Werte und Preise im Sozialismus

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      Robert Schlosser hat das achte Kapitel seiner Darstellung der Marxschen Kapitalkritik aus Sicht des 21. Jahrhunderts vorgestellt:
      „Das Wertgesetz und die periodisch wiederkehrenden Krisen“
      Dort schreibt er:
      „Mit meinen Ausführungen wende ich mich explizit gegen theoretische Positionen, die die Quintessenz der marxschen Arbeitswerttheorie in der Feststellung der Identität von Wert und Preis sehen und nicht in der Bewegung des Widerspruchs zwischen dem Wert und seinen Geldausdrücken.“


      Wert und Preis einzelner Warensorten sind nur ausnahmsweise identisch. Warum und wieso, das kann man bei Robert Schlosser nachlesen.
      Ich mache im Folgenden nur ein paar Anmerkungen, was aus der Unterschiedlichkeit von Preis und Wert der Einzelwaren für die Steuerung der Wirtschaft folgt:
      Vertreter eines „Managersozialismus“ wollen die Produktion von Werten und Waren mittels Steuerung der Preise regulieren und managen. Funktionieren kann das nur, wenn es eine direkte Verbindung, eine stabile Korrelation zwischen Preis und Wert gibt.
      Die Vertreter des „Geld- und Verteilungssozialismus“ geben zu, dass sie als „sozialistische Manager“ keinen direkten Einfluss auf die Produktion von Warenwerten haben. Diese „sozialistischen Manager“ gestehen in der Regel zu, dass die Wertproduktion - und davon abhängig auch Masse und Qualität der produzierten Produkte - abhängt von zwei Faktoren: Einerseits hängt die (Wert-/Produkt-)Produktion von der Arbeitsproduktivität ab (dem Geschick der kombinierten Arbeitskraft, dem technischen Stand der Arbeitsmittel und dem Verhältnis zwischen beidem). Andererseits hängt die Wert-/Produktproduktion ab von der Masse der eingesetzten Arbeitskraft wie der Masse der eingesetzten Arbeitsmittel.
      Diese Wert-/Produktproduktion können „sozialistische Manager“ nur im Nachgang und in langen Zeiträumen steuern, indem sie die Ausbildung der kombinierten Arbeitskraft und den technischen Stand der Produktionsmittel verbessern und die Zahl der Arbeitskräfte wie den Umfang der Arbeitsmittel vermehren.
      Trotzdem behaupten die Vertreter des Managersozialismus, dass ihr Management in der Lage sei, über die Steuerung mittels Preisbestimmung die (von ihnen erkannten) Bedürfnisse der Gesellschaftsmitglieder zu befriedigen und dabei Krisen (Über- und Unterproduktion) in jedem einzelnen Sektor der Wirtschaft zu vermeiden. In der sozialistischen Gesellschaft bedeutet ökonomische Krise nicht nur Unterversorgung und Mangel, sondern notwendig auch Verschwendung von Arbeitskraft, vergeudete Arbeitszeit.
      Die Steuerung mittels Preisbestimmung setzt aber voraus, dass die wirklichen Werte der Waren/Produkte bekannt sind. Was die Kapitalisten und ihre Manager nicht geschafft haben und was die Manager des Staatssozialismus noch weniger geschafft haben, nämlich die Übereinstimmung von Werten und Preisen, das wollen die künftigen „sozialistischen Manager“ schaffen. Wodurch? Durch vergrößerte Rechenkapazität. Jeder Rechner kann aber nur einen theoretischen Durchschnitt der Leistungsfähigkeit einer Maschine und ihres Maschinenbedieners erfassen. Der produzierte Wert (Qantität und Qualität eines Produkts) hängt aber nicht von einem gedanklichen Durchschnitt, sondern von der tatsächlich verausgabten Arbeitsleistung und Arbeitszeit ab.
      Der Weg vom theoretischen Durchschnitt zur wirklichen Erfassung der konkreten Arbeitsleistung wäre nur möglich durch eine lückenlose Überwachung und Kontrolle der Arbeitskraft. Jeder Gang zum Klo, jeder Ausfall durch Krankheit oder Unlust, jede ungeplante Diskussion unter Kollegen hat Einfluss auf die gesamte Produktion von Wert und Produkt. Also muss jeder Handgriff, den ein Mensch in der Produktion macht oder nicht macht, von der Managementklasse überwacht und in die Computersteuerung eingespeist werden. Diese Überwachung betrifft notwendig alle Menschen dieses Managersozialismus. Und für dieses „Arbeiterparadies“ wollen uns die „Managersozialisten“ begeistern!


      Selbst bei größter Rechnerkapazität und lückenloser Überwachung, muss in diesem System dennoch ein Konflikt zwischen Preis und Wert eintreten. Gewissermaßen gehen ja die „sozialistischen“ Preise den „sozialistischen“ Werten voraus: Jedes Produkt (jede Ware), die ein sozialistischer Betrieb als Plansoll produzieren und liefern soll, ist vor der Geburt schon mit einem planerischen Preisschild versehen.
      Bemerken nun die Angestellten in Betrieb A, dass sie die Planvorgaben für das Produkt b nicht erfüllen können, dann heißt das: Diese Angestellten bekommen bei der Produktion von b nicht den Gegenwert („Preis“) ihrer eingesetzten Arbeitskraft und ihrer eingesetzten Arbeitszeit. Jedes einzelne Produkt b enthält tatsächlich mehr Wert und damit mehr Arbeitszeit als hinterher mit dem planerischen Preis bezahlt wird. Die Klugheit und der Eigenschutz (Eigennutz?) der Angestellten im Betrieb A muss dazu führen, dass sie möglichst wenige Produkte b produzieren. Je weniger Produkte b sie produzieren, desto weniger verschwenden sie ihre Arbeitskraft.
      Das umgekehrte gilt, wenn der planerische Preis für das Produkt c höher ist, als sein Wert – ausgedrückt in Arbeitsstunden. Für jede individuelle Arbeitsstunde bei der Produktion von c erhalten die Angestellten des Betriebes A über den Preis von c vielleicht 1,2 oder 1,5 Arbeitsstunden als Wert zurück. Hier wird die notwendige Folge sein, dass die Angestellten im Betrieb A ohne Rücksicht auf das Plansoll möglichst viele Produkte c herstellen, weil sie damit ihre Arbeitskraft schonen.
      Der Preisausdruck eines jeden Produkts enthält ja als Vorgabe eine bestimmte Arbeitszeit, in der dieses Produkt herzustellen sei. Nun ist die Arbeitsproduktivität eines jeden Betriebes (und einer jeden einzelnen Arbeitskraft) individuell und verschieden. Damit sind die individuellen Werte, die ein Betrieb schafft, von den Werten anderer Betriebe verschieden. Der Kapitalismus gleicht das mittels Konkurrenz aus und „bestraft“ die Betriebe mit unterdurchschnittlicher Wertproduktion dadurch, dass sie aus dem gemeinsamen „Mehrwert-Topf“ über den Marktpreis weniger Mehrwert erhalten, als sie individuell erwirtschaftet haben. Gleichzeitig werden kapitalistische Betriebe mit überdurchschnittlicher Wertproduktion durch einen Extraprofit aus dem gemeinsamen Mehrwerttopf belohnt.
      Im „Managersozialismus“ bestrafen die Angestellten der Staatsbetriebe ihre Planer-Elite, indem sie bewusst weniger oder mehr von den Produkten produzieren, bei denen die planerischen Preise nicht mit der betrieblichen Wertproduktion – gemessen in Arbeitszeit – übereinstimmen.
      Die Planer behaupten dann, diesen Angestellten fehlte das „richtige Bewusstsein“. Tatsächlich begreifen diese Angestellten den Zusammenhang von Preisen/Verteilung und Arbeitseinsatz/Werten ganz richtig. Was diesen Angestellten allerdings fehlt, ist der blinde Gehorsam.
      Aus dem kapitalistischen Produktionschaos folgt (im günstigsten Fall) der Antrieb zur Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aus dem sozialistischen Produktionschaos folgt notwendig die zunehmende Unterdrückung und Gängelung der arbeitenden Menschen.


      Wal Buchenberg, 17. März 2017
      Glücklich, wer sich vom Feuer der Jugend die Glut noch bewahrt.