Fußballer sind Zirkuspferde

  • Dass die Spieler von Borussia Dortmund einen Tag nach einem Versuch sie alle umzubringen, wieder auf den Platz mussten, kommentierte der Abwehrspieler Sokratis mit den Worten: "Wir wurden wie Tiere behandelt und nicht wie Menschen." Richtig gesagt.
    Und auch der BVB-Trainer beschwerte sich: Sie seien behandelt worden, „als wäre eine Bierdose an unseren Bus geflogen“. Musste denn auch der durch ein Knalltrauma verletzte Polizist am nächsten Tag zur Arbeit erscheinen?


    Man kann sich fragen, ob Fußballer nicht jeden Tag wie Tiere – nämlich wie teure Zirkuspferde behandelt werden.
    Fußballer sind eine Ware, mehr noch als jeder von uns. Sie können nicht einmal ihren Arbeitgeber frei wählen. Die BVB-Führung hatte weder den Trainer noch einen Spieler gefragt, als sie mit der Uefa den kurfristigen Spieltermin ansetzten.


    Das haben Fußballer mit allen anderen Lohnabhängigen gemein: Sie entscheiden nicht selbst, wann sie arbeiten, sie entscheiden nicht selbst, wo sie arbeiten. Sie entscheiden nicht selbst, was sie arbeiten. Fußballer haben nicht einmal eine Gewerkschaft.


    Nebenbei: Was einem Lohnarbeiter angetan wird, wird allen Lohnabhängigen angetan. Solidarität unter Lohnarbeitern ist keine Einbahnstraße von den Besserverdienenden zu den Billiglöhnern und Arbeitslosen. Genau so notwendig ist die Solidarität der Arbeitslosen und Niedriglöhner mit den Besserverdienenden.



    Gruß Wal

  • Oben hatte ich geschrieben, dass Fußballer Waren sind.
    Sie sind nicht nur Waren, sondern sogar sehr wertvolle Waren - im Fachjargon "Assets" genannt.
    Das Eigenkapital des BVB wurde 2016 mit gut 300 Millionen Euro beziffert. Davon machte der eingetragene (Buch)Wert der Spieler knapp 100 Millionen Euro. Der Verkaufswert der Spieler auf dem Transfermarkt machte dagegen rund 340 Millionen Euro.


    Diese "Assets" des BVB wollte der BVB-Bomber beseitigen, um den Aktienkurs des Vereins in seinem Sinn zu manipulieren.
    Erfahrene Börsianer erreichen das mit weniger brachialen Mitteln.

  • Der Täter war also ein radikaler Kapitalist. Und der BVB musste am nächsten Tag spielen, um ein Zeichen gegen die Motive des Täters zu setzen (Wurde ja zumindest so kommuniziert), also gegen den Kapitalismus. Ironie des Schicksals. Kann man das so sagen?


    Wobei ich Ihnen oben etwas widersprechen muss. Wir leben ja in einer Welt der Konsumfreiheit. Heißt mehr Geld = mehr Freiheit. Auf dem Level eines BVB-Spielers ist das schon sehr viel Freiheit und auch soviel, dass ich diese Fußballer nicht mehr als Lohnabhängige bezeichnen würde. Diese Spieler spielen nicht mehr Fußball, weil sie ihre Existenz sichern müssen, sondern die könnten sich auch mit Mitte 20 einfach bequem zur Ruhe setzen, sind halt nicht auf kommerzielle Arbeit angewiesen. Die spielen also Fußball und unterschreiben Verträge, weil sie bock drauf haben und nicht weil sie drauf angewiesen sind. Das ist schon ein wesentlicher Unterschied zu wirklichen Lohnabhängigen.

  • Hallo Juninho,


    daß mehr Geld gleich mehr Freiheit heißt, ist mir neu.


    Ok, wenn Du das so definiert, gehe ich soweit mit, daß einem ein mehr an Geld mehr Möglichkeiten gibt zu entscheiden, wofür wir es ausgeben (können und wollen).


    Noch einmal etwas anderes ist es, ob da jemand lohnabhängig ist oder nicht.


    Was ich schnell feststellen kann ist, ob einer Lohnarbeiter ist oder nicht.
    Das sind diese Fußballer ohne jeden Zweifel.


    Sind sie lohnabhängig?
    Ich weiß es nicht und ich denke, Vermutungen darüber helfen da nicht wirklich.


    Wir müßten wissen, womit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.
    Erst wenn sie diesen allein aus dem Erlös von (angelegtem oder eingesetztem Geld) Kapital bestreiten, sind sie nicht mehr lohnabhängig.


    Es mag absurd klingen, aber ein Kontostand oder eine Lohnhöhe sagt für mich definitiv nichts darüber aus, welche Stellung jemand zu den Produktionsmitteln hat und schon gar nicht, wie oder ob jemand in Freiheit lebt.


    Liebe Grüße - Wat.

  • Hallo Juninho, hallo Angela,
    von mir noch ein paar Fakten zu den Profifußballern:


    Derzeit sind in Deutschland 3 Mio Fußballer aktiv in 160.000 Mannschaften - bezahlt und unbezahlt.
    Nur 1.500 von diesen 3 Millionen können vom Sport leben. Das sind die Kicker, die in den ersten drei deutschen Fußballligen kicken. Für alle anderen gilt ein offizieller Mindestlohn von 250 Euro im Monat.


    Vom "Fußball leben" können allerdings rund 15.000 Leute, die bei den Bundesligavereinen der 1. und 2. Liga fest angestellt sind. Vom Platzwart über die Trainer, den Kartenverkäufern bis zur Vereinsführung.
    Für diese Angestellten gelten alle üblichen Schutzbestimmungen für Lohnarbeit. Für aktive Fußballer gilt das moderne Arbeitsrecht faktisch nicht. Oder hat man je davon gehört, dass ein Fußballprofi eine Babypause eingelegt hat, auf die alle Lohnabhängigen gesetzlichen Anspruch haben?


    Was ist mit den Gehältern? In der ersten Bundesliga liegen die Jahresgehälter im Millionenbereich. In der zweiten Bundesliga liegt das Durchschnittsgehalt der "Spieler" bei 450.000 Euro im Jahr (brutto), macht 37.500 Euro im Monat. Das sieht viel aus, aber das ist ein Gehalt, das maximal 10 Jahre lang gezahlt wird, dann ist der Körper zerschlissen und der Spieler wird in (unbezahlte) Frührente geschickt.
    Dass diese bezahlten Zirkuspferde "Spieler" heißen, führt in die Irre. Aufgabe des Trainers ist, jeden Tag und jede Woche das Maximum aus ihrem Körper herauszupressen. Ein Fußballer, der nur spielt, weil es ihm "Spaß macht" und soweit es ihm Spaß macht, der fliegt schnell aus der Mannschaft und landet im Abseits.


    Carsten Ramelow (früher bei Bayer Leverkusen) sagte: „Nur rund zehn Prozent aller Spieler haben nach Ende ihrer Karriere für den Rest ihres Lebens wirklich ausgesorgt.“
    Zehn Prozent von 1.500 Profikickern macht 150 Leutchen. Dazu gehört zum Beispiel Philipp Lahm, der zum Ende seiner Karriere rund 60 Millionen Euro Vermögen "beiseite gelegt" hat. Bei einer dreiprozentigen Verzinsung dieses Kapitals kann er mit einem Jahreseinkommen von 180.000 Euro bis an sein Lebensende rechnen.
    90 Prozent der Profifußballer benötigen nach ihrer ersten Lohnarbeit im Dienste des Bundesligavereins eine zweite - normale - Karriere Lohnknechtskarriere bei "normalen" Kapitalisten - oder als kleiner Gewerbetreibender mit Kiosk, Reisebüro oder Kneipe.


    Gruß Wal Buchenberg


    Anhang: Marx über Lohnarbeit
    Dass für Spitzenleistungen auch Spitzenlöhne gezahlt werden, ist kein "Trick" der Kapitalisten:
    „Um die allgemein menschliche Natur so zu modifizieren, dass sie Geschick und Fertigkeit in einem bestimmten Arbeitszweig erlangt, entwickelte und spezifische Arbeitskraft wird, bedarf es einer bestimmten Bildung oder Erziehung, welche ihrerseits eine größere oder geringere Summe von Dienstleistungen und Waren kostet.
    Je nach dem mehr oder minder qualifizierten Charakter der Arbeitskraft sind ihre Bildungskosten verschieden. Diese Erlernungskosten ... gehen also ein in den Umkreis der zu ihrer Produktion verausgabten Werte.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 186.


    Aller Lohnarbeit ist gemeinsam, dass sie der Herrschaft der Kapitalisten unterworfen sind.
    „Das Kapital ist also die Regierungsgewalt über die Arbeit und ihre Produkte. Der Kapitalist besitzt diese Gewalt, nicht seiner persönlichen oder menschlichen Eigenschaften wegen, sondern insofern er Eigentümer des Kapitals ist.“ K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 484.


    Aller Lohnarbeit ist gemeinsam, dass jedem Lohnarbeiter Armut droht, dessen Arbeitskraft (durch Krankheit oder durch "technischen Fortschritt") für die Kapitalisten keinen Profit bringt:
    „In dem Begriff des freien Arbeiters liegt schon, dass er Armer ist, potenzieller Armer. Er ist seinen ökonomischen Bedingungen nach bloßes lebendiges Arbeitsvermögen, ... Bedürftigkeit nach allen Seiten hin, ohne materielle Mittel, seine Arbeitskraft für sich zu nutzen. Kann der Kapitalist seine Mehrarbeit nicht brauchen, so kann er seine notwendige Arbeit für seinen Lebensunterhalt nicht verrichten, seine Lebensmittel nicht produzieren. (...)
    Als Arbeiter kann er nur leben, soweit er sein Arbeitsvermögen gegen den Teil des Kapitals austauscht, der den Lohnfonds bildet. Dieser Austausch selbst ist an für ihn zufällige, gegen seine Person gleichgültige Bedingungen geknüpft.
    Er ist also potenzieller Armer. ...
    Es ist nur in der auf das Kapital gegründeten Produktionsweise, dass die Armut erscheint als Resultat der Arbeit selbst, der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit.“ K. Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, 497f.

  • Hi all,

    daß mehr Geld gleich mehr Freiheit heißt, ist mir neu.


    Ok, wenn Du das so definiert, gehe ich soweit mit, daß einem ein mehr an Geld mehr Möglichkeiten gibt zu entscheiden, wofür wir es ausgeben (können und wollen).

    Wie würdest du Freiheit in unserer Welt definieren? Ich definiere Freiheit als Möglichkeit ohne Zwang zwischen Alternativen zu wählen.
    Der Großteil der AN kann nicht wählen, ob er AN sein will oder nicht. Klar man kann Hartz 4 wählen, aber das ist auch nicht bedingungslos. Klar, man kann ein Aussteigerleben führen, aber selbst dann, ist man darauf angewiesen, dass man irgendwo geduldet wird, weil ja jeder cm Erde irgendjemandem gehört. Außerdem marginalisiert man sich mit den beiden alternativen Lebensentwürfen selbst. Sprich, die meisten oder fast alle Menschen können nicht ohne Zwang wählen, sondern sind unter Druck ihre Arbeitskraft zu verkaufen.


    Wie sieht das bei einem Multimillionär aus? Muss der AN sein um sein Überleben zu sichern? Ich denke nicht, er kann sich auch die nächsten 40 Jahre in der Uni auf Hawaii einschreiben und surfen, wenn er darauf Lust hat.
    Daher sehe ich die Gleichung Mehr Geld = Mehr Freiheit in einer durchkommerzialisierten Welt durchaus näherungsweise als gegeben an. Aus diesem Grund habe ich auch den Begriff Konsumfreiheit genutzt.


    Wir haben also die Freiheit uns eine Tätigkeit zu suchen mit der wir Geld und damit Freiheit bekommen. Kein Geld = keine Freiheit wie in den Beispiel oben gezeigt. Der Erfolg gibt denen Recht, die ihn haben und wenn man kein Geld hat, ist man selber Schuld. So würde ich die neoliberale Ideologie jedenfalls in eigenen Worten beschreiben.


    Carsten Ramelow (früher bei Bayer Leverkusen) sagte: „Nur rund zehn Prozent aller Spieler haben nach Ende ihrer Karriere für den Rest ihres Lebens wirklich ausgesorgt.“
    Zehn Prozent von 1.500 Profikickern macht 150 Leutchen.


    Zu diesen 150 Fußballern zählen aber doch nun mal -bis auf die sehr jungen- alle BVB Spieler. Das ist ja nach Bayern die Spitze.
    Wenn wir Götze nehmen. Der ist 24 und hat 6 Profi-Jahre auf dem Buckel. 3 Jahre BVB, wird er nicht schlecht verdient haben, ohne nachzugucken, wie viel es jetzt wirklich war. Dann 3 Jahre Bayern, übereinstimmenden Medienberichten zur Folge für 12 Mio p.a. + Boni, Prämien, private Sponoren und Ausrüsterverträge. Vermögen wird - der Quelle nach- auf 29 Mios geschätzt. Muss der jetzt noch Fußball spielen? Oder kann er sich nicht relativ frei von Zwängen einen anderen Lebensentwurf wie den obigen aussuchen?


    Im Grunde könnte er doch auch - um Marx zu zitieren: "heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden"


    Ihm würde doch keine Armut drohen, wenn er nicht gerade 300 Jahre alt wird. Klar, man kann auch 29 Mios schnell verprassen. Siehe diverse Lottogewinner. Aber das war ja auch deren freie Wahl.


    Klar, wenn er sich dazu entscheidet weiter Fußball zu spielen, ist er Lohnarbeiter. Das ist Fakt. Jedoch im Unterschied zum Taxi-Fahrer oder auch zum 3.Liga Profi, ist er dazu nicht gezwungen. Aus diesem Grund verstehe ich nicht ganz, warum ein Spitzenfußballer oder ein millionenschwerer Investment Banker näher am einfachen Arbeiter dran sein sollte, als die vielen prekären Selbstständigen, die ebenfalls noch dem Zwang unterliegen etwas kommerzielles zu tun. Ist mir nicht ganz klar.

  • Hallo Junhino,
    ist ja nicht verkehrt, was du schreibst.


    Aber: Kapitalistische Medien befassen sich gerne und ausgiebig mit Einzelpersonen, die sich irgendwie durch Geld oder durch besondere bis kriminelle Leistung wichtig machen - das kann ein Mord sein, ein Torschuss oder ein Staatsamt.


    Ich befasse mich lieber mit der "großen Masse". ^^


    Gruß Wal

  • Newly created posts will remain inaccessible for others until approved by a moderator.