefe Formulierungen" meinerseits. Ich bin nicht an Streit interessiert, wäre aber neugierig was du meinst. :)

  • Ich kann aber in Deinen Beispielen das


    nicht erkennen.


    Ich kann aber das


    Quote

    Es ist das gewöhnliche Schicksal neuer geschichtlicher Schöpfungen, für das Seitenstück älterer und selbst verlebter Formen des gesellschaftlichen Lebens versehn zu werden, denen sie einigermaßen ähnlich sehn. So ist diese neue Kommune, die die moderne Staatsmacht bricht, angesehn worden für eine Wiederbelebung der mittelalterlichen Kommunen, welche jener Staatsmacht erst vorausgingen und dann ihre Grundlage bildeten. Die Kommunalverfassung ist versehn worden für einen Versuch, einen |341| Bund kleiner Staaten, wie Montesquieu und die Girondins ihn träumten, an die Stelle jener Einheit großer Völker zu setzen, die, wenn ursprünglich durch Gewalt zustande gebracht, doch jetzt ein mächtiger Faktor der gesellschaftlichen Produktion geworden ist. - Der Gegensatz der Kommune gegen die Staatsmacht ist versehn worden für eine übertriebne Form des alten Kampfes gegen Überzentralisation. Besondre geschichtliche Umstände mögen die klassische Entwicklung der Bourgeoisregierungsform, wie sie in Frankreich vor sich gegangen, in andren Ländern verhindert, und mögen gestattet haben, daß, wie in England, die großen zentralen Staatsorgane sich ergänzen durch korrupte Pfarreiversammlungen (vestries), geldschachernde Stadträte und wutschnaubende Armenverwalter in den Städten und durch tatsächlich erbliche Friedensrichter auf dem Lande. Die Kommunalverfassung würde im Gegenteil dem gesellschaftlichen Körper alle die Kräfte zurückgegeben haben, die bisher der Schmarotzerauswuchs "Staat", der von der Gesellschaft sich nährt und ihre freie Bewegung hemmt, aufgezehrt hat. Durch diese Tat allein würde sie die Wiedergeburt Frankreichs in Gang gesetzt haben. - Die Mittelklasse der Provinzialstädte sah in der Kommune einen Versuch zur Wiederherstellung der Herrschaft, die sie unter Louis-Philippe über das Land ausgeübt hatte und die unter Louis Bonaparte verdrängt wurde durch die angebliche Herrschaft des Landes über die Städte. In Wirklichkeit aber hätte die Kommunalverfassung die ländlichen Produzenten unter die geistige Führung der Bezirkshauptstädte gebracht und ihnen dort, in den städtischen Arbeitern, die natürlichen Vertreter ihrer Interessen gesichert. - Das bloße Bestehn der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht. Es konnte nur einem Bismarck einfallen, der, wenn nicht von seinen Blut- und Eisenintrigen in Anspruch genommen, gern zu seinem alten, seinem geistigen Kaliber so sehr zusagenden Handwerk als Mitarbeiter am "Kladderadatsch" zurückkehrt - nur einem solchen Kopf konnte es einfallen, der Pariser Kommune eine Sehnsucht unterzuschieben nach jener Karikatur der alten französischen Städteverfassung von 1791, der preußischen Städteordnung, die die städtischen Verwaltungen zu bloßen untergeordneten Rädern in der preußischen Staatsmaschinerie erniedrigt. - Die Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen - wohlfeile Regierung - zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob. Ihr bloßes Bestehn setzte das Nichtbestehn der Monarchie voraus, die, wenigstens in Europa, der regelrechte Ballast und der unentbehrliche Deckmantel der Klassenherr- |342| schaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich demokratischer Einrichtungen. Aber weder "wohlfeile Regierung" noch die "wahre Republik" war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei und von selbst.

    darin entdecken.


    http://www.mlwerke.de/me/me17/me17_319.htm


    Und Deine Dunbar-Zahl, Verzeihung, aber Entfremdung löst sich eben leider sehr langsam auf und wird durch Entfremdung erzeugende Gesellschaft immer wieder neu erzeugt. Die Zahl ist mMn nur Ausdruck dieser Entfremdung und ansonsten unsozialer Unsinn (oder Ausdruck eines zu großen Egos oder zu kleinen Gehirns). Woher weiß ich denn, wann die 250 voll sind und was mach ich mit Nr. 251? Und wen wirft der-/diejenige dann raus aus der Selbst(sucht)(hilfe)gruppe? Nr. 1 Mutter? Oder Nr. 2 Vater? Oder Onkel, Tante, Nachbar, Bruder, Schwester? Oder Paul, Lutz, Maria?

  • Uwe, ich kann nicht sehen, dass die dezentralen Einheitsstaaten Dänemark und Schweden einen mittelalterlichen Flickenteppich einer Art "mittlere Bürokratie", die zwischen Zentralstaat und Kommune stünde, wie eben in Deutschland der Fall, herausbilden würden. Das klare Gegenteil trifft zu. In der dänischen Verwaltungsreform von 2007 "wurde die Anzahl an Kommunen von 268 auf 98 gesenkt. Dabei blieben nur 30 Gemeinden unangetastet, 68 wurden durch Zusammenlegungen gebildet. Gleichzeitig wurden die Amtsbezirke, zwischen staatlicher und kommunaler Ebene angesiedelt, aufgelöst. Die meisten ihrer Aufgaben wurden auf die Kommunen verlagert, denen zugleich vom Gesetzgeber neue Aufgaben übertragen wurden."


    Die Kommunen bestehen dabei nicht nur aus Stadt- oder Landkommune, sondern jede städtische Kommune umfasst auch das ländliche Umland.


    Stimmig ist, dass von einer Volksmiliz und einer Abschaffung des Berufsbeamtentums keine Rede sein kann. Auch herrscht dort weiterhin Kapitalismus.


    Und ja, der Autor der PDF, Karl-Martin Hentschel, hat nicht vor die kapitalistische Marktwirtschaft abzulösen oder die sonstigen staatlichen Institutionen umzuwälzen. Das ist alles geschenkt, denn, wie Wal schrieb, sind die Motive nicht immer so wichtig, wenn die generelle Richtung stimmt. Die Richtung kann bei einer entsprechenden Bewegung auch in umfassendere Fahrwasser umgelenkt werden.


    Ich sehe die skandinavische institutionelle Ausformung gegenüber dem Föderalismus der BRD jedenfalls als positiver und tendenziell kommunalistisch an. Dass es noch vieler weiterer Schritte bedürfe, das habe ich bereits erwähnt und nahm an es wäre ersichtlich.


    Zur Dunbar-Zahl- und Entfremdungs-Debatte: Es ist viel diskutiert ob Entfremdung nicht zwangsläufig durch Unüberschaubarkeit und Zentralismus entsteht, weil ab einer hohen Komplexität eine kognitive wie emotionale Überforderung eintritt. Tendenziell werden jene aus der Gruppe geworfen, mit denen man emotional weniger am Hut hat. Das betrifft meistens entferntere Bekannte. Die Zahl ist natürlich nur ein beobachteter Richtwert bei Primatengruppen und indigenen Kulturen. Die 250er Marke wird aber so gut wie nie überschritten. Umso mehr also jemand vom Familien- und Freundeskreis entfernt ist, desto fremder er einem also wird, desto mehr bedarf es abstrakter Prinzipien um Mitgefühl aufzubringen, obgleich uns ein empathisches Potential angeboren ist.

  • Ich sehe es so, dass das Beibehalten von Lohnarbeit und Kapital immer wieder dazu führen wird, dass das jeweilige "Experiment" notwendig scheitern muss. Ich meine, dass das daran liegt, dass immer diejenige gesellschaftliche Struktur sich im Vergleich durchsetzen wird, die mehr Arbeit unbezahlt verrichten lässt. Das sollte doch aus den vergangenen "Sozialismusversuchen" ersichtlich sein, wenn man es nicht schon aus Marx, Engels etc. Werken herauslesen kann?


    Warum empfiehlt Marx die Losung: "Nieder mit dem Lohnsystem"?


    Zu Dieser Dunbar-Zahl. Du schreibst:


    Quote

    Unüberschaubarkeit und Zentralismus

    Und? Das "und" verschleiert das Tatsächliche. Unüberschaubarkeit rührt lediglich von durch Gesellschaftsformation erzeugtem begrenztem Horizont welcher durch Individualismus und Entfremdung geprägt ist. Kein Mensch kann in seinem Leben sämtliche Menschen des Planeten kennenlernen. Darum sollte es auch gar nicht gehen. Es sollte mMn einfach die Erkenntnis reifen, dass Jeder/Jede genau das gleiche an allem was das Leben bietet oder mehr, aber immerhin, mindestens, ebenso sämtliche Rechte zur Lebensgestaltung wie ich selbst und auch alle meine Dunbar-Kumpels/Kumpelinen verdient hätten ebenso verdient haben, haben dürfen, haben sollen. Die Beschränktheit der eigenen Intellektuellen Fähigkeiten oder die geringe Emphatische Intelligenz oder die zu stark gesteigerte Individualisierung kann doch nicht der Grund dafür sein, dass etwas nicht sein kann, was denkbar wäre?


    Deswegen soll das was oben zitiert von Marx als Empfehlung gegeben wurde nicht machbar sein und Mensch muss wieder beweisen durch Experiment, dass eine rückschrittliche Form gesellschaftlicher Prozesse lediglich wieder bei ihrer höchst entwickelten Form ankommt?


    Was wäre die höchst entwickelte Form der Lohnsklaverei? Aufstehen, arbeiten bis zum Tod und der nächste bitte...100% unbezahlte Arbeit. Und was ist die Grenze, dass das so nicht geht? Reproduktion des Menschen.


    Auch A. Smith und D. Ricardo hatten einmal sinniert, was passieren würde, wenn Vollautomation herrsche. (War irgend eine Fußnote in M/E-Werke, vielleicht finde ich sie noch mal). Sie stellten sich das so vor: Was wäre, wenn ein Mann morgens aufsteht, an einer Kurbel dreht und er hat alles, was er braucht. Beide waren sich einig, dass dann Kapitalismus unmöglich wäre. Aber ist diese Möglichkeit deshalb abzulehnen, oder eher erstrebenswert? Aber was zeigt dieses Beispiel? Was ist dann überflüssig? Und was haben alle bisherigen "Lösungen", auch DDR, SU und wie sie alle hießen und heißen gemeinsam?


    Quote

    Nieder mit dem Lohnsystem!

    http://www.mlwerke.de/me/me16/me16_101.htm#K14

    (unten S. 152)

  • Dass es letztlich um eine Überwindung des Kapitalismus und so eine Aufhebung der politischen Ökonomie des Kapitalismus im Sinne einer ökonomischen Politik (Wirtschaftsdemokratie) des Sozialismus gehen müsste, da gehe ich ja d'accord. Das war nur nicht das Thema. Ich wollte lediglich auf die Machbarkeit und das Bestehenn förderungswürdiger alternativer Kommunalverfassungen hinweisen. Gerade weil viele Leute Überlegungen die nicht erfolgreich bestanden haben (siehe Realsozialismus) oder spekulative Zukunftsszenarien (Neuer Sozialismus) oftmals als Phantasterei abtun, und es in einer Debatte sinnvoll sein kann auf real Bestehendes zu verweisen, das der eigenen Maximalforderung zumindest irgendwo nahe steht.


    Ob die Entfremdung bei weniger Individualismus und bei Aufhebung des Warenfetisch nicht mehr gegeben wäre, ist schwierig zu beantworten. Vermutlich wäre ihr ein Großteil genommen, wobei ich anti-individualistische Schlagseiten immer problematisch finde, da sie einen Gegensatz zwischen Individualität und Gesellschaft aufmachen, den es in einer nachkapitalistischen Gesellschaft so nicht geben müsste, ohne dabei in Kollektivismus zu verfallen.


    Dass jeder auch außerhalb seines "Dunbar-Kreises" genügend soziale, kulturelle wie materielle Grundrechte haben sollte und es um einen universell-humanistischen Anspruch geht, da stimme ich ebenfalls mit überein. Die Dunbar-Zahl sagt ja nicht, dass ein kosmopolitisches Bewusstsein nicht möglich wäre. Mit diesem wird man eben nur nicht geboren, sondern es bedarf dazu einer gewissen Ethik die Abstraktionsvermögen benötigt.


    Allerdings ist dieses Vermögen heute Allgemeingut bzw. kann von jedem angezapft werden und wird gemeinhin als ethisch "normal" gesehen. Einfacher: Es gilt heute gemeinhin als Allgemeinplatz, dass für jeden die Menschenrechte gelten (sollten), auch wenn es für einige Individuen schwierig sein mag mit Menschen, die sie nicht persönlich kennen, empathisch zu sein.


    Ich bleibe jedoch dabei, dass eine Gesellschaft ein relativ einfaches, nahezu für jeden verständliches Rechts- und Wirtschaftssystem bedarf um überhaupt transparent und gemeinschaftlich-kooperativ von allen gesteuert zu werden. Das benötigt einerseits ein Mehr an freier Zeit, welche die Automatisierung ermöglicht, das stimmt. Andererseits wäre es kein Fortschritt, wenn man zwar nur noch 3 Stunden am Tag arbeitet, dafür aber 5 Stunden mit Verwaltung, Entscheidungsfindungen etc. beschäftigt wäre. Um verästeltes Expertentum zumindest drastisch zu reduzieren, bedarf es also auch inhaltliche Übersichtlichkeit.


    Da Entscheidungen am Besten von jenen getroffen werden sollten, die von ihnen betroffen sind, und die meisten Sachfragen entsprechend lokaler Natur sind, spricht eben vieles dafür die Komplexität durch einen kommunal-regional-kontinentalen subsidiarischen Aufbau zu reduzieren. Die ökologischen Argumente habe ich bereits genannt. Weiterhin soll es natürlich inter-/transnationale Zusammenarbeit geben. Diese ist, wie mehrfach herausgestellt, heute notwendiger denn je. Hierzu fiel ja das Stichwort "Glokalität".


    Produktivkraft-Kritik muss übrigens nicht bedeuten nur auf alte Techniken zurückgreifen zu müssen, auch wenn das vielleicht, gerade was die Landwirtschaft anbelangt (aus Mangel an technischen Alternativen die obendrein wenig Energie verbrauchen) in gewissem Umfang notwendig sein mag. Auf der anderen Seite müssten in manchen Sektoren viel stärker Hochtechnologien gefördert werden, die heute ein kümmerliches Dasein pflegen. Welche Technologien mit einer arbeitsorganisatorisch selbstbestimmten und ökologischen Gesellschaft vereinbar sind, muss diese dann selbst entscheiden.


    Aus dem Staatssozialismus und dem naiven geschichtsobjektivistischen Fortschrittsoptimismus der frühen Moderne lässt sich also lernen: Nicht jeglicher technischer Fortschritt ist gut, nicht jeglicher Rückschritt schlecht, andererseits könnte und müsste manche technologische Entwicklung schneller laufen oder modifiziert werden.

  • Quote

    Mit diesem wird man eben nur nicht geboren

    Da stimme ich zum Beispiel nicht mit Dir überein. Die Menschen, die existieren, sind die Wirkung der bestehenden Gesellschaft und nicht Ursache für diese. Als Mensch werde ich mit allem geboren, was mir ermöglicht alles zu lernen, zu erreichen, mir und anderen zu ermöglichen, etc.


    Kennst Du das Buch von Herrman Duncker "Jeder kann alles lernen"? (Allein die Überschrift ist Antwort genug!)


    Quote

    auch wenn es für einige schwierig ist mit Menschen die man nicht persönlich kennt empathisch zu sein.

    Woher soll ich überhaut wissen, dass Dunshamal Keljovala existiert? Es geht weder darum Alle zu kennen, noch darum mit Allen emphatisch sein zu können. Sie sind Menschen. Ob, wo, wann sie existieren ist überhaupt nicht von Belang. Sie haben aber trotzdem alles das haben zu dürfen, was ich haben darf. Und darin ist auch Dein zweiter Passus erledigt:


    Quote

    anti-individualistische Schlagseiten immer problematisch finde, da sie einen Gegensatz zwischen Individualität und Gesellschaft aufmachen

    Auch darum geht es gar nicht, weil alles das was ich für Andere gelten lasse selbstverständlich ebenso für mich fordere. Wieso glaubt immer gleich jeder, dass man Hemd uns Hose verschenken will, wenn man Anderen Hemd und Hose gönnt?


    Quote

    Ich bleibe jedoch dabei, dass eine Gesellschaft ein relativ einfaches, nahezu für jeden verständliches Rechts- und Wirtschaftssystem bedarf um überhaupt transparent und gemeinschaftlich-kooperativ gesteuert zu werden.

    Und genau da zeigt sich die eigene Beschränktheit des Denkens und der Vorstellungen. Oder wolltest Du behaupten, dass ich und alle Anderen (Wer denn, mal Butter bei die Fische?) nicht Deinen "hohen Horizont" haben und es "ganz einfach brauchen"?



    Quote

    Das benötigt einerseits ein Mehr an freier Zeit, welche die Automatisierung ermöglicht, das stimmt.

    "Das" benötigt als aller erstes die Freiheit von Zwang. Und alles Andere könnte man dann allen Anderen überlassen, wenn man denn nicht dauernd sich selbst als intellektuell und sonst überlegen und alle Anderen als "einfach gestrickt" betrachten würde.


    Quote

    Andererseits wäre es kein Fortschritt wenn man zwar nur noch 3 Stunden am Tag arbeitet dafür aber 5 Stunden mit Verwaltung, Entscheidungsfindungen etc. beschäftigt wäre. Um verästeltes Expertentum zumindest drastisch zu reduzieren, bedarf es also auch inhaltliche Übersichtlichkeit.

    Und woher willst Du wissen, dass Du derart schwierige Verwaltungsaufgaben bekommen würdest? Die sind doch zu hoch für Dich. Oder meinst Du für mich? Warum muss aber immer wieder diese Einteilung herhalten? Es ist immer wieder der gleiche Zwang. Auch hier wieder ein Schema, damit man ja nicht die Kontrolle verliert, weil dann, ja dann, wären ja alle anderen Faul. Und dass sie zu dumm für Dich sind hast Du ja gerade erst geschrieben. Was, wenn ich Dir sage, dass ich glaube, Du sprichst in einem Spiegel?


    Muss denn wirklich jeder "Arbeiten", wenn Marx schreibt, dass alle "Arbeiter" sind? Darf Dich ein Arzt operieren, wenn Du eine schwierige Operation brauchst und diese 8 Stunden oder länger dauert, oder müssen sich 2-3 Ärzte abwechseln, denn die müssen ja noch ins Stahlwerk, die Bäckerei, das Klärwerk (^^) nebenan?

    Quote

    und diese meist lokaler Natur sind

    Und warum nur diese? Warum nicht sämtliche Entscheidungen? Warum glaubst Du Andere könnten nicht genauso viel wie jeder Andere? Und warum müssen Alle zu jederzeit Alles können? Wenn aber nicht Alle zu jederzeit Alles machen brauchen/ machen können, warum müssen aber dann alle nur die kapitalistisch gesehen "produktiven" Arbeiten machen sollen? Ist nicht auch dies wieder durch die Entfremdung begrenzte Ansicht?

  • Wir scheinen zunehmend aneinander vorbeizuschreiben. Im Endeffekt stimmst du mir ja zu, dass Empathie zum Teil eine kulturelle und keine nur natürliche Errungenschaft ist, auch wenn sie biologische Grundlagen hat. Und ja, man kann es lernen. Allerdings gibt es da evolutionsbiologisch bedingte Tendenzen und einer hat mehr Potential für emotionale Intelligenz, andere weniger. Insofern kann jeder alles lernen aber nicht in allem gut werden.


    Was die Vereinfachung der Rechts- und Verwaltungsaufgaben anbelangt, nehme ich mich da mit rein: Wenn man nicht Experte in einem Gebiet ist, kann man nicht alles wissen, einfach weil der derzeitige Rechts- und Verwaltungsrahmen zu komplex ist. Ich sage nicht, dass es keine Experten mehr geben sollte oder geben wird, halte es aber für vorteilhaft die Arbeitsteilung durch Vereinfachung bzw. Herstellung von Überschaubarkeit zu reduzieren. Ich wüsste nicht was dagegen auszusetzen sein soll.


    Deine Entgegnungen machen mir den Eindruck, dass du entweder selektiv liest oder Spaß an polemischen Scheingefechten hast.

  • Ich glaube in Deiner Verteidigung (warum eigentlich denkst Du so?) glaubst Du Scheingefechte führen zu müssen.


    Wieso glaubst Du, dass ich eine allgemeine Aussage machen will, wenn ich eine Aussage über einen oder mehrere Thesenschreiber (Dunbar-Zahl-Erfinder) niederschreibe? Wenn ich schreibe, dass sie einzig über sich schreiben und ihre eigene Beschränktheit nur ihre eigene ist, über die sie schreiben, glaubst Du, dass ich eine allgemeine Aussage über alle Menschen machen wollte?


    Welche biologischen Grundlagen hat denn Empathie? Kannst Du welche nennen? Und welche evolutionsbedingten Tendenzen für emotionale Intelligenz kennst Du?


    Für mich sind die gesellschaftlichen Einflüsse der treibende Faktor und nicht die Biologie. Das wollte ich Dir in Beziehung auf die Menschen, die Systeme entwickeln die auf Beschränktheit Anderer gründen, mit dem Duncker-Zitat sagen. Nicht mehr.

  • Hallo Uwe,

    Wo immer du "bohrende Fragen" stellst, trittst du als Staatsanwalt auf, der einen Angeklagten in die Mangel nimmt. Nicht umsonst nennst du Marios Antwort "Verteidigung".

    Das ist kein respektvoller Umgang und erst recht keine herrschaftsfreie Diskussion.

    Im Marx-Forum werden die kapitalistischen Verhältnisse angeklagt, nicht Personen.

    Wo wir meinen, dass eine Person falsch liegt (und jeder von uns liegt irgendwo falsch), befinden wir uns nicht in der Rolle des Anklägers, sondern in der Rolle eines Arztes, der einem Patienten erklärt, wo er ein Problem hat - nach dem Motto: "Nicht den Patienten, sondern die Krankheit bekämpfen!"


    Gruß Wal

  • Hallo Uwe, hallo Mario,

    zur Dunbar-Zahl will ich auch meinen Senf dazugeben - es mag sie geben oder nicht. Falls sie es gibt, ist sie wohl genetisch verankert, aber alles Genetische ist durch Evolution und Gesellschaft erworben und das Erworbene wird irgendwann auch vererbt.*

    Dass die Dunbar-Zahl in Zusammenhang mit linken Gesellschaftsentwürfen gebracht wird, finde ich seltsam. Ich denke, alles Gesellschaftliche ist längst den engen Verhältnissen einer Sippe oder einer Großverwandtschaft entwachsen. Das ist vor allem der Erfolg der warenproduzierenden Gesellschaften, dass sie Sachzusammenhänge an die Stelle von familiärer oder freundschaftlicher Verbundenheit gesetzt haben. Wenn wir eine Ware im Internet bestellen, kennen wir weder die Produzenten, noch die Lieferanten, aber wir haben das Vertrauen, dass das jeweilige Interesse am Äquivalententausch stark genug ist, damit sich beide Seiten an die Regeln halten. Da gehen zwei Seiten vertragliche Bindungen ein, die sich nicht kennen.

    Auch wenn wir an einer dunklen Straßenecke überfallen werden und um Hilfe rufen, geschieht das in dem Glauben, dass Kriminelle eine Minderheit sind, und dass die Mehrheitsmenschen uns helfen werden. Bei einem Verkehrsunfall gilt es als Skandal, wenn andere Autofahrer nicht anhalten und helfen.

    All das geschieht nicht aus Empathie - Empathie ist nur ein neues Wort für "Mitleid"-, sondern aus dem Bewusstsein gemeinsamer Interessen: Ich helfe in einer Situation und erwarte in einer anderen Situation, dass andere mir helfen.

    Die Basis der nachkapitalistischen Gesellschaft ist nicht Empathie oder Sympathie, sondern das Bewusstsein gemeinsamer Interessen. Grundlage dieses Bewusstseins ist die Erfahrung mit der gemeinsamen Produktion von Bedarfsgütern und Dienstleistungen. Dazu trägt jeder nach seinen Fähigkeiten bei und nimmt sich nach seinen Bedürfnissen. Dieses Nehmen ist nur begrenzt durch Menge und Qualität des gemeinsamen Arbeitsprodukts. Diese Verhältnisse sind für alle durchsichtig: Jeder sieht, was jeder andere zum gemeinsamen Arbeitsprodukt beiträgt. Jeder sieht, was jeder Andere vom gemeinsamen Arbeitsprodukt verzehrt.

    Die gesellschaftliche Durchsichtigkeit bedingt natürlich auch eine gewisse lokale und regionale Nähe, eine Nähe, die auch aus ökologischen Gründen sinnvoll ist.

    250 Leutchen reichen aber hinten und vorne nicht für halbwegs umfassende Produktionsbedingungen. Ich rechne mit Größeneinheiten von 50.000 bis 100.000 Menschen. Mit beiden Größen gibt es praktische Erfahrungen beim Militär. 50.000 Leute ist die Größe einer Armee. 100.000 ist die Größe einer Heeresgruppe. Beide Größenordnungen sind erfahrungsgemäß mit modernen Informationsmitteln noch überschaubar. Bessere Kommunikationsmittel (Internet etc.) machen auch noch größere Gesellschaften überschaubar. Mit solchen Größenordnungen sind wir aber weit, weit entfernt von der "Dunbar-Hürde".

    Gruß Wal

    * "Indem die moderne Naturwissenschaft die Vererbung erworbener Eigenschaften anerkennt, erweitert sie das Subjekt der Erfahrung vom Individuum auf die Gattung; es ist nicht mehr notwendig das einzelne Individuum, das erfahren haben muss. Seine Einzelerfahrung kann bis auf einen gewissen Grad ersetzt werden durch die Resultate der Erfahrungen einer Reihe seiner Vorfahren. Wenn bei uns z. B. die mathematischen Axiome jedem Kind von acht Jahren als selbstverständlich, keines Erfahrungsbeweises bedürftig erscheinen, so ist das lediglich Resultat ‚gehäufter Vererbung‘.“ F. Engels, Naturdialektik, MEW 20, 529.

  • Wäre eine gesonderte Debatte ob Empathie (Einfühlung) und Mitgefühl/-leid identisch sind, weil man auch etwas nachempfinden kann ohne inneren Anteil daran zu haben. Im Endeffekt ist es eine unwichtige Begriffsdefintion und Offtopic.


    Wenn du vom Unterschied zwischen familiärer und freundschaftlicher Sympathie und dem Bewusstsein gemeinsamer Interessen schreibst, dann verweist du damit auf den wichtigen Unterschied von Gemeinschaftlichkeit und Gesellschaftlichkeit. Etwas, das bei den Keimform-Debatten selten differenziert wird. Deren Diskurse bewegen sich meist auf der Grundlage von Gemeinschaftlichkeit, weshalb sie für die offenen Fragen einer nachkapitalistischen Gesellschaftlichkeit nur bedingt Antworten liefern können.


    Ich frage mich wie du Durchsichtigkeit verstehst. Einsicht in alle ökonomisch relevanten Informationen? Ich halte es nämlich nach wie vor problematisch wenn eine Planstelle meine Individualbedürfnisse und den entsprechenden Konsum erfasst und "Jeder sieht, was jeder Andere vom gemeinsamen Arbeitsprodukt verzehrt." Sowas kann schnell in kollektivistischen Gruppendruck enden. Das ist ja auch nach wie vor meine Kritik am Modell der Kommune Bochum. Ich behaupte, es kann zwar eine Rahmenplanung geben, ein Zurück hinter den "anonymen" Konsum und dessen entsprechende Wahlfreiheit ist jedoch nicht wünschenswert. Aber vielleicht sind meine Einwände argumentativ stark anfechtbar.


    Dein Verweis auf Größenordnungen von 50.000 bis 100.000 Menschen als Basis der kooperativen Produktion finde ich interessant, da mir eine ähnliche Zahl vorschwebt. Viele Ortsteile deutscher Großtstädte haben eine ähnliche Einwohnerzahl und, womit wir wieder zurück beim Eingangsthema wären, die durchschnittliche Einwohnerzahl einer dänischen Kommune nach der Kommunalreform von 2007 liegt bei 43.000 bis 100.000 Einwohner/innen. Dies scheint die ungefähre Größenordnung zu sein um moderne öffentliche Kommunaldienste effektiv und selbstverwaltet betreiben zu können.

  • Quote

    Ich frage mich wie du Durchsichtigkeit verstehst.

    „Stellen wir uns ... einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewusst als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. ...

    Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Es bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muss daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besonderen Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschicht­lichen Entwicklungshöhe der Produzenten. (...)

    Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 92f.


    (Hervorhebung von w.b.)

  • Da das Thema ja jetzt allgemein "Kommunen ins Zentrum rücken!" heißt, hier eine Fundsache bezüglich Integration/Inklusion von Migranten und inwieweit Kommunen ein postnationales Identifikationsgefühl schaffen können: "Fragt man die Migranten nach ihrer nationalen Identifikation, also ob Sie sich als Deutsche fühlen, ist dies nicht sonderlich ausgeprägt. Der Wert liegt um 40 Prozent, in Zürich und Stockholm ist die Identifikation mit dem neuen Heimatland größer. Fragt man jedoch nach der Identifikation der Menschen mit ihrem Stadtteil, so sind die Werte erstaunlich. In Berlin liegen sie bei fast 80 Prozent, deutlich höher als im internationalen Vergleich. Offenbar gibt es also bei vielen Menschen, auch wenn sie schon in zweiter Generation in Deutschland leben, wenig ausgeprägten Nationalstolz auf die neue Heimat, wohl aber sind die Menschen in ihrer Stadt beziehungsweise ihrem Stadtteil angekommen und integriert. " (Quelle)

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