Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

  • Ich lese sehr gerne Biografien, etwas weniger oft Autobiografien. Ich finde darin einen individuellen, erlebnisreichen Blick auf Zeiten und Regionen, von denen historische Bücher oder Statistiken nur abstrakte, globale Darstellungen bieten.

    Das autobiografische Buch von Didier Eribon habe ich deshalb mit großem Interesse begonnen. Mein Interesse hat der Autor dann zunehmend strapaziert.

    Das Buch „Rückkehr nach Reims“ enthält die Lebensgeschichte eines schwulen Arbeiterjungen, der zum Professor, zum bewunderten Intellektuellen aufgestiegen ist. Jeder Abschnitt, jede Begebenheit in dem Buch wiederholt diesen Sprung ins Intellektuelle bis zum Überdruss. Eribon beginnt immer mit einem konkreten Detail, einem Foto, einer Erinnerung von ihm oder von seiner Mutter. Leider werden diese Erlebnisse nur kurz angerissen, dann springt Eribon sofort in irgend ein Buch, das angeblich die Quintessenz seines Erlebnisses enthält. Jede seiner Erinnerungen gerät Eribon zum bloßen Anlass, um seine Intellektualität und Belesenheit zu demonstrieren.

    Lassen wir Didier Eribon selbst sprechen (S. 27):

    „‘Wer ist das?‘ fragte ich meine Mutter. ‚Na, dein Vater, erkennst du ihn nicht?‘, antwortete sie mir. ‚Weil du ihn so lange nicht gesehen hast, was?‘ Ich hatte meinen Vater auf diesem Foto, das ihn kurz vor seinem Tod zeigte, tatsächlich nicht erkannt. Er war schrecklich gealtert, abgemagert, in sich zusammengesunken, mit glasigem Blick. Es dauerte eine Weile, bis ich diesen geschwächten Körper mit dem Mann in Verbindung bringen konnte, den ich gekannt und so tief verachtet hatte, diesen dummen und gewalttätigen Menschen, der mehr brüllte als sprach. Der Anblick des Fotos verwirrte mich, weil ich verstand, dass mein Vater in den Monaten vor seinem Tod nicht mehr dieser mir verhasste Tyrann gewesen war, sondern ein mitleiderregendes Wesen, ein entkräfteter, harmloser, von Alter und Krankheit geschlagener Schatten seiner selbst.

    Beim Wiederlesen von James Baldwins wunderbarem Text über den Tod seines Vaters bin ich an einer Bemerkung besonders hängengeblieben. Baldwin erzählt, wie er seinen Besuch bei dem, um dessen Krankheit er sehr wohl weiß, möglichst lange vor sich herschiebt. ...“

    Dann wird mir als Leser zitiert und kommentiert, was James Baldwin in einem Buch über den Tod seines Vaters zu schreiben wusste. Ich habe aber kein Buch von Baldwin in der Hand, sondern von Eribon. Ich würde gern wissen, was Eribon über den Tod seines Vaters denkt, nicht was Eribon bei Baldwin zum Thema „Tod des Vaters“ gelesen hat.


    Von einigen Linken wurde die „Rückkehr nach Reims“ hoch gepriesen, weil der Autor damit nicht nur den Abschied von seiner Familie und ihren engen Verhältnissen präsentiert, sondern auch seinen „Abschied aus der Arbeiterklasse“ und sein Übergang ins bürgerliche Milieu erzählt und begründet. Jedoch alles, was Eribon von der Arbeiterklasse erfährt und weiß, ist ärmlich und beschränkt. Er kennt das Leben der Arbeiter nur aus den eigenen, engen Familienverhältnissen einer ungebildeten, prekären Arbeiterschicht. Dass die Arbeiterklasse im Kapitalismus ein großer, kollektiver Arbeitskörper ist, davon weiß Eribon nichts. Einzelmenschen sind keine „Arbeiterklasse“. Wer unbedingt ein Einzelbild benötigt, um sich „Arbeiterklasse“ vorzustellen, der sollte sich wenigstens einen gut ausgebildeten Facharbeiter, Techniker oder Ingenieur vor Augen führen – aber bitte am Arbeitsplatz und nicht am Tresen!


    Dass Didier Eribon sich aus seinen engen sozialen Verhältnissen befreien wollte, das will ich ihm gewiss nicht zum Vorwurf machen. Dass er sich als Einzelner davon befreien konnte, das war, wie er selbst eingesteht, teils seinem Bemühen, aber auch seinem Glück geschuldet. Während seines sozialen Aufstiegs zählt er viele „Ehemalige“ auf, die es „nicht geschafft“ haben. Das ganze Buch ist eine Klage darüber, dass man ihm den sozialen Aufstieg so schwer gemacht hat.

    Es war jedoch nicht nur Glück und eigenes Bemühen. Er gibt auch zu: "Widerstand hätte meine Niederlage bedeutet. Unterwerfung war meine Rettung." (S. 160)

    Eribons Buch endet mit der Feststellung:

    „Heute bin ich Professor. Als ich meiner Mutter erklärte, dass man mir eine Stelle angeboten hatte, fragte sie ganz gerührt: ‚Und was für ein Professor wirst du, Philosophie?‘ ‚Eher Soziologie.‘ ‚Soziologie?‘, erwiderte sie, ‚hat das was mit der Gesellschaft zu tun?“

    Mit dieser Frage endet das Buch: Hat Soziologie was mit der Gesellschaft zu tun?

    Ich denke, das Buch von Eribon hat wenig „mit der Gesellschaft zu tun“, sondern sehr viel damit, wie ein Einzelner aus engen Verhältnissen es trotz aller Hindernisse geschafft hat, eine angesehene „Stelle“ im Staatsdienst zu ergattern.

    Die Großbürger nennen Menschen, die in ihre elitären Reihen aufsteigen „Selfmademan“. Diese Bezeichnung trifft auch auf Didier Eribon zu,

    Wal Buchenberg, 11.09.2017


    Siehe auch:

    Know-How im Kapitalismus

  • Die Arbeiterklasse besteht (oder bestand) eben zu viel größeren Teilen aus prekären Arbeitern, als aus ausgebildeten Facharbeitern, Technikern oder Ingenieuren. Mich hat das Buch sowohl in Bezug auf die Autobiografische Erzählung als auch auf die soziologischen Theorien überzeugt.

  • Die Arbeiterklasse besteht (oder bestand) eben zu viel größeren Teilen aus prekären Arbeitern, als aus ausgebildeten Facharbeitern, Technikern oder Ingenieuren. Mich hat das Buch sowohl in Bezug auf die Autobiografische Erzählung als auch auf die soziologischen Theorien überzeugt.

    Hallo Wolf,

    welche Arbeiterklasse besteht oder bestand zu "viel größeren Teilen aus prekären Arbeitern"? Die Arbeiterklasse in Nordfrankreich, die Arbeiterklasse in dem Örtchen, in dem D. Eribon aufgewachsen ist, die Arbeiterklasse als Klasse?

    Ist das Eribons "soziologische Theorie", die dich überzeugt hat?


    Ich hatte in meiner Rezension geschrieben:

    "Von einigen Linken wurde die „Rückkehr nach Reims“ hoch gepriesen, weil der Autor damit nicht nur den Abschied von seiner Familie und ihren engen Verhältnissen präsentiert, sondern auch seinen „Abschied aus der Arbeiterklasse“ und sein Übergang ins bürgerliche Milieu erzählt und begründet. Jedoch alles, was Eribon von der Arbeiterklasse erfährt und weiß, ist ärmlich und beschränkt. Er kennt das Leben der Arbeiter nur aus den eigenen, engen Familienverhältnissen einer ungebildeten, prekären Arbeiterschicht. Dass die Arbeiterklasse im Kapitalismus ein großer, kollektiver Arbeitskörper ist, davon weiß Eribon nichts." Dieser kapitalistische Arbeitskörper schließt notwendig Hand- und Kopfarbeit ein. Davon hat Eribon keine Ahnung.

    Ich fand keine "soziologische Theorie" bei Eribon, aber dafür viele private Vorurteile.


    Gruß Wal


    P.S. Dass "Arbeiterklasse" notwendig Hand- und Kopfarbeit umfasst, das zeigt uns schon jede einzelne Ware, die wir kaufen können, aber auch jede gewerkschaftliche Tariflohntabelle.


    Karl Marx über "Arbeiterklasse"

  • Wolf Schmid


    Wenn einer den Wechsel ehemaliger Kommunisten zu den Neofaschisten damit erklärt, dass jene in ihrem Herzen eigentlich Rassisten seien und deren Linkssein eigentlich nur so etwas wie eine Attitude sei, nicht als solche angesehen zu werden, der überzeugt in der Tat soziologisch.



    Säzzer: Achtung Ironie!

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