Wer sich als Avantgarde sieht, beginnt mit Selbstüberschätzung und endet bei der Verachtung der Lohnarbeiter

  • Das „Nao-Projekt“ ist der x-te Versuch, eine Avantgarde-Partei auf den Weg zu bringen. Warum sind bisher alle diese Versuche in Deutschland gescheitert? Ich meine, sie sind deshalb gescheitert, weil die Kombination und Kooperation der Vielen den Wenigen der selbsternannten Avantgarde an Erfahrung, Kenntnissen und Weisheit weit überlegen ist.


    Jede selbsternannte Avantgarde sieht das anders. Jede selbsternannte Avantgarde stützt sich auf das Leib- und Magendogma, dass sie klüger, weiser, erfahrener als die Masse der Lohnarbeiter ist. Erst wird das vornehm im Leninschen Vokabular formuliert: Die Lohnarbeiterklasse könne "aus sich heraus bloß zu einem gewerkschaftlichen Bewusstsein gelangen". In dieser Phase der Avantgardisten werden die Lohnarbeiter noch für "aufklärbar" und "ehrziehbar" angesehen. Am Ende, wenn sich herausstellt, dass die Lohnarbeiter sich nichts von der angeblichen Avantgarde vorschreiben lassen wollen, werden die abfälligen Urteile über die Lohnabhängigen deutlicher.


    Der Führungskader des Kommunistischen Bundes Knut Mellenthin schrieb in der Endphase des Kommunistischen Bundes: "Es gebe in der Leitung des KB die Ansicht, 'dass in beiden deutschen Staaten angesichts einer total verblödeten Bevölkerung mit linker und antifaschistischer Politik nichts mehr zu bestellen sei." (Michael Steffen, 283) 

    Das ist der normale und übliche Weg aller Avantgarden: Von der Selbstüberschätzung der eigenen Person und des eigenen Klüngels hin zur Verachtung aller Lohnabhängigen.
    Diesen Weg ist der Kommunistische Bund gegangen (genauso übrigens wie der KBW, wo ich einst einfaches Mitglied war).

     


    Nachzulesen ist die Entwicklung der ML-Organisationen in der spannend zu lesenden Dissertation über den Kommunistischen Bund von Michael Steffen, der in seiner Einleitung schreibt: 
    „Die Avantgardekonzeption war keineswegs die "Marotte einiger ML-Gründer", das "‘Vorhut´-Fieber" hatte schon in der antiautoritären Bewegung weite Verbreitung gefunden, und es war Dutschke, "der wahrscheinlich als einer der ersten die ‘Notwendigkeit selbstgesetzter Avantgarden´ in die Diskussion brachte".
    Insofern in der von den ML-Kadern adaptierten leninistischen Organisationskonzeption die Avantgardefunktion der Partei letztlich auf den Führungsanspruch (marxistischer) Intellektueller verweist, war das bolschewistische Modell geradezu prädestiniert, als "Legitimation für den Führungsanspruch der studentischen Kadergründer" (Kukuck 1974, 158) zu dienen. Mit dem Rückgriff auf Lenin haben die MLAktivistInnen "die historische Krankheit der Studentenbewegung"37, den Avantgardeanspruch, die Vorstellung, "die historische Inkarnation des aufgeklärten gegen das geblendete Bewußtsein zu verkörpern"38, lediglich "proletarisch" perpetuiert. Da die "Arbeiterpartei" de facto ein reines Intellektuellenprojekt war, mutierte die Intelligenz unter der Hand zur Avantgarde und zum Katalysator der (nun als proletarisch begriffenen) Revolution ....“

    Die Dissertation steht hier: http://archiv.ub.uni-marburg.d…2/0060/pdf/z2001-0060.pdf 
    Gruß Wal

  • Dieser Überlegung nach ist der "Avantgardismus" ein Überbleibsel typisch aufklärerischer Politik, wie sie ihre Ursprünge bei den Jakobinern der Französischen Revolution findet und im 20. Jahrhundert durch den Leninismus und dessen Unterströmungen (Stalinismus, Trotzkismus, Maoismus) in die Arbeiterbewegung getragen wurde. Allerdings sehe ich derartige Ansätze ebenfalls bei Marx und Engels, wenn es z.B. im Kommunistischen Manifest heißt, dass die Kommunisten der bewussteste Teil der Gesamtbewegung wären (eine treffliche Kritik des Leninismus haben meiner Meinung nach die Gruppe "Eiszeit" in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift "Kosmoprolet" mit ihrem Text "Ein Schritt in die falsche Richtung - Eine Kritik an Lenin und der Systematisierung seiner Ideen" geliefert: http://kosmoprolet.org/ein-schritt-die-falsche-richtung)


    Andererseits lässt sich eine (egal ob passives oder aktives) "Mitmachen" der Beherrschten und die Reproduktion der Herrschaft auch durch sie, nicht leugnen. Hierzu ein m.M.n. passendes Zitat der Jungen Linken zur Kritik des Anarchismus, die ebenfalls Fragen für das Verwerfen des Avantgardismus aufwift ( http://www.junge-linke.de/krit…ritik_am_anarchismus.html ):

    Dafür, daß es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre
    Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird
    zumeist als reiner Zwangszusammenhang mißverstanden, d.h. die mittels
    eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit über
    die Mehrheit. Die Beherrschten kommen bei dieser Betrachtung ziemlich
    gut weg: Wie sie die Herrschaft reproduzieren durch ihr Verhalten, wie
    sie sich in den Verhältnissen einrichten, welchen - wirklichen oder
    vermeintlichen, relativen oder absoluten - Vorteil sie davon haben
    könnten, taucht in der üblichen Betrachtung erst gar nicht auf.


    Das unverrückbar gute Urteil über "das Volk", die "Massen", "die
    Arbeiterklasse", "die kleinen Leute", die "Normalbürger" wird besonders
    dann komisch, wenn der Faschismus erklärt werden soll - der scheint ganz
    ohne Bevölkerung zustande gekommen zu sein, die ja auch "nur"
    mitgemacht hat. Die Untertanen tauchen ausschließlich als Opfer
    staatlicher Gewalt auf. Der kumpelhafte Schulterschluß mit den kleinen
    Leuten hat eine lange schlechte Tradition in der Linken.


    Die unbedingte Parteinahme für die Opfer, die zu besseren Menschen stilisiert werden
    (und wehe sie entpuppen sich nicht als die edlen Unterdrückten!), wird
    anders fortgesetzt, spätestens seit die rassistische Pogromwelle 1991/93
    Mob klargemacht hat, daß es sich bei den meisten deutschen Untertanen
    wohl kaum um verhinderte Revolutionäre handelt. (Die Fehlinterpretation
    von Hoyerswerda und Rostock als 'Sozialrevolte von rechts' hat sich
    nicht so recht durchgesetzt.)


    Kritik an den Standpunkten, die Opfer von Gewalt und Unterdrückung so haben, ist damit natürlich nicht zu machen - sie gilt als "arrogant", "elitär" und wird mit dem Hinweis auf den privilegierten Standpunkt der/s Kritikers/in totgemacht [(männlicher) weißer Metropolenintellektuelle/r].


    --


    Die Lohnabhängigen sind keineswegs direkt daran interessiert Herrschaftsverhältnisse aufzulösen, geschweige denn diese als solche wahrzunehmen. In bestimmten Kontexten bietet sich für diese ebenso eine Unterstützung autoritär-faschistischer Restaurationsprogramme an, vor allem wenn es an einer Bewegung mangelt, die über verkürzte Kapitalismuskritiken und Fehlschlüsse aufklärt. Gerade personifiziert-verkürzte Kapitalismuskritiken (raffendes vs. schaffendes Kapital) und das Klammern an eine immanente Verteilungsgerechtigkeit (wuchernd-faule Kapitalisten vs. ehrlich-schaffende Arbeiterschaft) können den Wunsch nach "Recht und Ordnung" in Form eines alles deckelnden Staates mit sich bringen. Diese Punkte bildeten, in Verbindung mit einem quasi-esoterischen Heilsversprechen, die ideologische Basis der faschistischen "Volksgemeinschaft". Und daran hat die (lohnabhängige) Bevölkerung - wenn auch vielleicht unwissentlich, in Form einer ideologischen Eigenlogik - nicht unerheblich teilgenommen.


    "Ist das Kapital als bloße Bosheit der Macht begriffen, als Monster der
    reinen Geldgier und Vorteilnahme, so ist ihr Objekt der brave Mensch,
    der es durch seine Ohnmacht mit seiner "ehrlichen Arbeit" ernähren
    muss. Ist Raffgier der politische Gegner, so ist Bescheidenheit die
    Gewohnheit des Opfers. Es soll durch bescheidene Verhältnisse auch
    beschieden werden.


    Nur die Gier soll bekämpft werden, das raffende Kapital, das den Menschen das Geld abknöpft, das sie verdienen. Es soll aus den Verhältnissen einer an sich ehrlichen Marktwirtschaft herausgenommen werden, die nun wie ein Wochenmarkt voller bunter und preiswerter Angebote als natürliches Verhältnis des Warentauschs vorgestellt wird, wenn nur dafür gesorgt ist, dass die Leute auch anständig bleiben und das Geld auch seinen Wert behält.


    In solchem Antikapitalismus, der auf die persönliche Macht des Kapitalisten bezogen ist, können sich Rechte wie Linke auch verstehen. Sie unterscheiden
    sich nur in der Wahrnehmung des politischen Gegners. Während die Rechte seine Macht als Kulturmacht der persönlichen Begierde auffasst, die den Verfall der Sitten bewirkt und das ganze Abendland zuschanden reitet, versteht die Linke sie als Willkür der Machthaber in den Personifizierungen des Kreditwesens, als Übervorteilung der Kapitalbesitzer durch die Banker, die mit der Vergabe eines Vorschusses wuchern, Zinsen verlangen und somit unredlich an den Bedürfnissen nach Geld profitieren. Geld erscheint hier wie ein Kuchen, der nur zu verteilen ist und dabei lediglich die Verteilungsgerechtkeit besorgt werden müsse.
    (...)

    Die Mischung aus beidem ist höchst explosiv und hat schon einmal die völkische Einigkeit gegen das Kapital beschworen, dem ein großer Teil der Bürger und Arbeiter im Gleichschritt gefolgt sind. Sie waren sich dessen nicht bewusst, weil das Wissen über Popularisierung und Personifizierung nicht vermittelt wurde, weil der politische Gegner der ausschließliche Maßstab der eigenen Politik war und daher die Rechte so populär werden konnte, wie es zuvor die Linke war. Der Rechtsrutsch ist unausweichlich final, wenn sich die Linke nicht auf den Kern ihres Wissens und Bewusstseins besinnt und auch die Fehler behebt, die oft immer noch darin schlummern). (...)

    So kann diese dann auch übergehen in eine Politik der Staatsgewalt, die sich ganz legitim gegen die Bevölkerung richtet, die endlich die ersehnte Regulation durch den Staat einrichtet und ihr politisches Handeln im Sinne eines völkischen Interesses zu legitimieren versteht. Sie wird sich ihre Knebel und ihre Ruten ganz im sogenannten"öffentlichen Interesse" zulegen.


    Kein Quentchen Unrecht wird sich ihr nachweisen lassen, weil sie anständig und ordentlich ist und ganz kultiviert auftritt und dem gewöhnlichen Alltag wieder kulturellen Anreiz verleiht. Sie verschafft dem Bildungsbürgertum wieder Auftrieb und träumt von einer Ökonomie des Gemeinwohls, welche die Marktwirtschaft zu dem veredeln soll, was sie schon immer war.


    Es ist furchtbar banal, weil es nicht mehr durchschaubar ist. Das Böse tritt nicht auf als Barbar. Ganz im Gegenteil. Es ist der Spießer, die Banalität des Bösen, wie Hannah Ahrendt das nannte, das Prinzip der Einfalt, in der die vielfältigsten Widersprüche geborgen werden und in der Vorstellung auch geborgen erscheinen können, wenn sie nur unter denDeckel der Staatsgewalt gebracht werden." (http://www.kulturkritik.net/index_allgem.php?code=pfrwol118)


    Deshalb halte ich die weitverbreiteten Analysen von Herrschaft und der Möglichkeit des Umschlagens der bürgerlichen Kultur in eine faschistische für vielfach politizistisch-ökonomistisch verkürzt und der "Beitrag" der früheren Arbeiterbewegung und ihrer Fehlschlüsse für vielfach ungenügend beachtet.


    "Dem Nationalsozialismus war ein substanzielles Vernichtungsinteresse
    wesentlich, das sich aus einem allgemeinen Vernichtungsgefühl der bürgerlichen Kultur
    in Deutschland entspann. In der Reflexion der wirtschaftlichen und
    kulturellen Zerstörung Deutschlands war eine Ursprungssehnsucht
    entstanden, die sich mit Ideologien deutscher Philosophen (siehe Nietzsche, Heidegger) füllte und den politischen Willen
    des Herrenmenschen nach außen zu einem politischen Allmachtsbewusstein
    kehrte.


    Aus den Demütigungen der Reparationsleistungen wurde hierdurch
    eine Art Volksbewegung, die sich den Untergang ihrer kulturellen
    Identität und ökonomischen Prosperität damit erkärte, dass Deutschland
    durch einen äußeren und hinterhältigen Feindes zerstört sei, der im Antisemitismus
    fassbar gemacht wurde. Dessen Bekämpfung erfordere zuvorderst die
    Überwindung der Dekadenz im eigenen Volk und hatte in der Logik eines
    Heilsprinzips mit der Vernichtung des inneren Feindes zu beginnen. (...)


    Der Nationalsozialismus gibt sich als eine Formulierung des Sozialismus
    aus, als Volksgenossenschaft der Enteigneten, die von "Bürgertum und
    Marxismus" (A. Hitler) verblendet und beherrscht und deklassiert, von
    dort erst in eine abgespaltene Klasse getrieben würde. Der Kampf der
    Nationalsozialisten geht gegen die Abspaltung und daher um die
    Vorstellung von einem Heil des Volks als Ganzes. Er begründet sich als eine Volksgemeinschaft, die sich ideologisch dem Kapitalismus
    wie dem "Marxismus" entgegenstellt. In Zeiten, wo soziale, ökonomische
    und kulurelle Zerstörung aufgrund einer wirtschaftlichen Krise
    gesellschaftlich virulent war, wurde die Heilserwartung durch eine
    Führerpersönlichkeit des autoritären Staates auch von Teilen der
    Arbeiterschaft als Krisenlösung verstanden. (...)


    Der Begriff der Nation scheint wieder als Antipode zum
    Internationalismus zu reizen, da bisher lediglich das Kapital
    internationalisiert ist und Nation wieder als Schutzraum hiergegen
    wahrgenommen wird. Solche Auffassungen ergeben sich unmittelbar aus der
    bürgerlichen Kultur, in welcher die Lebensburgen immer und notwendig in
    Feindschaft zur gesellschaftlichen Öffentlichkeit empfunden werden. Der
    Irrationalismus des Nationalsozialismus hat hierin seine Geburtsnester
    und thematisiert daher Schutzräume wie Familie, Heimat, "Vaterland" usw.
    als Wesensbestimmung des Menschseins, als Verallgemeinerung des
    privaten Menschen zum Volkskörper. Darin hat jeder Massebegriff in Bezug
    auf Menschen, auch der des Stalinismus, seine Wurzeln."
    (Quelle: Wikipool -> Nationalsozialismus)


    Von sich aus sind die Lohnabhängigen also keineswegs revolutionär bzw. werden es im Zuge einer Krise. "So wie die Lohnabhängigen kämpfen, so sind sie.", wie es die "Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft" sinngemäß ausdrückten. "Die Fehler der Linken, sind die Trojaner der Rechten." (Wolfgang Pfreundschuh) und der sozialdemokratische/leninistische Bezug auf den Staat als Heilsgarant hat viel zur Sympathierung eines "nationalen Sozialismus" beigetragen, ebenso wie der Optimismus der Anarchosyndikalisten und Rätekommunisten, es müssten die Unterdrückten nur von ihrer bürokratischen Führerschaft befreit werden uns sie würden alsbald die Mehrheit hinter sich haben, ebenso wenig bewahrheitet wurde.


    Bliebe also die Frage, wie eine nicht-avantgardistische Organisation und ihr Verhältnis zur übrigen Bewegung - sofern eine vorhanden - und (lohnabhängigen) Bevölkerung aussehen müsste, damit ähnliche Bürokratisierungs und Zentralisierungs-Prozesse verunmöglicht werden, ohne dabei der falschen Naivität anheim zu fallen, dass die Lohnabhängigenklasse stets progressiv ausgerichtet wäre, und es bloß mediale Gehirnwäsche und Unterdrückung der Kapitalisten wären, welche sie daran hindern würden ihr revolutionäres Potenzial zu entfalten.


    PS: Aus den oben genannten Punkten halte ich die Passage des Bochumer Programms "Immer noch herrschen die Kapitalisten wie Könige" für äußerst kritikwürdig.

  • PS: Aus den oben genannten Punkten halte ich die Passage des Bochumer Programms "Immer noch herrschen die Kapitalisten wie Könige" für äußerst kritikwürdig.


    Deine Thesen gehen nicht aus von der Analyse der kapitalistischen Wirklichkeit, sondern von irgendwelchen subjektiven Eindrücken, in die Zitate von irgendwelchen Leuten eingestreut sind.
    Pikant und bezeichnend ist, dass du unsere Beschreibung der kapitalistischen Wirklichkeit auch noch falsch und sinnentstellend zitierst.
    Du zitierst: "Immer noch herrschen die Kapitalisten wie Könige". 
    Richtig heißt es aber: "Immer noch herrschen die Kapitalisten über ihre Lohnarbeiter wie Könige. In Politik und Staat sorgen neben Lobbyarbeit und Bestechung die "ökonomischen Notwendigkeiten" dafür, dass die Interessen der Kapitaleigner an erster Stelle stehen." Das ist etwas ganz Anderes als das, was du schreibst.
    Mein Rat an dich: Was (Klassen)Herrschaft - Herrschaft von Menschen(klassen) über Menschen(klassen) - ist, das lernst du nicht aus Büchern, sondern überall dort, wo diese Klassenherrschaft am unverhülltesten ausgeübt wird: in jeder Lehre, beim Wehrdienst, im Knast, in der industriellen Produktion, bei der ArGe und in Flüchtlings-/Immigrantenlagern (die Liste ist nicht vollständig). Ich habe nicht den Eindruck, dass du irgendetwas davon kennst.


    Gruß Wal

  • Hallo Mario,
    ich habe die ganzen Links aus deinem Beitrag nicht gelesen, aber das was auf der Seite steht. Ich meine das das was du anführst richtig und falsch ist. Inwieweit es die kapitalistische Wirklichkeit trifft kann ich nicht beurteilen weil sie sehr komplex ist und ich das nicht überschaue. Mir ist auch egal woher du deine Sichtweisen hast.
    Es scheint Dir um die Aussage des Satzes "immer noch herrschen die Kapitalisten wie Könige" zu gehen. Ich stimme Dir zu das er "für äußerst kritikwürdig" gehalten werden kann. Ich gehe mal davon aus das du damit sagen willst das der Satz da weg muss?! Zumindest ist es so das ich der Meinung bin. Eine Analyse des Feudalismus brauch ich dazu nicht mal. Im Grunde steckt in dem Satz eine Relativierung des Kapitalismus. Um den Kapitalismus und das agieren seiner Akteure zu beschreiben brauchte es kein anderes System. Es ist dann auch sehr Theorie lastig und lässt zuviel raum für Fehlinterpretationen.
    Wenn er Sinn machen soll dann nur an der Stelle und da ist der Sinn, mir zumindest, nicht ersichtlich. Wenn im weiteren, immer wieder der Feudalismus mitgedacht wird dann verzerrt es zunehmend. Es ist ja nicht von den heutigen Königen auszugehen.
    Ich meine das das Bochumer Programm sich Kritik verdient hat, es ist ein gutes Programm und es kann durch Kritik nur stabiler werden. Da ist es gut das du den Artikel geschrieben hast.


    Gruß Peter

  • Hallo Mario,


    "Bliebe also die Frage, wie eine nicht-avantgardistische Organisation und ihr Verhältnis zur übrigen Bewegung - sofern eine vorhanden - und (lohnabhängigen) Bevölkerung aussehen müsste, damit ähnliche Bürokratisierungs und Zentralisierungs-Prozesse verunmöglicht werden, ohne dabei der falschen Naivität anheim zu fallen, dass die Lohnabhängigenklasse stets progressiv ausgerichtet wäre, und es bloß mediale Gehirnwäsche und Unterdrückung der Kapitalisten wären, welche sie daran hindern würden ihr revolutionäres Potenzial zu entfalten."



    Ich denke, deine Analyse ist das übliche subjektiv gefärbte schwarz-weiß Gemälde: Hier die einen, die die Lohnarbeiter verherrlichen, dort die andern, die die Lohnarbeiter als Blödmänner und –frauen hinstellen und irgendwo dazwischen die Avantgarde, die zwar den Überblick hat, aber mit den Lohnarbeitern nichts anzufangen weiß.


    Aber es geht weder darum, die Lohnarbeiter in den Himmel zu heben, noch sie als Blödmänner erscheinen zu lassen, sondern um Fakten: Die Lohnarbeiter (ohne Arbeitslose) machen etwa 75% der erwerbsfähigen Bevölkerung aus. Von denen liegt der durchschnittliche Nettolohn bei 1500 Euro. Etwa 70% verdienen dieses Nettoeinkommen und weniger. Das sind etwa 25 Millionen Lohnarbeiter. Rechnet man die Arbeitslosen, die verarmten Rentner , die Kinder dieser Lohnempfänger und die Obdachlosen hinzu, kommt man auf gut 40 Millionen Menschen, die in Deutschland unter ärmlichen bis elenden Bedingungen leben müssen. Das bedeutet ferner, dass die meisten, die über dem durchschnittlichen Nettolohn verdienen auch eher unter kümmerlichen Verhältnissen leben müssen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass in Deutschland mehr als 50 Millionen Menschen in kümmerlichen bis elenden Verhältnissen leben müssen. Das sind die realen Lebensbedingungen der Mehrzahl der Lohnarbeiter. Grund genug um die
    Verhältnisse, die ihnen diese Lage einbrocken, abzuschaffen. Real und zugleich positiv dabei ist, dass es die Masse der Lohnarbeiter, wenn sie sich nur einig ist und endlich das Interesse daran verspürt, ohne weiteres fähig ist, diese Verhältnisse fortzublasen.


    Das ist die Realität und das sind die Bedingungen von denen eine „Avantgarde“, wie Marx sie verstanden hat, ausgehen muss. Diese „Avantgarde“, deren Unterschied zu den Lohnarbeitern lediglich darin besteht, die Gründe zu kennen, warum die Masse der Lohnarbeiter unter kapitalistischen Bedingungen verelenden muss und immer arm bleiben wird, steht nicht über einer aus diesen Bedingungen erwachsenen emanzipatorischen Bewegung, sondern begleitet sie und geht in ihr auf.



    Beste Grüße



    Kim

  • Die Lohnabhängigen sind keineswegs direkt daran interessiert Herrschaftsverhältnisse aufzulösen, geschweige denn diese als solche wahrzunehmen. In bestimmten Kontexten bietet sich für diese ebenso eine Unterstützung autoritär-faschistischer Restaurationsprogramme an, vor allem wenn es an einer Bewegung mangelt, die über verkürzte Kapitalismuskritiken und Fehlschlüsse aufklärt. Gerade personifiziert-verkürzte Kapitalismuskritiken (raffendes vs. schaffendes Kapital) und das Klammern an eine immanente Verteilungsgerechtigkeit (wuchernd-faule Kapitalisten vs. ehrlich-schaffende Arbeiterschaft) können den Wunsch nach "Recht und Ordnung" in Form eines alles deckelnden Staates mit sich bringen. Diese Punkte bildeten, in Verbindung mit einem quasi-esoterischen Heilsversprechen, die ideologische Basis der faschistischen "Volksgemeinschaft". Und daran hat die (lohnabhängige) Bevölkerung - wenn auch vielleicht unwissentlich, in Form einer ideologischen Eigenlogik - nicht unerheblich teilgenommen.

    Hallo Mario,
    was soll das sein, ein "direktes" Interesse daran, Herrschaftsverhältnisse "als solche wahrzunehmen"????
    Nach meinem Verständnis ist (sinnliche) Wahrnehmung objektiv und jedem Interesse vorausgesetzt. Solche Wahrnehmung kann dann durch (subjektives) Interesse interpretiert werden. Dieses (subjektive) Interesse ist niemals "direktes" Ergebnis von Wahrnehmung. Es bildet sich - zumal in einer entwickelten bürgerlichen Gesellschaft - in "öffentlicher Meinungsbildung", im Streit und Kampf dieser "Meinungen" unter Benutzung der Medien der "öffentlichen Meinungsbildung", im Streit der organisierten Interessen (Parteien, Interessenverbände etc.)
    Unsere direkte, unmittelbare Wahrnehmung, so objektiv sie ist, so sehr kann sie uns auch täuschen. Das gilt nicht nur für Naturphänomene, sondern auch für gesellschaftliche Phänomene. Die durch das Kapitalverhältnis selbst erzeugten Mystifikationen der zugrunde liegenden Produktionsverhältnisse sind das beste und vollkommenste Beispiel dafür. Wissenschaftliche Erkenntnis hilft, solche Täuschungen zu erkennen und zu überwinden.

    "Im Kapital - Profit, oder noch besser Kapital - Zins, Boden - Grundrente, Arbeit - Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mitse inen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere, und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben. Es ist das große Verdienst der klassischen Ökonomie, diesen falschen Schein und Trug, diese Verselbständigung und Verknöcherung der verschiednen gesellschaftlichen Elemente des Reichtums gegeneinander, diese Personifizierung der Sachen und Versachlichung der Produktionsverhältnisse, diese Religion des Alltagslebens aufgelöst zu haben, indem sie den Zins auf einen Teil des Profits und die Rente auf den Überschuß über
    den Durchschnittsprofit reduziert, so daß beide im Mehrwert zusammenfallen; indem sie den Zirkulationsprozeß als bloße Metamorphose der Formen darstellt, und endlich im unmittelbaren Produktionsprozeß Wert und Mehrwert der Waren auf die Arbeit reduziert. Dennoch bleiben selbst die besten ihrer Wortführer, wie es vom bürgerlichen Standpunkt nicht anders möglich ist, mehr oder weniger in der von ihnen kritisch aufgelösten Welt des Scheins befangen, und fallen daher alle mehr oder weniger in Inkonsequenzen, Halbheiten und ungelöste Widersprüche. Es ist dagegen andrerseits ebenso natürlich, daß die wirklichen Produktionsagenten in diesen entfremdeten und irrationellen Formen von Kapital - Zins, Boden – Rente, Arbeit - Arbeitslohn, sich völlig zu Hause fühlen, denn es sind eben die Gestaltungen des Scheins, in welchem sie sich bewegen und womit sie täglich zu tun haben. Es ist daher ebenso natürlich, daß die Vulgärökonomie, die nichts als eine didaktische, mehr oder minder doktrinäre Übersetzung der Alltagsvorstellungen der wirklichen Produktionsagenten ist, und eine gewisse verständige Ordnung unter sie bringt, grade in dieser Trinität, worin der ganze innere Zusammenhang ausgelöscht ist, die naturgemäße und über allen Zweifel erhabene Basis ihrer seichten Wichtigtuerei findet. Diese Formel entspricht zugleich dem Interesse der herrschenden Klassen, indem sie die Naturnotwendigkeit und ewige Berechtigung ihrer Einnahmequellen proklamiert und zu einem Dogma erhebt.“ MEW Bd. 25, S. 822


    Die "trinitarische Formel" - wie sie auch heute noch überall verbreitet wird - ist nicht direktes Produkt "der wirklichen Produktionsagenten", sondern Produkt der Ideologen der herrschenden Klasse. Und genauso ist die wissenschaftliche Kritik daran nicht Produkt "der wirklichen Produktionsagenten", nämlich der großen Masse der LohnarbeiterInnen. Diese Kritik wurde ausgearbeitet vor allem von Marx, einem Intellektuellen, der nie wirklicher Produktionsagent war. Aber diese Kritik "entspricht" dem Interesse der ausgebeuteten und beherrschten Klasse der LohnarbeiterInnen, dem Interesse wie es sich aus den objektiven Lebensumständen der LohnarbeiterInnen ergibt. Wenn sich die Erkenntnisse dieser wissenschaftlichen Kritik nicht im "Selbstlauf", automatisch, verallgemeinern, so hat das nach meiner Meinung nichts mit "einer ideologischen Eigenlogik" der Lohnabhängigkeit zu tun, sondern mit einer Preisgabe dieser Kritik durch die "Ideologen der Arbeiterbewegung" und mit den Klassenkämpfen. Wenn es also um die Frage geht, wie es dem Nationalsozialismus gelang, auch unter LohnarbeiterInnen Einfluss zu erlangen, dann geht es meiner Meinung nicht um "eine ideologische Eigenlogik" der Lohnabhängigkeit, sondern um die Fehler ("Staatssozialismus", ob reformistisch und revolutionär durchzusetzen) und verheerende Entwicklungen unter den Theoretikern des damaligen Marxismus (wie Sternhell am italienischen Faschismus zeigt, wurde dieser selbst ja von "Sozialisten" entwickelt) und um die Klassenkämpfe der damaligen Zeit. Der Terrorismus, die gewaltsame Unterdrückung der damaligen sozialistischen Bewegung kommt ja bei dir praktisch gar nicht mehr vor, verschwindet ganz hinter der angeblichen "ideologischen Eigenlogik" von Lohnabhängigkeit als Erklärungsmuster für den Erfolg des Faschismus.


    Meine Meinung dazu kurz und knapp:
    1. Der Status der Lohnabhängigkeit selbst bietet offensichtlich keine hinreichende Gewähr für Immunität gegenüber faschistischen Ideologien.
    2. Umgekehrt aber existiert aus meiner Sicht auch keine "ideologische Eigenlogik", die LohnarbeiterInnen zu potentiellen Faschisten macht.
    3. Der aufkommende und sich in einigen europäischen Ländern durchsetzende Faschismus lässt sich meiner Meinung nur verstehen und erklären vor dem Hintergrund des 1. imperialistischen Weltkrieges, der dadurch ausgelösten Spaltung in der internationalen Arbeiterbewegung und den Ergebnissen der Klassenkämpfe am Ende des Krieges. Jede unvermittelte Erklärung aus dem Kapitalverhältnis selbst oder einer direkt daran anknüpfenden "ideologischen Eigenlogik" halte ich für verfehlt.


    Deine Kritik an "personifizierend-verkürzter Kapitalismuskritik" ist ebenfalls sehr verkürzt, aber heute sehr in Mode. (Außerdem liegt der Unterscheidung von "raffendem" und "schaffenden" Kapital keine "Personifizierung" zugrunde, sondern Reduzierung der Kapitalkritik auf Zinskritik.) Marx selbst hat überzeugend herausgearbeitet, dass auch die Versachlichung der Produktionsverhältnisse im Kapitalverhältnis bis zur "wechselseitigen Personifikation" der "zusammengehörigen Elemte des Produktionsprozesses" fortschreiten muss:


    "Der wirkliche Reichum, dem Tauschwert nach betrachtet, Geld, dem Gebrauchswert nach betrachtet, Lebensmittel und Produktionsmittel - tritt als Person, der Möglichkeit des Reichtums, d.h. dem Arbeitsvermögen, als einer anderen Person gegenüber." (Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Verlag neue Kritik, Frankfurt 1974, S. 42)


    Sie treten sich im unmittelbaren Produktionsprozess gegenüber als Leiter und Planer der Produktion und ausführende LohnarbeiterInnen, sie treten sich gegenüber als Herrscher und Beherrschte. Das gilt auch heute noch. Aber das scheint dich, wie viele andere Linke auch nicht mehr zu interessieren. Welche "ideologische Eigenlogik" steckt wohl darin??? Und wie willst du dem wieder lebendigen faschistischen "Führerkult" begegnen, wenn du nicht einmal dem "Führerkult" in kapitalistischen Unternehmen begegnen willst??? Die kommunistische Bewegung gegen Ende der Weimarer Republik setzte dem faschistischen "Führerkult" den "proletarischen Führerkult" (Thälmann, Stalin etc.) entgegen. Aus heutiger Sicht ein tolle Alternative! Soll heute die Alternative sein, auf jede Kritik an "direkter" Herrschaftsausübung, "Führerprinzip" zu verzichten??? Soll man sich - wider alle Wahrnehmung von LohnarbeiterInnen - auf eine Kritik des "ökonomischen Sachzwangs" beschränken??? Aus meiner Sicht eine Perspektive, die die Einflusslosigkeit von Linksradikalismus nur zementieren kann!!


    Deine Kritik an der "personifizierend-verkürzten Kapitalismuskritik" spitzt du dann zu auf eine Formulierung des Bochumer Programms (Kapitalisten herrschen wie Könige etc.) Über diese Formulierung kann man mit einigem Grund streiten, über den Inhalt, der damit zum Ausdruck gebracht wird, nicht. Wer das dennoch tut, hat dem in den Produktionsverhältnisse verankerten "Führerkult" nichts entgegenzusetzen und wird sich schwer tun, den emanzipatorischen Gedanken der Selbstverwaltung als emanzipatorisches Interesse von LohnarbeiterInnen zu begründen und zu popularisieren.


    Deine Argumentation stellt - unter Bezugnahme auf die Erfahrungen mit dem erfolgreichen Nationalsozialismus in Deutschland - jedes Vertrauen in Möglichkeiten und Fähigkeiten der LohnarbeiterInnen, ihre eigene soziale Emanzipation anzustreben, in Frage. So berechtigt mir dein Anliegen erscheint, sich von jedem blinden Glauben an einen durch Lohnarbeitserfahrung getragenen Automatismus sozialer Emanzipation zu verabschieden, so fragwürdig finde ich deine Begründungen. Im Grunde verweist du uns jetzt auf die Intelligenz, deren Möglichkeiten und Fähigkeiten zu "richtiger", "nicht personifizierender" Kritik, die allein Hoffnung machen kann auf soziale Emanzipation. Aus meiner Sicht keine rosigen Aussichten! ?(


    Grüße
    Robert

  • Hallo Peter,
    Du findest wie Mario das Eingangsstatement unseres Bochumer Programms „für äußerst kritikwürdig“ und wie Mario zitierst du diesen ersten Satz falsch und sinnwidrig. Die Aussage heißt nicht: „immer noch herrschen die Kapitalisten wie Könige“. Richtig heißt es: „Immer noch herrschen die Kapitalisten über ihre Lohnarbeiter wie Könige“. 


    Es ist also erstens die Rede von der Macht der Kapitalisten in ihren Unternehmen und über ihre Produktionsmittel. Es ist nicht die Rede von einer Macht über die ganze Gesellschaft.
    Und zweitens ist dieser Satz keine Gleichsetzung mit dem Feudalismus, wie du meinst. Du meinst, das sei „eine Analyse des Feudalismus“ auf die du verzichten könntest.
    Es heißt im Bochumer Programm aber nicht: Die Kapitalisten herrschen "als Könige“ Es heißt statt dessen: Die Kapitalisten herrschen in ihren Unternehmen "wie Könige". Es handelt sich also um einen Vergleich. Ein Vergleich behauptet keine Identität sondern nur eine Ähnlichkeit. "Als König herrschen" = König sein. "wie ein König herrschen = Ähnlichkeit mit einem König haben.


    In dem Vergleich "die Kapitalisten herrschen in ihren Unternehmen wie Könige" wird behauptet, dass sich in den kapitalistischen Unternehmen seit dem Feudalismus nichts Wesentliches verändert hat. Ist das richtig oder nicht? Ich denke, das ist richtig.
    Gleichzeitig ist der Satz ein Anklage, weil für die meisten klar ist, eine „Königsherrschaft“ ist anachronistisch und gegen die Interessen der Mehrzahl, auch wenn du behauptest, dir sei „der Sinn nicht ersichtlich“.
    Das Bochumer Programm zieht in seinem ersten Satz einen Vergleich zwischen Kapitalherrschaft in den Unternehmen und dem Feudalismus. Das ist für dich und Mario "äußerst kritikwürdig".
    Karl Marx ging zeitlich noch weiter zurück und zog einen Vergleich zwischen Kapitalherrschaft und der Pharaonenherrschaft in Ägypten:
    Die „Macht asiatischer und ägyptischer Könige ... ist in der modernen Gesellschaft auf den Kapitalisten übergegangen, ob er nun als vereinzelter Kapitalist auftritt, oder, wie bei Aktiengesellschaften, als kombinierter Kapitalist.“ K. Marx, Kapital I, MEW 23, 353.
    Findest du diese Aussage von Karl Marx auch „äußerst kritikwürdig“?


    Lieber Peter, du bist ein Mitunterzeichner des Bochumer Programms. Nun schreibst du, dass „der Satz da weg muss“.
    Wenn du nicht mehr auf dem politischen Boden des Bochumer Programm stehst, dann können wir deinen Namen bei den Unterzeichnern löschen. Wenn du das Bochumer Programm aber verbessert haben willst, dann solltest du eine bessere Formulierung vorschlagen. Ohne einen Alternativvorschlag gibt es keinen Grund, an dem Bochumer Programm was zu ändern,
    meint zumindest Wal

  • Hallo Wal,
    das verstehe ich auch nicht! In seinem Posting betont Peter nochmals, dass er das Bochumer Programm gut findet. Warum sollte er als Unterzeichner seine Unterschrift zurückziehen, wenn er einen Satz falsch findet und ihn gestrichen haben möchte?
    Es gibt zweierlei Kritiken an diesem Satz:
    1. Ablehnung der darin zum Ausdruck gebrachten "Personifizierung" der Herrschaft des Kapitals.
    2. Die Ablehnung des Vergleichs mit der Herrschaft von Königen.


    Die erste Kritik lehne auch ich rundheraus ab und hab das verschiedentlich begründet. (Ich kenne Peter lange genug und weiß, dass er die Kritik am Kapital auch als Kritik am Kapitalisten versteht und verstanden wissen will.)
    Die zweite Kritik habe ich auch mehrfach in meinem Umfeld gehört. Offenbar stört dieser Vergleich einige. Und man könnte ja auch mit gutem Recht zeigen, dass dieser Vergleich hinkt, wie jeder Vergleich. Der einzelne Kapitalist herrscht, aber er herrscht beispielsweise heute in Deutschland nicht "absolutistisch"! Schon das Betriebsverfassungsgesetz schränkt seine Herrschaft ein klein wenig ein. (Ich will das hier nicht weiter ausführen.) Du selbst hast das in deinem Beitrag über die begonnene soziale Revolution - wie ich finde zu Recht - deutlich gemacht. Über diesen Vergleich kann man also durchaus streiten ... und wenn es der Sympathie für das Bochumer Programm förderlich ist, sollten wir uns eine andere Formulierung überlegen. Da das aber aus meiner Sicht momentan nicht weiter von Bedeutung ist - eher ein ganz kleiner "Nebenkriegsschauplatz, die großen Differenzen gehen nun wirklich um andere Fragen - habe ich bisher keinerlei Gedankenschmalz darauf verwendet, eine alternative Formulierung vorzuschlagen.


    Viele Grüße
    Robert

  • Hallo Robert,
    wir brauchen uns hier nicht über andere Personen unterhalten.
    Ich kann meine Aussage auch umkehren:
    Wenn der erste Satz des Bochumer Programms gestrichen wird, dann ziehe ich meine Unterschrift und meine Unterstützung für dieses Programm zurück. 
    Es wird in den beiden ersten Sätzen ausgesagt, dass in unserer Gesellschaft Menschen über Menschen herrschen und dass die herrschende Klasse die Kapitaleigner sind. Und es wird gesagt, dass die Herrschaft in den kapitalistischen Unternehmen direkter und schärfer ist als die indirekte Kapitalherrschaft über die ganze Gesellschaft.
    Ohne diese Kernaussage verlieren alle weiteren Sätze des Bochumer Programms ihren antikapitalistischen Charakter, denn es bleibt der Gegner im Dunkeln, gegen den gekämpft werden muss.


    Diese Kernaussage stößt auf Kritik. Damit kann ich leben. Die Kritik am Vergleich mit der Königsherrschaft sehe ich als bloßen Vorwand, erst recht, wenn unsere Aussage nicht einmal korrekt zitiert wird.
    Ich klammere mich aber nicht an den Vergleich Unternehmerherrschaft - Königsherrschaft. Wenn jemand Formulierungen hat, die die Aussage der ersten Sätze (direkte Kapitalherrschaft über die Produktionsmittel und indirekte Kapitalherrschaft über die Gesellschaft) sinnfälliger ausdrücken, dann können wir unsere jetzige Formulierung gerne ändern.


    Gruß Wal


    P.S. Was das "absolutistische Königtum" angeht, so war das eine kurze (End)Phase in der langen Reihe von königlichen Regenten. Und eine "absolute Herrschaft" blieb eine Möchtegern-Ideologie und war nirgendwo Realität. Die Unternehmerherrschaft hält auch den Vergleich mit dem Absolutismus aus: Wie die "absolutistischen" Könige hätten die Kapitalisten gerne unbeschränkte Macht in ihren Unternehmen. Diese unbeschränkte Macht wird aber tatsächlich durch den Widerstand der Lohnarbeiter an allen Ecken und Enden beschnitten. Ein bisschen aktuelles Anschauungsmaterial dazu liefert Neupack, wo die Arbeiter seit vier Monaten streiken, nur um einen Haustarif durchzusetzen,

  • Hallo Wal,
    wenn die Kritik an der Versachlichung der Produktionsverhältnisse im Kapitalismus dazu benutzt wird, dass die Kritik an der "kleinlichst gehässigen Fabrikdespotie" (Marx) nicht mehr geführt werden darf, weil das eine unzulässige Personalisierung sei, dann demonstriert das, wie weit sich Linksradikalismus von einer zutreffenden Kritik des Systems der Lohnarbeit entfernt hat. In den letzten beiden Jahren meiner Lohnarbeit habe ich noch einmal ganz "hautnah" erfahren, wie das vom Kapital bestellte Leitungspersonal - kraft seiner "ökonomisch-sachlichen Funktion" - Herrschaft ausübte! Dabei wurde selbst organisiertes Mobbing eingesetzt, um im Rahmen von "Restrukturierung" Leute loszuwerden, die "man nicht mochte", für unfähig erklärte etc.. Das endete in schlimmen Burn-outs und schließlich im "freiwilligen" Ausscheiden der "lieber Mitarbeiter".
    Was denn überhaupt vom Begriff der Klassengesellschaft bleibt, wenn man die Herrschaft von Menschen (Kapitalisten) über Menschen (LohnarbeiterInnen) als unzulässige Personalisierung aus der Kritik der Produktionsverhältnisse streicht, ist mir schleierhaft!
    Ich denke, zwischen uns gibt es in dieser Frage keinen Widerspruch; und wenn die Kritik an der Herrschaft des Kapitals über die LohnarbeiterInnen - ausgeübt im Rahmen der "formellen Organisation" jedes einzelnen Betriebs - aus dem Bochumer Programm gestrichen würde, dann wäre das auch nicht mehr mein Programm.
    Im Übrigen wollte ich nicht mit dir über Personen diskutieren, sondern lediglich darauf verweisen, dass meines Wissens Peter sich bis her allenfalls an der Formulierung des Vergleichs mit den Königen gestört hat und von daher seine Unterschrift unter das Bochumer Programm überhaupt nicht in Frage stand. Doch, was soll's. Soll er sich selbst äußern.


    Viele Grüße
    Robert

  • Wal, bei allem Respekt, aber ich halte es für eine überhebliche Aussage mir vorzuwerfen, ich würde nichts von den Dir genannten Unterdrückungsformen kennen.


    Ob Schul- oder Ausbildungszeit, in meiner Zeit als Leiharbeiter oder Erwerbsloser, meinem Engagement in der Occupy-Bewegung oder Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht, behaupte ich einfach mal dreist, genug gesehen zu haben um einschätzen zu können wie was abgeht.


    Statt Deiner Polemik bist Du allerdings auf keinen der Punkte eingegangen. Stattdessen bezeichnest Du die von mir zitierte Analyse des Faschismus/Nationalsozialismus als "Zitate von irgendwelchen Leuten". Ich bezweifle, dass dies eine Basis ist um das Marx-Forum attraktiver zu machen.


    Mir war bereits zu Beginn klar, dass ich die Passage "Immer noch herrschen die Kapitalisten über ihre Lohnarbeiter wie Könige", nicht korrekt wiedergegeben habe, da ich, was wohl ein Fehler war, zu faul war um den genauen Wortlaut nachzuschlagen. Weiter unten hast Du den Wortlaut in seiner Bedeutung erklärt und gegen meine und Peters Einwände verteidigt. Gut, sei's drum. Eine Interpretationsfrage.


    @Kim. Zu meiner Frage, wie eine nicht-avantgardistische Organisation aussehen könnte, schreibst Du: "Diese „Avantgarde“, deren Unterschied zu den Lohnarbeitern lediglich darin besteht, die Gründe zu kennen, warum die Masse der Lohnarbeiter unter kapitalistischen Bedingungen verelenden muss und immer arm bleiben wird, steht nicht über einer aus diesen Bedingungen erwachsenen emanzipatorischen Bewegung, sondern begleitet sie und geht in ihr auf."


    Das beantwortet meine Frage zufriedenstellend. Die Kommunistinnen und Kommunisten kommen also weiterhin nicht umhin in der Klasse zu wirken und Aufklärung zu betreiben. Denn von sich aus sind diese nicht per se revolutionär.


    Meine Erfahrung war nämlich diese, dass nicht nur die Möglichkeit der Wendung gegen die Herrschaft besteht, sondern die Möglichkeit, die Gefühle der Ohnmacht und Minderwertigkeit in Form einer Art "Selbstveredelung" durch Rassismus und Herrenrassengedanke (Faschismus) besteht. Die wahren Gründe des Elends werden durch Sündenböcke und Personifizierungen verschleiert und die Wut gegen jene gewendet, welche angeblich für "Entartung" und Dekadenz ursächlich sind. Nicht wenige Lohnarbeiter teilen diese Ansicht ihrer Tendenz nach.


    @Robert. Du schreibst: "Wenn es also um die Frage geht, wie es dem Nationalsozialismus gelang, auch unter LohnarbeiterInnen Einfluss zu erlangen, dann geht es meiner Meinung nicht um "eine ideologische Eigenlogik" der Lohnabhängigkeit, sondern um die Fehler ("Staatssozialismus", ob reformistisch und revolutionär durchzusetzen) und verheerende Entwicklungen unter den Theoretikern des damaligen Marxismus (wie Sternhell am italienischen Faschismus zeigt, wurde dieser selbst ja von "Sozialisten" entwickelt) und um die Klassenkämpfe der damaligen Zeit."


    Interessant, dass Du Zeev Sternhell erwähnst. In "Die Entstehung der faschistischen Ideologie", beschreibt er sehr ausführlich, wie eine - wie ich es nennen würde - "Nietzscheanisierung" der Linken maßgeblich dazu beitrug die Idee einer "proletarischen Nation" auszuformulieren und die keimende faschistische Ideologie zu unterfüttern. Meiner Meinung nach besteht die Möglichkeit der "Faschisierung" darin, wenn folgende Versatzstücke zusammenkommen:


    - Gewaltverherrlichung/Terrorismus


    - Nationalismus/Auflösung der Klassengegensätze in der "Volksgemeinschaft"


    - Personifiziert-verkürzte Kapitalismuskritik (vornehmlich "Zinskritik" wie sie bei Proudhon oder Gesell vorkommt; "ehrliche Arbeit" vs. "kapitalistische Schmarotzer")


    - Führerkult/Populismus


    - Militarismus


    - Arbeitskult ("Arbeit adelt")


    Dies meine ich mit "ideologischer Eigenlogik", nicht den Status der Lohnabhängigkeit. Wo allerdings die oben genannten Punkte unreflektiert und unkritisiert Einzug in die Lohnarbeiterschaft finden, ist es mit faschistoiden Krisenlösungen nicht weit her. Und davon war die alte Arbeiterbewegung - besonders dort wo sie vom Leninismus dominiert wurde, aber auch die Syndikalisten des südlichen Europa waren nicht frei davon - nicht gerade unwesentlich betroffen.


    Ganz praktisch "wabern" diese Versatzstücke in den Krisenlösungs-Vorschlägen der deutschen Occupy-Bewegung umher, obgleich sie vielfach nicht unkritisiert bleiben und die Occupy'ler sich nach wie vor als Internationalisten sehen und humanistisch-solidarische Werte ihre Basis bilden. Trotz allem gibt's nicht wenige, die in ihrer Kritik an der EU eine Rückkehr zum starken Nationalstaat fordern, sich "jenseits von links und rechts" wähnen (und damit in Wahrheit, auch wenn es ihnen nicht bewusst sein mag, Rechts stehen), zinsfreies Geld predigen oder in der Verstaatlichung der Banken den großen Schritt sehen.


    Selbstverständlich sind solche Widersprüche normal, gerade wenn es kein verbindliches Programm oder tiefgreifend antikapitalistisches Selbstverständnis gibt. Es zeigt aber, dass soziale Emanzipation keineswegs die einzige Alternative ist und auch in den sozialen Bewegungen viele Missverständnisse kursieren, die nicht unwesentlich den früheren Selbstmissverständnissen der alten Arbeiterbewegung zuzuschreiben sind. Das meine ich, wenn ich unter Bezugnahme des Pfreundschuh-Zitats meine: Die Fehler der Linken sind die Trojaner der Rechten.


    Hier müssen, ohne Frage, Populismuskritik und Kritik falscher Personifizierungen Hand in Hand gehen.


    Natürlich besteht kein faschistischer Automatismus, ebenso wenig wie eine zwangsläufige soziale Emanzipation besteht. Mein Einwand bestand, das sollte vielleicht klarer geworden sein, darin, dass faschistoide, rassistische, antisemitische, allgemein reaktionäre Ideologien innerhalb der Lohnarbeiterschaft genauso wie im Rest der Bevölkerung verbreitet sind. Mitunter sogar umfassender als emanzipatorisches.


    Daraus ergab sich meine Frage, wenn der Avantgardismus kritisiert und auf die Spontaneität der Lohnabhängigen gesetzt wird, welche Aufgabe Kommunistinnen und Kommunisten haben um möglichen Sozial- oder Kulturrevolten einen emanzipatorischen Anstrich zu geben. Denn meiner Erfahrung nach, sind diese es keineswegs immer von selbst. Geschweige denn, dass sie die Immanenz überschreiten.



    Grüße



    Mario

  • Statt Deiner Polemik bist Du allerdings auf keinen der Punkte eingegangen. Stattdessen bezeichnest Du die von mir zitierte Analyse des Faschismus/Nationalsozialismus als "Zitate von irgendwelchen Leuten". Ich bezweifle, dass dies eine Basis ist um das Marx-Forum attraktiver zu machen.


    Hallo Mario,
    Ich denke, das Marx-Forum bekommt seine Attraktivität nicht daraus, dass du hier einfache Zustimmung von "Gleichgesinnten" (gibt es das überhaupt?) findest. Ich denke, das Marx-Forum bezieht seine Attraktivität daraus, dass du hier erstens sachlich begründete Antworten bekommst, und dass du hier zweitens Antworten von unterschiedlichen Leuten mit unterschiedlichen Kenntnissen und Erfahrungen bekommst.
    Ja, zur deinen Ideologiethesen habe ich nicht Stellung genommen. Mir war jetzt wichtiger, eine Kernaussage des Bochumer Programms zu verteidigen und zu begründen. Aber mit Kim und Robert haben hier zwei Leute ausführlich auf deine Thesen geantwortet und mit deren Antworten konntest du auch was anfangen. Ich denke, viel mehr Attraktivität geht nicht. :)


    Gruß Wal

  • Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.



    Schön wärs.
    Damit ist aber noch kein Avantgardeanspruch behauptet.


    Ausgebildete Mechaniker haben vor der übrigen Masse der Autofahrer die theoretische und praktische Kenntnis des Automobils voraus.
    Deswegen bilden sie aber nicht die Avantgarde der Autofahrer.
    Beste Grüsse,


    mars

  • "Im weitesten Sinn wird mit dem Begriff Avantgarde dem Bezeichneten eine 'Vorreiterrolle' zugewiesen. Unter Avantgardisten versteht man Personen, die neue, wegweisende Entwicklungen anstoßen." Soweit aus Wikipedia.


    Insofern sind letztlich auch die Unterzeichner des Bochumer Programms ganz formal gesehen eine Avantgarde, oder die Initiativgruppe der Kooperative Cecosesola in Venezuela und so weiter und so weiter - ganz egal, ob sie subjektiv den Begriff für sich verwenden mögen oder nicht. Die wirklichen Vorreiter brauchen solche akademischen Begrifflichkeiten ohnehin nicht. Lasst uns also über Inhalte streiten, über die Richtung, in die einer vorangehen will, und nicht darüber, ob er selbst Vorreiter sein will oder sein darf. Wer gar nichts zu sagen hat, von dem er glaubt, dass es für andere lehrreich sein könnte - warum sagt der dann überhaupt was?


    Gruß
    Mattis

  • Hallo Mattis,
    nichts gegen Wikipedia, aber wenn wir Linke untereinander über "Avantgarde" streiten, dann ist Wikipedia vielleicht nicht das passende Referenzmaterial.
    Ich denke, der Begriff "Avantgarde" ist zu Recht in Verruf geraten, weil die Traditionskommunisten, die sich für Avantgarde gehalten haben und immer noch dafür halten, die kommunistische und sozialistische Bewegung mit ihrer behaupteten "Vorreiterrolle" ziemlich in den Sumpf geritten haben.
    Demgegenüber zu sagen, "Avantgarde" ist jeder, der ein paar Kenntnisse in Irgendwas hat, hilft nicht weiter. Mit dieser Definition ist jeder irgendwo und irgendwie "Avantgarde".
    Der leninistische Avantgarde-Begriff hat auch gar nichts mit individuellen Kenntnissen und Fähigkeiten zu tun. Im leninistischen Parteikonzept ist Avantgarde ein Status, keine Eigenschaft. Man erwirbt den Avantgarde-Status durch die Mitgliedschaft in der Avantgarde-Partei. Genauer lässt sich diese Avantgarde gar nicht beschreiben und charakterisieren. Die Partei ist Avantgarde als Repräsentant und Vertreter der Arbeiterklasse und ein Einzelner gehört zur Avantgarde, indem er Parteimitglied wird. Da passen durchaus die Vergleiche mit dem Hl. Geist, der über seine Jünger kommt. Leninistische Avantgarde ist ein bloßer Anspruch, die durch nichts bewiesen ist und durch nichts bewiesen werden kann. Deshalb ist die beste Definition von Avantgarde: „Avantgardisten sind Leute, die meinen, da wo sie sind, ist vorne“.
    Nehmen wir ein paar heutige "Avantgardisten" als Beispiel. Die DKPisten hatten grade Parteitag und klammern sich immer noch an "Antimonopolistische Demokratie" und Lenins "Imperialismustheorie". Ist das etwa "Vorne"? Das sind Theoriekadaver, mit denen die elementaren Interessen der Lohnarbeiter zugedeckt und verschüttet werden. Die "antimonomopolistische Demokratie" sucht den Schulterschluss mit Kleinkapitalisten und die heutige "Imperialismustheorie" sucht den Schulterschluss mit Regierungen und Chefs von (Klein)Staaten statt mit sozialen Bewegungen.
    Die Liste könnte ich noch mit MLPD, KPD, Trotzkisten und x anderen Sektengruppen fortsetzen.
    Das alles sind "Avantgardisten". Lasst die Avantgarden ruhen in Frieden!


    Gruß Wal

  • Hallo Mario,


    du schreibst,


    „Meine Erfahrung war nämlich diese, dass nicht nur die Möglichkeit der Wendung gegen die Herrschaft besteht, sondern die Möglichkeit, die Gefühle der Ohnmacht und Minderwertigkeit in Form einer Art "Selbstveredelung" durch Rassismus und Herrenrassengedanke (Faschismus) besteht. Die wahren Gründe des Elends werden durch Sündenböcke und Personifizierungen verschleiert und die Wut gegen jene gewendet, welche angeblich für "Entartung" und Dekadenz ursächlich sind. Nicht wenige Lohnarbeiter teilen diese Ansicht ihrer Tendenz nach. »



    Unabhängig vom Bewusstsein existierend sind die Lohnarbeiter logischerweise revolutionär, denn sie bilden ja die Klasse, die ein Interesse daran und die Mittel dazu hat, die Klassenherrschaft abzuschaffen. Ferner ist objektiv jede Produktivkraftentfaltung ein Schritt in Richtung der Emanzipation der Lohnarbeiter, denn er rüttelt an der Ver­wer­tungs­sei­te dieser Gesellschaft, weil die Pro­duk­tiv­kräf­te immer stär­ker in Kon­flikt mit den Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen geraten.


    Real sind die deutschen Lohnarbeiter durch den Revisionismus der SPD zu Bürgern geadelt geworden und unterwerfen sich als solche freiwillig der Herrschaft des Staates, den sie als eine für sie geschaffene Einrichtung ansehen, die ihre Interessen positiv vertritt. Zugleich erkennen sie die bestehende kapitalistische Produktionsweise als einzige Quelle zur Sicherung und Erhaltung ihrer Existenz an. Real ist aber auch, dass die Lohnarbeiter Reichtum für andere schaffen, selbst aber arm bleiben, ihre Gesundheit ruinieren müssen und auch sonst durch allerlei Bürden auf sich nehmen müssen.
    Produktion und Reproduktion führen unter kapitalistischen Bedingungen offensichtlich zu einem immer währenden Widerspruch. Als Bürger wird dieser Widerspruch von denLohnarbeitern allerdings nicht mehr in der entsprechenden Schärfe wahrgenommen, denn als Bürger werden die Lohnarbeiter zu Nationalisten, Christen, Esoterikern, Ökologen, Arbeitnehmern, Verbrauchern, Steuerzahlern, Fußballern, Soldaten, Wählern zu allen möglichen bürgerlichen Charakteren also außer zu entschiedenen Feinden des Staates, das ihnen Unterdrückung und Gegnern der Produktionsweise, die ihnen ihr armseliges Leben beschert. Objektiv existieren die Lohnarbeiter hinter dieser Fassade allerdings wegen des Ausschlusses von den Produktionsmitteln
    und durch den Zwang zur Lohnarbeit und den damit verbundenen Folgen von Prekarität und Armut als eine Bourgeoisie und Staat feindliche antibürgerliche Klasse weiter.



    Real sind weltweit die ökonomischen Bedingungen vorhanden, um den Kapitalismus durch den Kommunismus/Anarchismus zu ersetzen. Objektiv liegen für die Lohnarbeiter genug Gründe vor, sich vom kapitalistischen Zwangssystem zu befreien. Objektivverfügen die Lohnarbeiter durch ihre Masse und die praktische Verfügung über die Produktionsmittel über ausreichend Machtdieses Ziel zu erreichen. Bleibt nun die Frage, warum tun sie es nicht?


    Die Begründung, dass dies am Gefühl der Ohnmacht oder der Flucht in die nationalen Ideologie läge, u. ä., bleibt oberflächlich. Du hast aber mit deiner Kritik an den kommunistischen Theoretikern zu Beginn des 20. Jahrhunderts m. E. schon einen Teil erklärt. Erst wurden die Lohnarbeiter durch die Reformisten zu Bürgern gemacht und dann wurden sie durch diese Theoretiker zusätzlich zu staatssozialistischen Bürger ( mit allem drum und dran: Führer, Nation, Gewalt, Militär, Untertänigkeit) erzogen. Es liegt also zu einem großen Teil an dem schweren Fehler der Kommunisten, insbesondere der leninistisch- bolschewistischen Variante, den Marxismus wegen einiger Passagen in Marx’ Werk als Anleitung zum Aufbau des Staatsozialismus
    verstanden zu haben.


    Welchen Grund sollten die Lohnarbeiter gehabt haben, ihre kapitalistisch-bürgerlichen Lebensgrundlagen gegen die staatsozialistische auszutauschen? Der Tausch musste ihnen zurecht wie der zwischen Pest und Cholera vorkommen. Kommunismus oder Sozialismus konnte für die Lohnarbeiter im entwickelten Kapitalismus, denen es nach dem zweiten Weltkrieg auch noch materiell besser ging als den Arbeitern in den sozialsozialistischen Staaten, nicht attraktiv sein. Da glaubten sie eher den sozialdemokratischen Ideologen, die da noch vom unendlichen Fortschritt der kapitalistischen Produktionsweise zum Vorteil der Lohnarbeiter überzeugt waren.


    Wurde durch die Fehler jener kommunistischen Theoretiker die marxistische Theorie als antikapitalistische Theorie schon verheerend geschwächt, wurde ihr durch die Reaktion einiger marxistischer Intellektueller auf die frühen kommunistischen Theoretiker und die realsozialistische Realität nahezu der Todesstoß versetzt. In Deutschland wurde der Marxismus durch die „Kritische Theorie“ zerpflückt und in Frankreich durch die marxistischen Strukturalisten und den marxistischen Humanismus Sartres. Weder der „Kritischen Theorie“ noch den französischen Schulen ging es um
    die Lebenslage der Lohnarbeiter oder die Armut im Allgemeinen. Die Anhänger der „Kritischen Theorie“ wollten Philosophen sein, die aus der Transzendenz die Immanenz begründen wollen. Dazu griffen sie auf marxistische Kategorien wie die Ware zurück und bedienten sich methodologisch der materialistisch-dialektischen Erkenntnismethode. Sie waren lediglich daran interessiert, die kapitalistischen Phänomene aus einem philosophisch spekulativen Interesse allgemein zu begründen, aber keine Gründe kennen zu wollen, sie abzuschaffen. Zu einer Kritik der politischen Ökonomie
    auf der Grundlage der Werttheorie waren sie entweder nicht fähig oder lehnten sie gleich ab. Bei den französischen Strukturalisten verlief es ähnlich. Auch sie wollten im Marxismus nur noch eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie sehen indem meinten, immanente ewig gültigen Strukturen herausarbeiten zu müssen. Zu einer veritablen Kritik der politischen Ökonomie ihrer Zeit waren sie indes nicht fähig. Das gilt auch für
    Sartre, der in Marx’ Werk nur noch das humanistische Moment erkennen wollte.


    Mit der Demontage des Marxismus und seiner Überführung in das Ideal einer freien, unabhängigen, vorurteilsfreien bürgerlichen Gesellschaftswissenschaft wurde den Lohnarbeitern die theoretische Waffe entzogen. Die marxistische Theorie, der wissenschaftliche Sozialismus, ist jedoch als antikapitalistische Theorie parteilich und das einzige Mittel der Lohnarbeiter, das ich kenne, mit dem die kapitalistischen Phänomene vom Standpunkt der Lohnarbeiter richtig untersucht, auseinander genommen und offengelegt werden können. Nur das richtige Verständnis und die richtige Anwendung der marxistischen Lehren sind das Mittel für uns Lohnarbeitern, um die politökonomischen Formen Wert, Geld, Kapital und Lohnarbeit erkennen und schließlich aufzuheben zu können.


    Die grundlegenden Fehler der kommunistischen Theoretiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die abschreckende Realität des Staatssozialismus und die Demontage des Marxismus durch die Frankfurter Schule und die französischen Strukturalisten hat zu dem desaströsen theoretischen und realen Zustand geführt, in dem sich die Gesamtheit der Linken heute befindet. Außer ein paar Marxisten, gibt es heute Antideutsche und Antinationale, Trotzkisten, Stalinisten, Antirassisten, MLer und viele andere, die die wesentliche theoretische Aufgabe der Linken, die veritable Kritik der politischen Ökonomie eigentlich nie ernsthaft angegangen sind. Insofern verhalten sie sich nicht anders als ihre Vorgänger, die mit der marxschen Kritik der politischen Ökonomie ebenso nicht mehr viel anzufangen wussten und meinten, wenn überhaupt, auf marxistischer Grundlage neue Wege finden zu müssen.
    Damit verleugnet oder schwächt zumindest die wahrnehmbare antikapitalistische Linke jedoch die notwendige Theorie, die zum Verständnis der sozialen Emanzipation der Lohnarbeiter unentbehrlich ist.


    Dafür blüht gerade bei diesen Gruppen der Avantgardismus, weil sich eine jede dieser Gruppen im Recht und nicht nur diesen sondern auch den Lohnarbeitern im allgemeinen überlegen glauben. Das ist, menschlich gesehen, sogar irgendwie verständlich, weil ja jede Gruppe, ihren avantgardistischen oder besserwisserischen Anspruch verteidigen muss, wenn sie sich behaupten will. Wenn z. B. die Mler anfangen würden, Lenin zu kritisieren, käme das einer Selbstvernichtung gleich, weil es sie als MLer wohl sehr bald nicht mehr geben würde. Welche stramm ideologisch organisierte Kaderorganisation würde diesen Schritt schon von sich aus wagen? Es ist genau umgekehrt: Der Zeck der Führung solcher
    Kaderorganisationen ist doch gerade ihre avantgardistischen Ansprüche vorwärts bringen zu müssen.


    Du liegst deshalb, m. E., mit deiner Klage über das Verhalten Lohnarbeiter falsch. Die Lohnarbeiter sind weder von Haus aus revolutionär oder antikapitalistisch noch nationalistisch oder prokapitalistisch. Die Lohnarbeiter tun erst einmal einfachdas, was ihnen in ihren Augen gerade richtig erscheint. Wie gesagt hätten die Lohnarbeiter genug Gründe und ausreichend Mittel, den Kapitalismus zu überwinden. Als Bürger sind sie dazu vorerst dazu nicht bereit. Allerdings bietet die gemeinsame antikapitalistische Linke ihnen keine Orientierung, diesen trostlosen Zustand zu überwinden, weil diese selbst keine Orientierung hat. Es ist deshalb verkehrt über die Lohnarbeiter zu jammern. Viel wichtiger ist es, dass sich die
    Linke an der ungemütlichen Lebenslage der Lohnarbeiter und an der eigenen orientiert und versucht, zusammen mit diesen jene aufzuheben.


    Dabei muss sich jede politische Handlung am Endzweck, der sozialen Emanzipation der Lohnarbeiter, orientieren und messen lassen. Daran würde schnell deutlich, welche Politik brauchbar oder unbrauchbar ist, um dieses Ziel zu erreichen. Unter den antikapitalistischen politischen Gruppierungen, stehen ihm auf jeden Fall schon jetzt jene entgegen, die einen elitären, avantgardistischen Anspruch erheben, terroristische Mittel befürworten, unter Revolution vor allem eine gewaltsame (militärische) Lösung verstehen und auf der Errichtung eines Repressionsapparates (Staat,
    Staatssozialismus) bestehen. Wenn das einmal geklärt wäre, meine ich, stünde der zügigen und nachhaltigen Entwicklung einer revolutionären,
    sozialemanzipatorischen Bewegung nichts mehr im Wege.



    Beste Grüße


    Kim

  • Hallo Kim,
    du schreibst:
    "Wie gesagt hätten die Lohnarbeiter genug Gründe und ausreichend Mittel, den Kapitalismus zu überwinden. Als Bürger sind sie dazu vorerst nicht bereit. Allerdings bietet die gemeinsame antikapitalistische Linke ihnen keine Orientierung, diesen trostlosen Zustand zu überwinden, weil diese selbst keine Orientierung hat."


    So formuliert, hieße das, die Lohnarbeiter können ja gar nicht anders, weil kein Vorreiter da ist, der ihnen eine gute Orientierung gibt. Was für eine - meines Erachtens ziemlich unangebrachte - Entschuldigung für die dumpfe Anpassung an die Verhältnisse! Und außerdem ein überraschend dickes Votum für eine Avantgarde, die es nur leider momentan nicht gibt?


    Der Punkt ist ja viel schlimmer: die fragen ja nicht mal ernsthaft nach Alternativen. Die hauen doch jedem Kritiker ihre opportunistischen Sprüche um die Ohren, ganz egal, was für ein Typ von Sozialist dieser Kritiker nun ist oder sein will. Realsozialismus und groteske ML-Parteien kommen ihnen da als "Argumente" gerade recht, sind aber nicht der Grund für ihre Ablehnung jeglicher ernsthafter Gesellschaftskritik. Sie verteidigen Kapital und Konkurrenz ganz selbstbewusst. Und gerade weil das der Zustand ist, gibt es alternative Ansätze nur in isolierten, eher mit sich selbst beschäftigten Zirkeln, die sich unwidersprochen als "von der Arbeiterklasse beauftragt" imaginieren können, gerade weil selbige selbst nicht muckt, nicht fragt und schon gar nicht irgendetwas ändern will. Das ist ihre "Orientierung".


    Gruß
    Mattis

  • Hallo Mattis 
    „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, verfügt damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. Die herrschenden Gedanken sind weiter nichts, als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 47.
    Wer sich also wie du auf die Suche macht, in den Köpfen der Lohnarbeiter kapitalistischen Gedanken zu finden, der wird natürlich fündig. Es ist aber eine langweilige und unnütze Beschäftigung, die nichts weiter beweist als den obigen Gedankengang von Karl Marx: Die herrschende Klasse produziert die herrschenden Gedanken. Punkt.
    Da, wo es herrschende Gedanken gibt, existieren auch – mehr oder minder verborgen, mehr oder minder versteckt auch unterdrückte Gedanken. Das ist das Gold, das unter Schutt liegt. Die einen beklagen sich über den vielen Schutt, die anderen suchen nach Gold.
    Das ist mein erster grundsätzlicher Einwand gegen die Schuttsucherei der heutigen Linken.


    Mein zweiter Einwand ist wieder von Marx geholt:
    Verkehrt ist es, „sowohl die heuchlerischen Phrasen wie die Illusionen der Menschen für die wirklichen Motive ihrer Handlungen anzusehen.“ K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 144.
    Soll heißen: Es kommt gar nicht sosehr darauf an, was die Leute einem erzählen. Sie erzählen viel, wenn der Abend lang ist. Es kommt viel mehr darauf an, was die Leute tun. Viele Linke halten sich und andere Menschen für „kopfgesteuerte Wesen“. Sie meinen, wenn sie Gedanken verändern, dann verändert sich das Tun. Das ist eine idealistische Illusion. Menschen richten sich nicht nach ihren Gedanken, sondern nach ihrem Bauch. Der Bauch ist in aller Regel stärker als der Kopf. Bei mir, bei dir, bei allen Lohnabhängigen.
    Menschen sind daher nicht nach ihrem Kopf (ihren Worten), sondern nach ihrem Bauch (ihren Taten) zu beurteilen. Diese einfache und materialistische Wahrheit haben viele heutige Linken vergessen.
    Nach ihren Taten beurteilt, sind heutige Lohnabhängige in Deutschland allerdings weitgehend ruhig. Soweit sich soziale Bewegungen entwickeln, dann entwickeln sie sich nicht an Konflikten innerhalb der Lohnarbeit, sondern im Bereich der Reproduktion. Darüber kann man mäkeln. Ich mäkele darüber nicht.
    Erstens weiß ich, dass unsere Reproduktion kapitalistisch bestimmt ist, und alle Fragen der Reproduktion über kurz oder lang zu Fragen der Produktion werden. Wer seine Kinder und sich vor Radioaktivität schützen will, der wird erstens gegen Kernkraftwerke und gegen den Transport von Brennstäben sein, aber über kurz oder lang muss er sich auch Gedanken machen, wie anders Strom erzeugt werden muss als durch Kernkraft. Da kommen die Leute durch eigenes Nachdenken auf nachhaltige und umweltschonende Energieproduktion.
    Wer gegen den Bau einer Autobahn oder eines Flughafens ist, weil es ihm seine Nachtruhe raubt, der muss sich über kurz oder lang Gedanken machen, warum die Transportarbeit im Kapitalismus immer weiter ausufert und wie das anders zu organisieren sei. Auf „Regionalität“ kommen die Leute dann durch eigenes Nachdenken, und nicht durch Studium der Werke von Karl Marx.
    Wer immer noch wie Lenin im rückständigen Russland von 1905 behauptet, dass die Lohnarbeiter über den Kapitalismus nicht hinausdenken können, der ist im Denken selber rückständig. Sorry, für die persönliche Polemik, aber mir macht dieses linke Vorurteil einen dicken Hals!
     


    Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden. Das heißt für mich auch, dass diese Gedanken nicht sehr tief gehen. Die Gedanken der Herrschenden passen nicht wirklich zum Leben und zu den Erfahrungen der Lohnarbeiter. In der nächsten Bewegung werden solche "eingeimpften" Gedanken schnell abgeschüttelt. Menschen handeln nicht nach ihren Gedanken, sondern nach ihren Interessen.
    Wer das akzeptiert, der muss davon ausgehen, dass die relative Ruhe in den Unternehmen, den aktuellen Interessen der Masse der Lohnarbeiter entspricht.
    Anders gesagt: Für die Masse der Lohnarbeiter in Deutschland bringt ein kämpferisches Auftreten im Betrieb für sie aktuell nicht mehr Nutzen.
    Warum das so ist? Man kann dafür die Geschicklichkeit unserer Manager ebenso verantwortlich machen wie die Ungeschicklichkeit der "klassenkämpferischen Linken"
    samt Gewerkschaftsbewegung.
    Die "klassenkämpferische Linke" in Deutschland hat nie gelernt, erfolgreiche Bewegungen zu führen. Die Gewerkschaftsführung in Deutschland will (meist) keine erfolgreiche Bewegung und schon gar nicht eine selbständige Bewegung, weil das ihren Einfluss untergräbt. Die klassenkämpferische Linken können keine erfolgreiche Bewegung führen, weil ihnen Erfahrung und auch sonst viel fehlt, und meist wollen auch sie keine selbständige Bewegung, sondern ihren eigenen Einfluss ausdehnen und "Kader" einsammeln.
    Anders als klassenkämpferische Linke, die meinen Bewegung und Kampf sei für sich gut, meinen die Lohnarbeiter, Kampf ist nur gut, wenn die Erfolgschancen gut stehen und wenn der Kampf daher Besseres einbringt als Stillhalten. Auch in diesem Punkt ist die Masse der Lohnarbeiter materialistischer als die Linke. Die Linke kann sich an Zielen berauschen. Für die Lohnarbeiter sind nicht Ziele wichtig, sondern Ergebnisse.


    Soweit erst mal und Gruß
    Wal

  • Hallo Wal,


    ich "mäkele" nicht, ich pflege auch keine "Vorurteile", sondern ich schau mir die Leute an, bei denen du das Gold
    unter dem Schutt imaginierst. Ich schau mir meine Kollegen an, nette Leute, aber weder Kopf noch Bauch sind bei denen aufmüpfig. Das ist nicht meine Fantasie, sondern Realität. Du willst doch nicht etwa den alten ML-Fehler in neuer Form aufleben lassen, dass man an den "Massen" nichts kritisieren darf, sondern immer nur ihr Potential zu loben hat? Potential ist eben nur Potential. Was wird denn draus gemacht?


    Du verlegst dich weit eher aufs Mäkeln, nur dass du eben über die "Linken" mäkelst, auch über die Gewerkschaften. Aber die sind nur verantwortlich für ihre eigenen Fehler, nicht dafür, dass die werte Arbeiterschaft sich nicht rührt. Oder soll das ebenfalls alte ML-Märchen wieder aufleben, nach welchem die "eigentlich" kämpferisch gesonnenen "Massen" von den "herrschenden" Arbeiterführern in die Irre geführt und am Kampf gehindert werden (so der sattsam bekannte Jargon)? Das klingt jedenfalls für meine Ohren so bei dir durch, und da kann ich nichts davon halten.


    Wenn Lohnabhängige Sorge haben, sich zu rühren, weil sie sich dadurch keinen Erfolg versprechen sondern vielleicht sogar Nachteile befürchten, dann doch deshalb, weil sie immer schon davon ausgehen, dass ihresgleichen nicht ausreichend mitmachen. In der Tat blockieren sie sich also nur selber - was sollte denn eine bremsende Gewerkschaft oder Linke gegen ein entschlossenes Auftreten der Lohnabhängigen noch ausrichten können? Innerhalb weniger Wochen müssten die abtreten.


    Das ist aber noch nicht mal alles, es ist tatsächlich schlimmer: die meisten verzichten gar nicht mal aus Angst auf weitergehende Forderungen, sondern haben tatsächlich die Logik der Verwertung im Kopf. Sie denken und reden, als seien sie Vorstandsmitglieder des Unternehmens. Deshalb sehe ich den Kopf als entscheidenden Punkt an. Erst wenn der Kopf die falschen Rechtfertigungen für Lohnhierarchie, Konkurrenz und Rentabilität durchschaut, kann es m.E. einen Fortschritt geben. Ansonsten bleibt es beim Schimpfen über Profitgier und Lobbyismus - das aber ist kein kritischer Standpunkt. Das ist Bauch im schlechtesten Sinne: moralisierendes und absolut folgenloses kompensatorisches Gemaule, man lässt Dampf ab, dann geht man wieder wählen wie gehabt. Man glaubt fest an die Möglichkeit eines fairen Kapitalismus, und dieser Glaubenssatz sitzt im Kopf und nirgends sonst.


    Selbst bürgerliche Wissenschaftler und Publizisten - wie z.B. aktuell der Historiker Hans-Ulrich Wehler - sind erstaunt darüber, wie wenig Protest sich regt im reichsten Land Europas, in dem es seit über 10 Jahren keine
    Steigerungen der Realeinkommen mehr gab, dafür aber galoppierende Verarmung.


    Für ihre Einstellungen sind die Lohnabhängigen aber ganz allein verantwortlich, es gibt kein Gesetz dahingehend, dass die "Gedanken der Herrschenden" auch ihre Gedanken sein müssen. Sobald sie ihre schier bedingungslose Loyalität aufgeben, löst sich das scheinbare "Gesetz" doch in Nichts auf.


    Also bitte nicht jammern über Linke oder Gewerkschaften - den meisten Lohnarbeitern gehen deren Vorstellungen doch schon viel zu weit! Der vermeintlich schlaue Kollege sagt: das geht an den wirtschaftlichen Notwendigkeiten vorbei ... egal ob der Bauch sagt "Ich brauche mehr Einkommen" - der Kopf sagt: nee, das ist nicht drin.


    Kurz gesagt: bitte keine Volksidealisierung neuen Typs!


    Gruß
    Mattis

  • Für ihre Einstellungen sind die Lohnabhängigen aber ganz allein verantwortlich, es gibt kein Gesetz dahingehend, dass die "Gedanken der Herrschenden" auch ihre Gedanken sein müssen. Sobald sie ihre schier bedingungslose Loyalität aufgeben, löst sich das scheinbare "Gesetz" doch in Nichts auf.


    Hallo Mattis,
    nein, es existiert keine Gesetz wonach die Lohnabhängigen sich die Gedanken der Herrschenden aneignen müssen. Es existieren aber sehr wohl gesellschaftliche Bedingungen für die "Produktion" und Aneignung von Einstellungen. Wenn Lohnabhängige "allein" für ihre Einstellungen verantwortlich wären, dann müssten sie über die diese Bedingungen bestimmen, es müssten von ihnen gesetzte Bedingungen sein! Das sind sie zweifellos nicht! "Die Lohnabhängigen" das ist eine Masse von Individuen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen. Sie müssen das nicht von Geburt an. Sie werden in Familien groß, die für sie sorgen. Sie durchlaufen Schule und Ausbildung bis sie selbst soweit sind, ihre Arbeitskraft zu Markte tragen zu müssen. Es gibt eine Menge prägender Einflüsse, die auf jeden einzelnen einwirken, bevor er oder sie für Lohn arbeitet. In hoch entwickelten kapitalistischen Ländern wie Deutschland dauern die Einstellung prägende Kindheit und Jugend mittlerweile ziemlich lange. Es gibt ein reichhaltiges Angebot an "Einstellungen", die auf Kinder und Jugendliche Einfluss nehmen, mehr oder weniger attraktiv auf sie wirken.
    Was es nicht gibt, das ist eine ungebrochene Tradition kommunistischen Denkens und Handelns, dass die Einstellung von Kindern und Jugendlichen prägen könnte. Diese Tradition ist - gerade in Deutschland - mehrfach gebrochen: sie wurde vor allem gebrochen durch den Nationalsozialismus, durch den '"Realsozialismus" und die Erfahrung des kapitalistischen "Sozialstaates". (Wozu ich einiges ausführen könnte, aber nicht will!) Sich in Anbetracht dieser Geschichte - noch getoppt und ergänzt durch das ganze Sektenwesen - hinzustellen und zu sagen, die Lohnabhängigen seien "ganz allein verantwortlich" für ihre Einstellungen, dass finde ich nicht nur "mutig" sondern auch einigermaßen wirklichkeitsfremd!


    Die Masse der lohnabhängigen Menschen war niemals "Produzent" von Einstellungen (auch nicht ihrer eigenen), nämlich von theoretischer Kritik, Weltanschauung etc. Das lässt ihre Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, in der kapitalistischen Produktionsweise, gar nicht zu! Für die Masse der lohnabhängigen Menschen ist die unmittelbare Erfahrung die wesentliche Quelle ihrer Einstellungen. Nur aus dieser unmittelbaren Erfahrung kann sich daher auch sozialrevolutionäres, sozialemanzipatorisches Engagement speisen. Wer heute jedoch an diesen Punkt kommt, seine Schlüsse aus seinen Erfahrungen zieht und sich nach theoretischer Kritik und praktischem Programm umschaut (das sind nicht viele, aber doch einige), der kommt aus dem Staunen nicht heraus ... was es da so alles gibt. Ein ganzer Grabbeltisch von Angeboten mit emanzipatorischem, kommunistischem Anspruch breitet sich da vor ihnen aus. Alles was die Geschichte der Klassenkämpfe in der bürgerlichen Gesellschaft so nacheinander an revolutionären Richtungen produziert hat präsentiert sich heute via Internet nebeneinander. ("Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor!")
    Keine dieser Richtungen hat praktisch wirklich was vorzuweisen! Sie dümpeln alle mehr oder weniger als Sekten vor sich hin! Auch diejenigen, die immer gleich meinen alles nötige gesagt zu haben, wenn sie eine Variante radikaler Kritik mit Leidenschaft herunterbeten, sind nur ein theoretisches Angebot unter vielen! Den Anspruch, allein richtig zu liegen, teilen sie mit vielen! Für jemanden, der eben "aufbrechen" will, der also nicht "im Thema steht", sich eben erst mit theoretischer Kritik beschäftigten will, sind die Unterschiede kaum zu bewerten bzw. begründet zu beurteilen. Solche Interessierten müssen sich dann entscheiden zwischen Glauben .... und Abwenden mit Grausen!


    Was immer du für Erfahrungen gemacht hast, meine sehen anders aus! Im letzten Betrieb meiner Lohnarbeitskarriere waren die Gespräche mit einer jungen Kollegin soweit gediehen, dass sie mich fragte, wo sie denn sinnvoller Weise mitmachen könne. An diesem Punkt hatte ich mein Pulver verschossen. Ja wo? - Die Antwort musste ich schuldig bleiben. Denn: solltest du allen Ernstes meinen, man könne solche KollegInnen auf irgendeinen famosen Theoriezirkel verweisen, der sich anmaßt ihnen das richtige Bewusstsein beizubiegen, dann schwimmst du auf der falschen Welle! Das wird weder funktionieren noch ist das erstrebenswert!


    Was heute alles die Einstellungen von LohnarbeiterInnen prägt, darüber ließe sich noch ein Menge sagen (Massenmedien allgemein, Filme, Werbung etc.). Nichts von alledem ist in der Hand von Lohnabhängigen und geprägt von deren Interessen. Die Lohnabhängigen daher allein verantwortlich zu machen für ihre Einstellungen, das ist schon ein starkes Stück "linksradikaler" Kritik .. und ich wundere mich nicht, dass sich LohnarbeiterInnen für solchen "Linksradikalismus" nicht begeistern!
    Meiner Meinung nach stehen wir heute an einem völlig neuen Anfang von "Arbeiterbewegung"! Dieser Neuanfang ist nicht zu vergleichen mit dem der beginnenden Industrialisierung. Er vollzieht sich unter ungleich komplizierteren Bedingungen. Dazu zählen vor allem:

    • die Niederlagen der kommunistischen Arbeiterbewegung
    • die Erfahrungen mit dem "Realsozialismus"
    • die Erfahrungen mit dem kapitalistischen "Sozialstaat"

    Zu meinen, man könne das alles ignorieren und von LohnarbeiterInnen erwarten, sie könnten unter Absehung von diesen Erfahrungen - die auf vielerlei Weise ihre durch Erfahrung geprägte Einstellungen heute bestimmen - sich einfach so für eines der "theoretischen" Angebote begeistern, das zeugt eben von modernem "Linksradikalismus" und seiner selbstgerechten Ohnmacht!


    Wenn es mit Kommunismus heute noch einmal einen Anfang geben soll, dann braucht der vor allem ein überzeugende praktische Perspektive, die sich von dem Desaster, in dem "Kommunismus" bisher endete", positiv und vorhehaltlos kritisch abhebt. Solange die wenigen KommunistInnen heute eine solche Perspektive nicht überzeugend aufzeigen und praktisch glaubhaft machen können, die Masse der LohnarbeiterInnen für ihr falsches Bewusstsein und gar die eigene Verantwortung dafür zu schelten, das beweist nur eins: dass man selbst nicht wirklich verstanden hat, welches Desaster der bisherige "Kommunismus" praktisch angerichtet hat und man sich noch immer auf dessen ausgelatschten Pfaden bewegt!


    Viele Grüße
    Robert

  • Dazu zählen vor allem:


    die Niederlagen der kommunistischen Arbeiterbewegung
    die Erfahrungen mit dem "Realsozialismus"
    die Erfahrungen mit dem kapitalistischen "Sozialstaat"
    Zu meinen, man könne das alles ignorieren und von LohnarbeiterInnen erwarten, sie könnten unter Absehung von diesen Erfahrungen - die auf vielerlei Weise ihre durch Erfahrung geprägte Einstellungen heute bestimmen - sich einfach so für eines der "theoretischen" Angebote begeistern, das zeugt eben von modernem "Linksradikalismus" und seiner selbstgerechten Ohnmacht!


    Hallo Robert,
    Ich teile deine Argumente gegen die selbstgerechte Ohnmacht der "Kopflinken" (oder heißen sie besser "Frustlinke" :huh: ?), meine aber, in die Liste der schlimmen Erfahrungen der Arbeiterbewegung muss noch die Zerschlagung der traditionellen Arbeiterbewegung durch den Hitlerfaschismus ergänzt werden. Das mag für die Jungen heute nicht mehr relevant sein. Es war aber eine einschneidende und nachhaltige Erfahrung für die Generation unserer Väter und die Anfänge der Bundesrepublik wie der DDR bis Mitte der 70er Jahre.



    Siehe dazu meine Geschichte der deutschen Konzentrationslager


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,
    ja, man sollte das wohl besonders erwähnen. Für mich zählt das zu den Niederlagen der Arbeiterbewegung; nicht nur der kommunistischen. Es war die verheerendste und zugleich Teil einer Katastrophe, die in mehreren euopäischen Ländern stattfand (Machtantritt des Faschismus in Italien, Niederlage im spanischen Bürgerkrieg).


    Viele Grüße
    Robert

  • Mattis: "Kurz gesagt: bitte keine Volksidealisierung neuen Typs!"


    Hallo Mattis,



    Es fragt sich nun, wer hier Idealist du oder Wal et al. . Wir gehen doch gerade von der Wirklichkeit aus, von dem was uns Lohnarbeiter verbindet, das sind Lohnarbeit, Armut und anderes Elend. Du aber verlangst von den Lohnarbeitern ein strammes antikapitalistisches Bewusstsein. Und weil das nicht da ist, bist du enttäuscht.


    Ich meine, nur wenn wir uns an den seit 200 Jahren unveränderten Merkmalen der Lohnarbeiter als Klasse (Lohnarbeit, Armut und anderes Elend) orientieren und im Gegensatz zu den alten (SPD) und neuen Reformisten (Linke) klarmachen, dass es der Kapitalismus nicht geschafft hat und nie schaffen wird die Massenarmut zu überwinden, können wir zusammen mit den andern Lohnarbeitern als bewusstgewordene Macht das Ziel erreichen, den Kapitalismus zu überwinden, um die solidarische Gesellschaft freier Individuen zu errichten. Dazu bedarf es allerdings unbedingt - schon
    aus organisatorischen Gründen - seitens der Linken einer bestimmten (ansehnlichen) Masse.


    Die soziale Emanzipation aber können nur die Lohnarbeiter selbst durchführen. Dabei reicht es vollkommen aus, um eine emanzipatorische Bewegung nicht in einen reformistischen Brei abgleiten zu lassen, wenn ein paar Leute, die die theoretischen Lehren von Marx verstanden haben, diese vermitteln und allgemein darüber aufklären. Und es reicht ferner vollkommen aus, wenn ein paar Leute (auch die Theoretiker) die praktischen Organisationsaufgaben übernehmen. Aber es sind die Lohnarbeiter, die die insbesondere in Krisen sich entladenden Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise unmittelbar am eigenen Leibe erfahren, die als erste an einer Aufhebung der bestehenden Verhältnisse existentiell interessiert
    sein müssen. Faktisch vereinigt sich der Produktionsprozess in den Händen der Lohnarbeiter. Deshalb können nur sie jederzeit den Produktionsprozess
    stilllegen und kontrollieren und damit die Herrschaft des Kapitals außer Kraft setzen. Die Linke kann diesen Prozess solange begleiten, bis sie selbst
    überflüssig wird. Bis dahin gilt, die Lohnarbeiter aus ihrer Illusion zu rütteln, als gleichberechtigte Bürger zu gelten und in dieser Funktion das
    Gesamtwohl als das ihre anzusehen, damit wieder klar wird, dass sie eine andere Klasse sind als die bürgerlichen Minderheit, die sie ausbeutet und unterdrückt, aber auch jetzt schon dafür zu sorgen, dass Angriffe von Staat und Kapital auf das Wohl der Lohnarbeiter zurückgeschlagen werden.


    Dies, das ist meine persönliche Meinung, geschieht allerdings nicht, solange die antikapitalistische Linke als avantgardistisches Sektenwesen dahin dümpelt, wo jeder seinen eigenen theoretischen Brei rechthaberisch verteidigt.


    Beste Grüße


    Kim

  • Hallo Robert,
    ich möchte anschließen an dem was du gesagt hast im Bezug zu der Kollegin wo du nicht weiter wusstest?
    Bei aller Kritik des Artikels stehe ich da wie deine Kollegin, es gibt Niedergang, es gibt nichts was du Ihr Sagen kannst, genau wie in deiner Antwort. Ist es da nicht verständlich wenn jemand darauf abhebt das es nötig ist seine Interessen in die eigene Hand zu nehmen um was zu ändern. Mir steht es nicht an Kollegen zu schelten, ich bin selbst Arbeiter mein Vater ist Serbe und nach dem Krieg nach Deutschland gekommen. Bei mir hat sich entwickelt "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein." Ich war bei den 68 nicht dabei die gegen das Bewusstsein waren. (Wie ich hörte)
    Ich bin zur See gefahren und habe nicht viel davon mitbekommen. 1970 war das vorbei geheiratet und so weiter. Ich hatte lediglich ein Gerechtigkeitsgefühl das mit dem herrschenden nicht übereinstimmte und eckte da bei den Kollegen mit an, die fast alle Sozialdemokratisch geprägt waren. Ich lernte durch Zufall einen Kindergärtner kennen der Links organisiert war (KBW) deren Publikationen habe ich gelesen das was ich verstand fand ich Richtig. So bin ich dahin gekommen und habe Jahre gebraucht um zu verstehen wie Wirtschaft b.z.w. Gesellschaft funktioniert. So bin ich,wie ich meine aus eigenem Antrieb und wollen zu einer anderen Sichtweise gekommen. (Mag ja falsch sein, aber so war es) Meine Kollegen zu überzeugen ihre Interessen in die eigen Hand zu nehmen war mir sehr schwer, als Warenverkäufer, sind wir Konkurrenten. So haben sie mir in der Theorie immer zugestimmt, in der Praxis war es dann Essig. Ich denke schon das der Arbeiter Eigenverantwortung für sein Sein hat. was er nicht selbst macht macht kein anderer für Ihn.
    Von daher wüsste ich gerne was, nach deiner Kritik zu tun ist, um weiter zukommen. So lese ich lediglich eine Kritik die kann gutgeheißen werden oder nicht, was soll es wenn ich nicht sagen kann was zu tun ist. Das kritisierte sagt zumindest das das eigene Denken ein Schlüssel sein kann.
    Ich weis das es eine Individuelle Geschichte ist die ich oben erzählt habe, aber das ist die von der ich ausgehe.


    Gruß Peter

  • Hallo Peter,
    wenn dir deine Kollegen in der Theorie immer zugestimmt haben, dann warst du ein ganzes Stück besser dran als ich. :S Es waren immer nur einzelne oder kleine Gruppen, die mir zugestimmt haben ... und von Dauer war diese Zustimmung auch oft nicht! (Die positiven Erfahrungen, die ich gemacht habe, will ich hier nicht weiter ausschmücken.)
    Wogegen ich mich gewandt habe, dass war die kernige Aussage, wonach "die LohnarbeiterInnen" allein für ihre Einstellungen verantwortlich sind. "Die LohnarbeiterInnen" das ist aber heute keine politisch selbständig agierende Klasse. "Die LohnarbeiterInnen" das ist heute eine großen Masse von Individuen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben. Diese "atomisierte" Masse, jedes Einzelexemplar der LohnarbeiterInnen, für seine Einstellungen "allein" verantwortlich machen, das bedeutet aus meiner Sicht, einen materialistischen Standpunkt aufzugeben. Die Menschen sind und bleiben soziale Wesen, deren Einstellungen wesentlich gesellschaftlich geprägt werden. Daran ändert auch nichts eine scheinbar allein seelig machende Theorievariante dieses oder jenes Zirkels oder Autors, die man sich gefälligst anzueignen habe.
    In Ländern wie Deutschland unterscheiden sich die Arbeits- und Lebenumstände erfahrbar deutlich von den Arbeits- und Lebenumständen wie sie etwa Engels in "Die Lage der arbeitende Klasse in England" 1843 beschrieben und gegeißelt hat. Zwischen der Industrialisierung und dem heutigen Kapitalismus liegen mehr als 1 1/2 Jahrhunderte Klassenkampf und ökonomischer/sozialer Entwicklung. In den Klassenkämpfen entstand zunächst eine zahlenmäßig starke, politisch selbständige Arbeiterbewegung. Die Bestrebungen nach sozialer Emanzipation konnten sich jedoch nicht durch- und festsetzen. Vielmehr büßte diese Arbeiterbewegung im Verlaufe schwerer Niederlagen und Fehler ihre politische Selbständigkeit ein. Eine bunte Vielfalt von eingebildeten Sekten ist kein Ersatz dafür und kann einen erneut notwendigen Prozess der "Parteibildung des Proletariats" nicht fördern! Das Gegenteil ist der Fall!
    Die "Parteibildung des Proletariats" verlangt, dass eine stets wachsende Zahl von LohnarbeiterInnen ihre gesellschaftlich geprägten Einstellungen ändert. Jede und jeder Einzelne, die oder der radikale Kritik und das Bedürfnis nach Emanzipation entwickelt macht einen Prozess des Lernens durch. So wie du, wie ich, wie wir alle ihn durchgemacht haben, die sich heute als Kommunist verstehen. Erste Ansätze von Organisation können diesem Prozess förderlich sein oder hinderlich. Die bestehenden Ansätze sind eher hinderlich! Das beweisen sie seit nunmehr rund 40 Jahren. Das hindert aber jede einzelne Sekte nicht daran, sich in maßloser Selbstüberschätzung als Lösung des Problems anzubieten, obwohl sie doch lediglich ein Teil des Problems sind. Ihre Hoffnung setzen sie jeweils darauf, dass die Zeit schon für sie arbeiten wird. Das hat sie bisher nicht und wird sie auch künftig nicht!


    Wenn du mich also fragst, was zu tun sei, dann kann ich darauf keine schlüssige Antwort geben! Ich tue theoretisch und praktisch das, was ich als Einzelperson für richtig halte. Es existiert keine Organisation, der ich mich anschließen könnte oder wollte; es existiert aus meiner Sicht kein Ansatz, der unter den heutigen Verhältnissen den notwendigen Prozess der "Parteibildung des Proletariat" nachhaltig voran bringen könnte. Nichts, was da besteht ist für mich "attraktiv" ... und für viele andere LohnarbeiterInnen noch viel weniger. Daran wird sich auch nichts ändern, solange es in der radikalen Linken nicht zu einem praktischen Minimalkonsens kommt, der sicher einerseits unmissverständlich abhebt von jener Sorte "Kommunismus", dessen Siege zu den schlimmsten Niederlagen wurden, und der es andererseits versteht, in den aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzung den Kampf um nächstliegende, beschränkte Ziele von LohnarbeiterInnen mit den neu begründeten Zielen sozialer Emanzipation zu verbinden. Mit dem Bochumer Programm haben wir paar Leutchen einen Vorschlag unterbreitet, wie ein solcher Minimalkonsens aussehen könnte. Wie auch du bemerkt haben wirst, hat das keine Begeisterungsstürme ausgelöst. Der K(r)ampf geht weiter und ich glaube nicht mehr daran, dass ich es noch erleben werde, wenn das (r) endlich gestrichen wird. Treffen heute 10 Linksradikale zusammen, dann hast du eben mindestens 11 verschiedene Positionen auch in den grundlegendsten Fragen. ;( Mich hindert das nicht daran, weiter zu machen; weil ich überzeugt bin, dass der Kapitalismus zunehmend Zustände produzieren wird, die die Notwendigkeit seiner Überwindung zu einer Alltagserfahrung macht und weil ich überzeugt bin von den Möglichkeiten sozialer Emanzipation, die im Gemeineigentum liegen. Und insofern hat der Mattis recht: jede und jeder kann sich heute entscheiden für eine "Einstellung" und muss auch die Verantwortung dafür übernehmen. Das ist allerdings keine ausreichende Grundlage, die die Behauptung rechtfertigen würde, die LohnarbeiterInnen seien "allein" für ihre Einstellung verantwortlich. Das ist schon gar keine ausreichende Grundlage dafür, um mit dem erneut fälligen "Parteibildungsprozess des Proletariats" voranzukommen. Dazu bedarf es der Verständigung unter KommunistInnen und anderen radikalen Kritikern des Kapitalismus und der Bildung eines organisierten Kerns - nicht unzähliger Sekten zur Wahrung von revolutionärer Traditionen - dessen Minimalkonsens Ausstrahlung, "Attraktivität" entfaltet. Die Verantwortung für diese Verständigung etc., die nimmt uns keiner!


    Viele Grüße
    Robert

  • Hallo zusammen,


    natürlich stimmen die Hinweise auf die "Bedingungen": eine Anpassung gebietende Sozialisation, Zerschlagung von Arbeiterbewegungen etc. Aber erstens gelten die Bedingungen nicht zwingend: man kann angesichts dieser Umstände ebensogut sagen: also erst recht schau ich mir das genau an, und wenn "Sozialismus" mies ausfiel, was sollte man daraus lernen usw. Sobald die Leute echt ihren Kopf einschalten, ist die Macht der Bedingungen am Subjekt bereits gebrochen! Oder sind alle Kapitalismuskritiker eine Art Naturwunder, die es angesichts all der miesen Bedingungen eigentlich gar nicht geben dürfte, völlig unerklärlich?


    Zweitens: wenn ich mich mit jemandem auseinandersetze, der vom fairen Kapitalismus träumt, dann helfen mir die vielen Hinweise auf die ungünstigen Bedingungen (für ein kritischeres Bewusstsein) überhaupt nicht weiter. Dann muss ich die Irrtümer ansprechen, denen dieser Mensch offenbar anhängt.


    Es ist freilich bequemer, ständig auf ungünstige Bedingungen zu verweisen und immer wieder gern "die Linken" zu hacken, als selber ein Konzept zu entwickeln, das auch ein paar konkretere Fragen beantwortet und nicht nur ein paar weit interpretierbare Ideale postuliert. Und die Gefahr eines linken Populismus sehe ich dabei auch noch: es ist ja so leicht, sich gegen Honecker und Co. pseudo-einig zu sein. Das ist aber nicht konstruktiv, sondern immer nur negativ abgrenzend: wir sind nicht so wie die "Sekten" (merke: Sekten sind immer die anderen). Damit tritt man auf der Stelle, kommt keinen Schritt weiter.


    Gruß
    Mattis

  • Es ist freilich bequemer, ständig auf ungünstige Bedingungen zu verweisen und immer wieder gern "die Linken" zu hacken, als selber ein Konzept zu entwickeln, das auch ein paar konkretere Fragen beantwortet und nicht nur ein paar weit interpretierbare Ideale postuliert. Und die Gefahr eines linken Populismus sehe ich dabei auch noch: es ist ja so leicht, sich gegen Honecker und Co. pseudo-einig zu sein. Das ist aber nicht konstruktiv, sondern immer nur negativ abgrenzend: wir sind nicht so wie die "Sekten" (merke: Sekten sind immer die anderen). Damit tritt man auf der Stelle, kommt keinen Schritt weiter.





    Hallo Mattis,
    da haust du gleich mehrmals in die falsche Kerbe:
    Wir "Bochumer" verweisen keineswegs ständig auf "ungünstige Bedingungen". Wir "Bochumer" haben sehr wohl ein Konzept entwickelt, das auch konkrete Fragen beantwortet: Einerseits das Bochumer Programm und andererseits dieses Karl-Marx-Forum. Das Bochumer Programm "denkt" bis ans Ende des Kapitalismus. Im Karl-Marx-Forum denken wir auch über die Zeit des Kapitalismus hinaus.
    Wir "Bochumer" kümmern uns um "Honecker und Co." wenig bis gar nicht. Wir "Bochumer" sind keineswegs "negativ abgrenzend", sondern sagen ganz positiv, was wir im Moment wollen und auch, was wir später wollen.
    Kurz deine Kritik geht an der Sache und an uns völlig vorbei.
    Auch deine Gegenüberstellung: "Kritik an Linken" auf der einen Seite oder "Kritik an den Lohnarbeitern" auf der anderen Seite ist an den Haaren herbeigezogen - als wären die einen so wichtig wie die anderen.
    Die (radikalen) Linken machen höchsten 0,1 Prozent der Bevölkerung aus, die Lohnarbeiter aber rund 75 Prozent der Bevölkerung (die unproduktiven Lohnarbeiter in Staatsdiensten nicht gerechnet. Mit diesen zusammen stellen die Lohnabhängigen 90 Prozent der Bevölkerung). Wer diese 75 oder 90 Prozent pauschal verurteilt und kritisiert, der hat sich schon aus jeder praktischen Bewegung verabschiedet. Das ist meine Meinung, und diese Meinung nennst du "Linkenbashing". Okay - nächstes Thema bitte!


    Dass unter Lohnarbeitern falsche Meinungen vorkommen - gähn - für wen ist das eine Neuigkeit? Interessant und politisch relevant sind die richtigen Meinungen, die Lohnarbeiter haben. Du tust so, als gäbe es unter Lohnarbeitern keine richtigen Auffassungen. Das ist absurd und lächerlich. Ich bin nun seit über 40 Jahren Kommunist, verteidige also seit 40 Jahren eine Minderheitsmeinung. Und seit 40 Jahren habe ich mit fast allen Leuten, mit denen ich zu tun hatte, gemeinsame Auffassungen gefunden - und wenn es nur so Detailfragen sind wie die Trennung von Kirche und Staat.
    Wäre das nicht so gewesen, ich hätte mich von einem Berg gestürzt oder mich von meinen Vorstellungen verabschiedet.
    Nehmen wir mal ein aktuelles Beispiel:
    Der SPIEGEL macht gerade aus einer aktuellen Umfrage großes Gedöhns: "Jeder zweite in Deutschland bangt um sein Erspartes". Ich meine: Völlig zu recht! Bei den Gründen, warum das "Ersparte" gefährdet ist, sehe ich vielleicht Diskussionsbedarf. Aber erst mal finde ich gemeinsamen Boden mit der Hälfte der Leute. Wenn ich dich recht verstanden habe, dann jammerst du über die andere Hälfte, die sich im Kapitalismus sicher fühlt und die ihr Geld sicher fühlt.
    Mit so einer Einstellung bewirkst du gar nichts.
    Die Umfrage sagt weiter:
    "59 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Merkel in der Krise richtig und entschlossen gehandelt habe. 39 Prozent glauben, dass die Union die Kompetenz hat, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Nur für 16 Prozent der Befragten ist die SPD die kompetentere Partei in der Euro-Schuldenkrise. Nach Ansicht von 38 Prozent kann keine der beiden Parteien die Krise managen." 


    Wenn ich dich recht verstanden habe, dann regst du dich über den Fakt auf, dass 59 Prozent die Merkel gut finden und dass 58 Prozent meinen, die Politiker kriegen die Krise in den Griff. Bullshit! Lass diese 60 Prozent denken, was sie wollen. Fakt ist auch, dass 38 Prozent davon ausgehen, dass diese Krise nicht zu managen ist. Das Meinungsglas ist also zu zwei Drittel leer und zu einem Drittel voll.
    Um wen sollen sich die Kommunisten kümmern? Um die zwei Drittel mit falscher Meinung oder um die ein Drittel mit richtiger Meinung?


    Ich denke, die radikale Linke stünde viel besser da, wenn sie es verstünde, mit den Lohnarbeitern sich zusammenzutun, die ähnliche oder gleiche Meinungen haben wie wir. Wer aber immer nur auf negativer Kritik aus ist, der erreicht keinen Zusammenschluss. Der erreicht gar nichts.
    Ich bin an einem Zusammenschluss aller Lohnarbeiter interessiert. Da fange ich mit denen an, mit denen das möglich ist. Das können 5 Prozent sein, 10 Prozent oder wie in der Eurofrage 38 Prozent.


    Dieser politische Grundsatz ist durch 150 Jahre kommunistische Bewegung bestätigt und bekräftigt: Die Kommunisten haben nur dann und nur dort was bewegt, wo ihnen die Gemeinsamkeiten mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten wichtiger waren als die Unterschiede.

    Im Moment ist es wohl so, dass die Unterschiede in die Augen springen, während wir die Gemeinsamkeiten suchen müssen. Ja und? In allen nichtrevolutionären Zeiten überwiegen zwischen Lohnarbeitern und Kommunisten die Unterschiede über die Gemeinsamkeiten. Wer dann die Mühe scheut, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, der fährt den falschen Kurs. Der bringt keinen Zusammenschluss zustande, der bringt keine Bewegung vorwärts.
    Und a
    n einem Zusammenschluss mit dir, Mattis, bin ich deshalb solange nicht interessiert, als du dieses Ziel, die Lohnarbeiter zusammenzuschließen, nicht teilst. Das aber ist genau die Kritik, die ich an dir habe und an den Linken, die du vertrittst: Entweder habt ihr nicht das Ziel, alle Lohnarbeiter zusammenzuschließen, oder falls doch, geht ihr einen Weg, auf dem das Ziel nie zu erreichen sein wird. :cursing: 


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,
    Mattis, der aus der Kritik am Kapital, am System der Lohnarbeit gern eine Kritik der LohnarbeiterInnen macht, erklärt uns hier ein ums andere Mal, dass die LohnarbeiterInnen in Summe angeblich alle kapitalistischen Zustände rechtfertigen, widerspruchsfrei Kapital und Markt verteidigen, nicht mucken etc.


    Gestern haben nach langen und kontroversen Diskussionen bei Opel in Bochum 76% (!!!!!!!) der Gewerkschaftsmitglieder in einer Abstimmung den Sanierungsplan von Geschäftsführung und IGM abgelehnt!!! Wohl wissend, welche Risiken das für sie bringt. Ich werde das an dieser Stelle noch nicht weiter kommentieren, weil ich, wie viele andere hier in Bochum auch, das erstmal verarbeiten muss.


    Sollen sich die Spezialisten in Sachen Kritik der LohnarbeiterInnen selbst einen Reim darauf machen und das in ihr widerspruchsfreies heiles Weltbild, wonach kein Blatt mehr passt zwischen Eigentümer von Kapital und LohnarbeiterInnen, einbauen.


    Viele Grüße
    Robert

  • @Wal


    „Wenn ich dich recht verstanden habe, dann regst du dich über den Fakt auf, dass 59 Prozent die Merkel gut finden und dass 58 Prozent meinen, die Politiker kriegen die Krise in den Griff. Bullshit! Lass diese 60 Prozent denken, was sie wollen. Fakt ist auch, dass 38 Prozent davon ausgehen, dass diese Krise nicht zu managen ist. Das Meinungsglas ist also zu zwei Drittel leer und zu einem Drittel voll.“


    Irgendwie scheinst du zu meinen, dass eine klare Sicht auf den Bewusstseinsstand der Lohnarbeiter gleichbedeutend sei mit dem Urteil, um die sollte man sich nicht „kümmern“. Na aber erst recht, was denn sonst! Und selbstverständlich auch um diejenigen, die Merkel gut finden, aber hallo!


    Wichtige Ansatzpunkte sind doch gerade solche Meinungen wie die, dass die Krise nicht zu managen sei. Aber nicht so, dass man das für eine begrüßenswerte Meinung hält, sondern dass
    man den Leuten Gelegenheit gibt, in ihrem Bewusstsein weiterzukommen. Dieses Weiterbringen sehe ich bei dir nicht, wenn du so voll des Lobes bist für ganz stinknormale Varianten bürgerlicher
    Alltags-Ideologien.


    Also wenn ein Kollege zu mir sagt, „dass diese Krise nicht zu managen ist“, stimme ich ihm nicht opportunistisch zu, sondern rede mit ihm über das Thema Krise und was die Absichten der Politik sind, um ihn weiterzubringen. Was willst du, Wal, willst du, dass Politiker erfolgreich „die Krise managen“? Wie sieht das denn aus, wenn ein kapitalistischer Staat „die Krise managt“?


    „Versagen der Politik“ ist ein so ewiger wie falscher Vorwurf. Willst du die Missverständnisse und Täuschungen aufdecken, die in solchen Vorwürfen zum Ausdruck kommen, oder nicht?


    Aufklärungsarbeit geht nun mal nur als Kritik, als Versuch, den Angesprochenen von seinen bisherigen Irrtümern abzubringen, statt ihm in scheinbarer Übereinstimmung den Rücken zu tätscheln. Du scheinst aber Kritik für etwas wie eine Beleidigung oder Herabwürdigung des Anderen zu halten. Tatsächlich ist sie das genaue Gegenteil: es bedeutet, den Gegenüber als denkendes Individuum ernst zu nehmen.


    „Ich bin an einem Zusammenschluss aller Lohnarbeiter interessiert. Da fange ich mit denen an, mit denen das möglich ist.“


    Die Lohnarbeiter sind ja schon zusammengeschlossen, auf vielfache Weise. Nur halt leider für illusionäre Zielsetzungen. Willst du diese Illusionen aufklären oder dich dranhängen?


    „Und an einem Zusammenschluss mit dir, Mattis, bin ich deshalb solange nicht interessiert, als du dieses Ziel, die Lohnarbeiter zusammenzuschließen, nicht teilst.“


    Ich maße mir nicht an, die Lohnarbeiter zusammenzuschließen. Das werden sie selbst tun - in genau dem Maße, wie sie ihre falschen Vorstellungen überwinden, statt sich nur noch über bessere oder schlechtere Sanierungspläne Gedanken zu machen.


    Gruß
    Mattis

  • Hallo Mattis,




    Deine Kritik geht am Wesentlichen vorbei. Auch wir „Bochumer“ wissen, dass die Lohnarbeiter gegenwärtig einen affirmativen Standpunkt zu den ihrem Materialismus schädlichen kapitalistischen Bedingungen einnehmen, unter denen sie existieren müssen. Nur ist unsere Herangehensweise,
    unser Konzept ein anderes, vor allem kein avantgardistisches, das ja davon ausgeht mehr als die Masse zu wissen, Vorreiter zu sein. Kommunistische oder sozialistische Avantgardisten bilden sich auf Grund einiger subjektiver Erkenntnisse ja ein, das System, seine Funktionsweise etc. durchschaut zu haben und verstehen sich von selbst, ausgesprochen oder nicht, als Elite revolutionärer Politik. Und das lehnen wir ab, weil die avantgardistische Sichtweise, wenn sie von den Lebensbedingungen der Lohnarbeiter abstrahiert (z. B. durch eine ausgefeilte Revolutionstheorie), zu einer Ideologie mit fatalen Folgen führt, was die Geschichte anhand der Resultate von Revolutionen , die von einer Avantgarde vorbereitet, organisiert und geleitet wurden, bewiesen hat.



    Es kann also nicht um subjektive Erkenntnis, die immer spekulativ ist und zur Ideologiebildung führt, gehen, sondern um das wirkliche Leben, insbesondere die Lebensbedingungen der Lohnarbeiter, denen wir ja auch angehören. Hier fängt, wie Marx sagt, wirkliche Wissenschaft an. Und wenn wir die ganze bürgerliche Ideologie beiseite schieben und unseren Blick auf die Wirklichkeit richten, dann stellen wir u. a. fest, dass es da ein paar Leute gibt, die reich sind, die sich ein schönes Leben machen und denen fast alles, insbesondere die Produktionsmittel, gehört und eine Menge
    Habenichtse, die sich ihr Leben lang täglich abmühen müssen, ihre Gesundheit dabei opfern und am Ende gerade so über die Runden kommen. Dieser eklatante Widerspruch schreit geradezu nach einer Aufhebung und es stellt sich die Frage, warum machen sich die Habenichtse, die Lohnarbeiter, die die Deppen für ein paar Reiche spielen müssen, nicht daran, ihn aufzuheben? Und die Antwort ist: es liegt an der Gewissheit der Ohnmacht, die die Lohnarbeiter als zu Bürgern gewordenen Einzelindividuen empfinden.



    Wenn wir weiter unseren Blick auf die Wirklichkeit richten, stellen wir u. a. ferner fest, dass die kapitalistische Produktion durch die Zusammenfassung
    von Arbeitern zu Gruppen stattfindet und diese Gruppen kollektiv überall die gleiche abstrakte Arbeit verrichten. Unter diesem Charakteristikum, der spezifisch kollektiven Form als Produzenten von Tauschwerten, sind die Lohnarbeiter weder Einzelindividuen, noch Bürger. Unter dieser Form aber haben sie das zum Bewusstsein gewordenen materialistische Interesse, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Und unter dieser Form erlangen sie durch ihre Kämpfe für eine Verbesserung ihrer Lebenslage das Bewusstsein, nicht ohnmächtig zu sein.



    An diesem Bewusstsein als Sein aus den Erfahrungen in der Wirklichkeit gilt es anzuknüpfen. So wie jetzt bei Opel in Bochum. Dort machen die Arbeiter gerade die Erfahrung, dass sie sowohl von den Kapitalisten als auch von den Gewerkschaften verarscht werden. Dann gilt es, richtige Erklärungen zu
    liefern und Vorschläge zu unterbreiten, die den Opelbeschäftigten und den Lohnarbeitern allgemein einen Nutzen bringen. Diese können sich daran
    orientieren und das eine oder andere herausgreifen, wenn sie davon überzeugt sind, dass es ihrem Interesse dient. Nur auf diesem Weg können die
    Lohnarbeiter, auch das weiterführende Verständnis erlangen, dass die Bedingungen, die dieses System bietet, ein schlechtes Vehikel für eine gute,
    angenehme Lebensweise sind und sich dabei ihrer Macht bewusst werden, Änderungen bis hin zur Revolution herbeizuführen.



    Es geht nicht darum, den individuellen Lohnarbeiter in Marxismus zu schulen und darüber zu einem Kommunisten zu erziehen, sondern zu begreifen, dass der Marxismus mit der Entstehung der kollektiven Arbeit quasi per natura zur wissenschaftliche Lehre der Lohnarbeiter geworden ist, auf die
    sie jederzeit zurückgreifen können, um sich gesellschaftliche Phänomene, vor allem die, die ihnen schaden, zu erklären, Strategien für ihre Kämpfe zu
    entwickeln etc.. Kommunisten, die sich in der marxistischen Theorie besser auskennen als die Masse der Lohnarbeiter, können sich deshalb niemals von den Lohnarbeitern aufgrund ihrer vertieften Kenntnis abheben oder ihnen voraus sein. Der einzige Unterschied der Kommunisten zu den meisten Lohnarbeitern liegt darin, den Status als Bürger schon aufgekündigt zu haben. Und eine ihrer Aufgaben bestehtdarin, darauf hinzuwirken, dass dies die
    Lohnarbeiter das auch tun, dass sie Materialisten werden und ihre Stärke als Klasse erkennen.



    Das geht aber nicht so, wenn Kritik so aussieht, dass die Kritiker erst einmal bei sich ein richtiges und bei den Lohnarbeitern ein falsches Bewusstsein voraussetzen, und unter dieser Prämisse Kritik mit einem abstrakten Wissen geleistet wird, das den Angesprochenen in seiner abstrakten Darreichung gar nicht zugänglich sein kann.Das zielt nur ins Leere.



    Beste Grüße


    Kim

  • Hallo Kim,


    „Nur ist unsere
    Herangehensweise, unser Konzept ein anderes, vor allem kein avantgardistisches,
    das ja davon ausgeht mehr als die Masse zu wissen, Vorreiter zu sein.“


    Wenn du das ernst meinst, würde ich erwarten, dass du Wal
    kritisierst, wenn er aufzählt, welche Forderungen die Bochumer Opelaner
    aufstellen sollten. Nach dem Motto ‚wir wollen nicht so tun, als hätten wir
    gute Ratschläge zu erteilen, aber wir erteilen euch jetzt gute Ratschläge’ …


    Stell dir mal vor, ich
    würde aufzählen, was die Bochumer Opelaner meiner Meinung nach tun sollten. Ein
    Aufschrei wäre die Folge. Dann würde es wieder heißen, man solle die Arbeiter
    bei dem unterstützen, was sie tun,
    statt zu glauben, es besser zu wissen usw.


    „Der einzige
    Unterschied der Kommunisten zu den meisten Lohnarbeitern liegt darin, den
    Status als Bürger schon aufgekündigt zu haben. Und eine ihrer Aufgaben besteht darin,
    darauf hinzuwirken, dass dies die Lohnarbeiter auch tun, dass sie Materialisten
    werden und ihre Stärke als Klasse erkennen. Das geht aber nicht, wenn Kritik so
    aussieht, dass die Kritiker erst einmal bei sich ein richtiges und bei den
    Lohnarbeitern ein falsches Bewusstsein voraussetzen, …“


    Wie jetzt: die sollen ihren „Status als Bürger“ aufkündigen,
    ohne falsches Bewusstsein zu überwinden? Das ist ja fast schon ein
    Manipulationsideal. Die sollen ihr Verhalten ändern, aber zu wissen warum, also
    richtiges Bewusstsein zu erwerben, das brauchen sie nicht …


    Also da ist irgendwas gründlich schief mit dem Selbstbild
    der Bochumer. Die schlimmsten Avantgardisten sind anscheinend diejenigen, die
    so tun als wollten sie keine sein, aber trotzdem glauben, einen besseren Weg zu
    wissen als die übrigen Linken. Seid doch ehrlich und sagt, ihr habt einen
    weiter gehenden Blick über den Tellerrand als die Lohnarbeiter derzeit. Euch
    sind doch Dinge klargeworden, die dem Rest der Welt eben nicht klar sind . Stimmt das oder stimmt es nicht? Wenn
    nicht, haltet euch doch einfach raus, denn dann kann ja ohnehin keiner was von
    euch lernen. Nur dieses verdruckste Understatement, das empfinde ich als
    unaufrichtig.


    Es kann also nicht um
    subjektive Erkenntnis, die immer spekulativ ist und zur Ideologiebildung führt,
    gehen, sondern um das wirkliche Leben, insbesondere die Lebensbedingungen der
    Lohnarbeiter, denen wir ja auch angehören.“


    Welche Erkenntnisse relativierst du hier als „subjektiv“?
    Alles, was das derzeitige Arbeiterbewusstsein um einen Millimeter übersteigt,
    oder wie soll ich diese merkwürdige Aussage anders verstehen?


    „…insbesondere die Lebensbedingungen der Lohnarbeiter …“ – Diese
    Lebensbedingungen sind ja niemals als solche in unseren Köpfen, sondern immer
    als Gedanken über sie, also als Beurteilung
    der gemachten Erfahrungen, Schlussfolgerungen etc. Also das, was du merkwürdigerweise
    als „subjektive Erkenntnis“ und eine Art von Spekulation abgewertet hast. Wieso
    bin ich, wenn ich mir mein Lohnarbeiterdasein erkläre und mir weiteres Wissen und eine Strategie aneigne,
    plötzlich nur subjektiv und spekulativ? Das möchte ich von dir gerne erklärt
    bekommen. Also bleibt man am besten im affirmativen Bewusstsein, dann ist man
    mit der Realität schön im Einklang und die Gefahr des Spekulativen bleibt
    gebannt? Überleg dir das lieber noch mal.


    Gruß
    Mattis


    PS an Admin: kann man dem Editor beibringen, Word-Texte ohne unpassende Zeilenumbrüche zu übernehmen?

  • Hallo Mattis,


    nein, der Editor läßt sich da nicht überreden.


    Es geht mW über einen kleinen Umweg: Nimm die Word-Texte erst in einen einfachen (anderen) Texteditor (Notepad, Wordpad, Textpad etc.) und gehe von da aus in 'unseren' Editor.
    Lt. einer Rückmeldung von Robert Schlosser haut es dann die Formatierung nicht total verquer.


    Liebe Grüße - Wat.

  • Hallo Mattis,


    "Wenn du das ernst meinst, würde ich erwarten, dass du Wal kritisierst, wenn er aufzählt, welche Forderungen die Bochumer Opelaner aufstellen sollten. Nach dem Motto ‚wir wollen nicht so tun, als hätten wir gute Ratschläge zu erteilen, aber wir erteilen euch jetzt gute Ratschläge’ …


    Stell dir mal vor, ich würde aufzählen, was die Bochumer Opelaner meiner Meinung nach tun sollten. Ein Aufschrei wäre die Folge. Dann würde es wieder heißen, man solle die Arbeiter bei dem unterstützen, was sie tun, statt zu glauben, es besser zu wissen usw."


    Entschuldige, aber das ist Unsinn. Mehr Wissen bedeutet doch lange nicht Avantgardismus. Wenn ein Mensch mehr weiß als andere und dieses Wissen, mit der Absicht zurVerfügung stellt, dass es für die Empfänger nützlich sein kann, dann ist er noch lange kein Avantgardist. Wenn jemand wie Wal oder wer auch immer den Opelarbeitern Vorschläge unterbreitet, mit denen diese vielleicht was anfangen können, ist er kein Avantgardist. Wenn mehr Wissen und dessen allgemeine Verbreitung als Bestimmung des Avantgardismus gilt, dann wäre jeder Mathematiklehrer, jeder Physiker, jeder Marxist, ja
    jeder, der einen Wissensvorsprung hat, ein Avantgardist. Wenn aber eine politische Gruppe, wie z. B. die Trotzkisten, meint, allein die richtige
    Theorie und Praxis zu vertreten, und ferner meint, als Elite „in dieArbeiterklasse hineintragen zu müssen“, dann ist das Avantgardismus. Deshalb würde auch kein Aufschrei erfolgen, wenn du das Wissen, das du dir erarbeitet hast, beim Kampf der Opelarbeiter in welcher Weise auch immer verbreiten würde – im Gegenteil.



    Wie jetzt: die sollen ihren „Status als Bürger“ aufkündigen, ohne falsches Bewusstsein zu überwinden? Das ist ja fast schon ein Manipulationsideal. Die sollen ihr Verhalten ändern, aber zu wissen warum, also richtiges Bewusstsein zu erwerben, das brauchen sie nicht …"


    Ich hatte ja zu Beginn gesagt, dass auch wir wissen, dass die meisten Lohnarbeiter generell einen affirmativen antimaterialistischen Standpunkt einnehmen. Was ist daran avantgardistisch, durch Aufklärung darauf hinzuweisen, dass es schlecht ist einen solchen Standpunkt, insbesondere einen Standpunkt als Bürger einzunehmen, weil man selbst zu dem Wissen gelangt ist, das es falsch ist, diesen Standpunkt einzunehmen? Ich würde sagen, das ist lediglich Verbreitung von Wissen und kein Avantgardismus – siehe oben.



    "Also da ist irgendwas gründlich schief mit dem Selbstbild der Bochumer. Die schlimmsten Avantgardisten sind anscheinend diejenigen, dieso tun als wollten sie keine sein, aber trotzdem glauben, einen besseren Weg zu wissen als die übrigen Linken. Seid doch ehrlich und sagt, ihr habt einen weiter gehenden Blick über den Tellerrand als die Lohnarbeiter derzeit. Euchsind doch Dinge klargeworden, die dem Rest der Welt eben nicht klar sind . Stimmt das oder stimmt es nicht?"


    Na und? Deshalb mäkele ich doch nicht am Bewusstsein in der Weise an den andern herum, indem ich ihnen mein Bewusstsein als das (angeblich) richtigere gegenüberstelle, und ihnen vorschlage, was sie tun sollen – also, liebe Opelarbeiter, ihr seid eigentlich blöd, wenn ihr für eure eigenen
    Vorteile kämpft, seid euch lieber bewusst darüber, dass ihr euch dadurch nur selbst schädigt, ihr solltet lieber ….. Gerade in diesem Fall, wenn sie einmal für ihre Vorteile kämpfen, also tatsächlich einmal materialistisch sind, muss ich sie in ihrem, in meinem und im Interesse aller Lohnarbeiter unterstützen. Und woher willst jemand überhaupt wissen, dass sein Bewusstsein richtig ist? Da kannst er noch so viel Marx gelesen haben, deswegen muss sein Bewusstsein nicht richtig sein. Richtiges gesellschaftliches Bewusstsein entsteht durch den Bezug auf die menschliche Wirklichkeit. Durch die so überprüfte Kenntnis wird die eigen subjektive Gewissheit zu Wissen und prägt darüber das auch Bewusstsein.



    "„Es kann also nicht um subjektive Erkenntnis, die immer spekulativ ist und zur Ideologiebildung führt, gehen, sondern um das wirkliche Leben, insbesondere die Lebensbedingungen der Lohnarbeiter, denen wir ja auch angehören.“


    Welche Erkenntnisse relativierst du hier als „subjektiv“? Alles, was das derzeitige Arbeiterbewusstsein um einen Millimeter übersteigt, oder wie soll ich diese merkwürdige Aussage anders verstehen?"


    Ok., mein Formulierung war so verkehrt. Es ging mir darum, darauf hinzuweisen, dass sich die subjektive Erkenntnis auf die konkreten Lebensbedingungen der Lohnarbeiter beziehen muss. Wenn Menschen oder Gruppen davon abstrahieren, wenn sie ihre Theorie auf Dogmen stützen, oder von Axiomen oder ewigen Wahrheiten ableiten, führt das zur Ideologiebildung. Von da an geht es nicht mehr um das Interesse der Menschen, die unter diesen konkreten Lebensbedingungen leben, sondern um die Ideologie, die vorgibt, das Interesse, dieser Menschen zu vertreten. Wenn also
    ein Mensch oder eine politische Gruppe, sagen wir, eine sozialistische Staatstheorie zum Wohle der Lohnarbeiter konstruiert, dann werden die
    Lebensbedingungen der Menschen nur noch unter das Gelingen dieser Staatsheorie subsumiert.



    Beste Grüße


    Kim

  • Hallo Kim B.
    mir geht es so ziemlich an weis was vorbei wer den nun Avantgardistsisch ist oder nicht. Etwas mehr interessiert es mich fast was den das ominöse "Mäkeln" für eine Bedeutung hat.
    Ich will darum auch nicht herumstreiten, denn wenn mensch es weis, wer was ist, ist mensch noch keinen Schritt weiter. Es wartet ja sowieso die Verachtung, also was solls.


    Was mich stört ist, das die Unterzeichner des Bochumer Programms als "wir" benutzt werden. Ich will da nicht dabei sein. Für mich ist es ein Zusammenschluss um genau die aufgestellten Forderungen des Bochumer Programms.
    Da ist eine Vereinnahmung nicht angebracht, ich will im Zusammenhang mit dem Bochumer Programm meinen eigenen Standpunkt darstellen können. Ich bitte Dich nächstes mal kenntlich zu machen das ich nicht damit gemeint bin wenn du im Zusammenhang mit dem Bochumer Programm "wir" benutzt. Ich hatte das im Forum schon einmal angemerkt.


    Gruß Peter

  • Hallo Peter,


    es geht nicht darum wer avantgardistisch ist, es geht darum, was avantgardistisch ist und warum.


    Genau das ist nämlich Inhalt des Bochumer Programms, jeglichen Avantgardismus für die Zukunft ad acta zu legen. Darum habe ich daran mitgeschrieben, um 'jedes Komma' im oberen Teil 'gekämpft'.


    Magst Du meinen und denken, was Du gern möchtest, aber es bringt mE sehr viel weiter zu wissen, worauf dieser Avantgarde-Gedanke beruht und zu was er (in jedem Fall) führt.


    Wenn Du Dich (sorry) angefaßt fühlst, weil Kim B. uns als Autoren und Mitunterzeichner unter "Wir, die Bochumer" subsummiert, dann kann ich mir nicht helfen, ich hatte auch gemeint, daß wir wenigstens mit diesem Programm ein "Wir" sind - wie kämen wir sonst zu unseren Unterschriften.


    Aber gut, sollte ich je in die 'Verlegenheit' kommen, da auch von einem "Wir" sprechen zu wollen, werde ich Deinem Wunsch gerecht werden und selbstverständlich "außer Peter" dazu schreiben.


    Liebe Grüße - Wat.

  • Hallo Mattis,
    Es ist dir unbenommen, den Avantgarde-Gedanken gut zu finden. Was ich aber nicht gut finde, ist der Fakt, dass du dabei alle Unterschiede und Spuren verwischst. Kenntnisse zu haben, nennst du Avantgarde. Vorschläge machen, nennst du Avantgarde. Das ist ein sehr eigener Sprachgebrauch, der meinen Erfahrungen als ehemaliges Mitglied einer Avantgardepartei nicht entspricht. Die Leitung einer Avantgardepartei macht keine Vorschläge, weder den eigenen Mitgliedern noch der Lohnarbeiterklasse. Die Führer einer Avantgardepartei treffen Entscheidungen, die sie allen aufs Auge drücken. Das ist Avantgardismus.
    Wenn. Ich/wir den Opelanern Vorschläge machen, von denen wir meinen, dass sie ihnen nützlich sind, dann ist das Demokratismus. Die Entscheidung bleibt da ganz bei den Betroffenen. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Avantgardismus,
    meint Wal


    P.S. Lieber Peter,
    Wenn Unterzeichner des Bochumer Programms von "Wir Bochumer" sprechen, ist das eine vermutete Gemeinschaft im Geiste. Du kannst in jedem einzelnen Fall dich zu Wort melden und mitteilen, dass du dich nicht dazugehörig fühlst. Du kannst auch vorschlagen, deine Unterschrift unter dem Programm zu löschen. Was du aber nicht kannst, uns zu verbieten, von den "Bochumern" in der Mehrzahl zu sprechen und "Wir Bochumer" zu sagen.

  • Hallo Wal,
    ein wenig unverständnis herrscht bei mir schon. Das kann selbstverständlich daran liegen das ich lediglich einfache Schulbildung habe.
    Ich kann in dem was ich geschrieben habe nicht sehen das ich irgendjemand irgendwas "verboten" habe. Ich habe mich lediglich abgegrenzt und möchte nicht benutzt werden. Leider stelle ich für mich fest, das hier "wir," abgehoben auf das Bochumer Programm, benutzt wird um persönlich Ansichten zu transportieren und dabei den Eindruck zu vermitteln es sei die Meinung von mehr als dem/der Schreiberin. Um es ganz deutlich zu sagen, ich bin mit den Unterzeichnern des Bochumer Programms im Bezug zum Bochumer Programm einig. Ansonsten kann ich mich kaum mit den Aussagen und Eigenwilligen Darstellungen die hier im Forum von den Unterzeichnern getätigt werden indentifizieren. Das Forum hier ist auch nicht das Sprachrohr derer die das Bochumer Programm unterzeichnet haben. Sie mögen es so nutzen aber es ist nie von den Unterzeichnern so festgelegt worden und war auch nie "Tagesordnungspunkt".
    Ich mache mir Gedanken weshalb du immer wieder vorschlägst das ich meine Unterschrift enfernen lassen soll, zu dem zu dem ich stehe. Wenn du der Meinung bist das du und ich getrennt sein sollten, was ich gut verstehe, dann kannst du Dich doch streichen. Da wäre es doch schon ein wenig gehaltvoller wenn es Argumente gebe die mich die Forderungen des Bochumer Programms verächtlich machen ließen und es veräterisch zu nutzen. Nur weil es deiem Gusto genehm wäre ist ein schwaches Argument.


    Gruß Peter

  • Hallo Peter,


    Höre bitte endlich auf, mit Deiner angeblich niederen Schulbildung zu kokettieren. Es verleitet mich sonst, mal Tacheles über Deine sonstigen Abschlüsse zu reden, was aber Eingriff in Deine Privatsphäre wäre...^^


    Noch einmal: Du bist mit den Unterzeichnern des Bochumer Programms in Bezug auf das Bochumer Programm einig?
    War ich mit Dir mal, als sowohl Du als auch ich unterschrieben haben, aber in letzter Zeit bist Du in einigen grundsätzlichen Dingen anderer Auffassung. Das fängt bei den "Königen" an und geht bei "Avantgarde" weiter. Anfangs dachte ich, es ginge Dir rein um Formulierungen, die den Inhalt besser treffen könnten, aber dann hättest Du mal einen konkreten Vorschlag gemacht.


    Nein, Du scheinst Dir Wal 'ausgesucht' zu haben, der Dich angeblich immer mißversteht und falsch 'behandelt', Du protestierst (für mich) ohne inhaltliche Logik. Und so wie Du Deinen Standpunkt hier vertrittst, intervenierst, frag ich mich langsam auch, wo da unsere Einigkeit in Bezug auf das Bochumer Programm ist, da gehts nämlich weder um Wal, noch um Peter, noch um Wat. - es geht allein darum, der Emanzipation der Lohnabhängigen 'zu dienen'.


    Das Bochumer Programm ist ein Minimalprogramm, mit dem sich die Unterzeichner, abgesehen von sonstigen unterschiedlichen persönlichen Ansichten, auf die Punkte geeinigt haben, die darin stehen - in den Punkten, die da jetzt drin stehen, stimmen sie in ihrer persönlicher Ansicht überein.
    Das wurde mit der Unterschrift bestätigt.


    Meinungen und persönliche Auffassungen von Menschen können sich ändern, auch der eigene Standpunkt zu diesem Programm - das überprüft bitte jeder bei sich selbst.
    Wenn es so sein sollte, gibt es zwei Möglichkeiten - die eigene, neue, andere Auffassung findet über die Diskussion mit den anderen Unterzeichnern Eingang in das Programm oder wenn das nicht gelingt, zieht 'man' seine Unterschrift zurück.


    Vielleicht ist ja meine Schulbildung zu gering, für mich ist das, was Du hier machst, einfach nur ständige Rummoserei und 'Kleinkrieg' gegen Wal.


    Fazit: Du stimmst mit mir (und den anderen) in den aufgeschriebenen Punkten des Bochumer Programms als Unterzeichner überein, dann stimmen "Wir" darin überein, oder wir stimmen nicht darin überein, dann gibt es in den Punkten des Bochumer Programms unter uns auch kein "Wir".
    So 'geht' da meine Logik.


    Liebe Grüße - Wat.

  • Hallo zusammen,


    natürlich hab ich das mit der „Avantgarde“ überpointiert, um deutlich zu machen, was ich als nicht stimmig empfinde.
    Ich selbst rede sonst niemals von Avantgarde, habe auch kein Avantgarde-Bewusstsein. Das spannende an dem Thema ist aber, dass diejenigen, die so vehement gegen Avantgarde argumentieren, damit zugleich Dinge angreifen, die sie selbst tun und für richtig halten.


    Kim hat als Avantgarde-Beispiel die Trotzkisten genannt. Und was kommt als Kritik? Im wesentlichen nur erstens, dass sie ihr Zeug für richtiger halten als anderes Zeug (tut doch jeder, behaupte ich), und zweitens, dass sie das in die Arbeiterschaft tragen wollen, damit das richtige Zeug auch zum Zuge kommt, um denen zu nützen.


    Und was haben Unterzeichner des Bochumer Programms im Kopf? Nicht im Grunde dieselbe Logik? Nämlich z.B. dass ihre Ablehnung von Avantgarde und Betonung von Autonomie besser ist als anderes Zeug und dass dies nur Realität wird, wenn es in der Arbeiterschaft verankert wird.


    Beide Seiten reden von „Sollen“ in dem Sinne, dass sie glauben, die Arbeiter kämen weiter, wenn sie diese Vorschläge übernehmen würden. Auch Wal hat die Vokabel „sollen“ verwendet, zur Erinnerung. Jeder der drei von ihm genannten Punkte beginnt mit „Die Opelaner in Bochum sollten …“ Wenn die bösen Trotzkisten so geschrieben hätten, wären sie auf der Stelle des Avantgardismus überführt worden.


    Vielleicht ist jetzt klar, was der Punkt ist.


    Im Grund aber, das mutmaße ich jedenfalls, geht es um was anderes. Es geht um die Frage der Organisiertheit, der Parteibildung etc. Dann muss man aber auch darüber reden und nicht darüber, dass jemand glaubt ein besseres Wissen zu haben.


    Was die Problematik von Organisiertheit, Parteien etc. betrifft, kann man sich zwar sehr moralisierend gegen ML-Dogmen und –strukturen absetzen, aber allein schon die Debatte um das „wir“ oder nicht-„wir“ in Bezug auf das Bochumer Programm zeigt doch, dass es eben nicht so schwarz-weiß zu beurteilen ist, wenn sich so etwas wie eine Gruppe konstituiert, die dann auch eine gewisse Kontinuität und Verbindlichkeit erreichen will.


    Da ist es doch ehrlicher, klare Strukturen zu schaffen, als eine scheinbare Offenheit und Unverbindlichkeit zu behaupten, die dann im erstbesten Moment zusammenklappt und dem Peter dann z.B. zu dessen Erstaunen gesagt wird, dann soll er halt seine Unterschrift streichen. Tja, wessen Unterschrift soll jetzt raus?


    Das alles sind nämlich auch „Strukturen“, liebe Leute, und das Schlimme ist: sie sind intransparent und können von den Wortführern je nach Situation gegen Abweichler geltend gemacht werden.


    Also kümmert euch lieber darum, Klarheit über die eigenen Strukturen zu schaffen, als euch immer auf die ML-Pappkameraden zu stürzen, was natürlich billig zu haben ist.


    Gruß
    Mattis

  • Hallo Peter,


    ich finde dein „mäkeln“, weil inhaltslos, wenig hilfreich. Von so einer „Kritik“ kann ichnichts lernen. Was soll ich damit anfangen, dass ich nun weiß, dass dir das Thema irgendwo vorbei geht? Ich halte im Gegensatz zur dir, die theoretische Vertiefung der Begrifflichkeit von Avantgardismus und die Auseinandersetzung mit den Befürwortern für unentbehrlich, damit klar wird, dass gerade diese unter Kommunisten immer noch geschätzte politische Auffassung als Teil kommunistischer Praxis als Fehlentwicklung auf dem Weg der sozialen Emanzipation der Lohnarbeiter einzuschätzen ist und
    ferner einer prinzipiellen Einigung der anarchistischen / kommunistischen Bewegung im Wege steht.


    Zum „wir“ (außer Peter) kann ich nur sagen, dass Mattis ja explizit die Unterzeichner des „Bochumer Programms“ kritisiert hatte, zu denen auch ich gehöre. Falls dir Aussagen in meiner Replik als „Bochumer“ nicht passen, hast du doch die Möglichkeit, das klar zustellen, sie zu kritisieren oder zurückzuweisen. Ich denke, das ist die richtiger Methode, die gegebenenfalls zu einem Resultat führt, von dem wir beide was haben könnten. Pauschal einfach die beleidigte Leberwurst zu spielen, die sich „vereinnahmt“ fühlt, heißt ja nichts anders als dass du dich von mir abgrenzen willst, weil du generell einen anderen Standpunkt „im Zusammenhang mit dem Bochumer Programm hast“ als ich. Da frage ich mich allerdings warum man sich vorher auf was einigt.


    Beste Grüße


    Kim

  • Hallo Mattis,
    schön für dich, dass du deinen Punkt gefunden hast, wo ich, wir Bochumer oder wer auch immer, überführt scheinen.
    Dass du mich dabei gleich zweimal sinnentstellend zitierst, finde ich weniger schön.
    Erstens behauptest du, ich hätte den Opelanern ein "sollen" entgegengehalten. Das ist falsch. Ich schrieb, die Opelaner "sollten". Das drückt meine Wunschvorstellung aus und heißt soviel wie: "Ich wünschte mir, dass..."
    Und zu Peter schrieb ich nicht, dass er seine Untersichrift zurückziehen soll - dazu sehe ich keinen Grund. Ich schrieb aber, dass er seine Unterschrift zurückziehen kann - dann nämlich, wenn er sich deutlich von dem "Wir Bochumer" distanzieren will.
    Meine Bitte an dich: ein bisschen genauer lesen! ;( 
    Was die Strukturen und die Parteibildung der Lohnarbeiterklasse angeht, haben wir Bochumer uns (einschließlich Peter) durchaus Gedanken gemacht. Siehe dazu die Grafik "Was wollen die Linken". 
    Der rechte Strang zeigt da den Entwicklungsweg einer Avantgardepartei. Der linke Strang zeigt den Entwicklungsweg, den wir Bochumer anstreben (plusminus x Bochumer :huh: ) . Zeigt: die Avantgardepartei ist mindestens ein Umweg wenn nicht eine Sackgasse auf unserem Weg zur gemeinsamen Emanzipation.
    Wie Wat. richtig sagte: Avantgardepartei und Bochumer Programm schließen sich gegenseitig aus.


    Gruß Wal

  • Hallo Mattis


    von Menschen, die dem Avantgardismus den Vorzug geben, unterscheide ich mich in der Auffaussung zb. in dem Punkt der "Parteibildung".


    Wenn ich von Organisiertheit und Parteibildung(-sprozeß) spreche, meine ich damit ausdrücklich die Lohnabhängigen und dazu müssen diese nicht Mitglied einer Partei sein.
    Sie müssen auch nicht Mitglied einer oder mehrerer Organisationen sein.


    Was sie aber werden können, und wenn es mal eine freie Gesellschaft geben können soll, werden müssen(!), ist eine Partei als Klasse gegen das Kapital.
    Das hat mit Rechtsformen nichts zu tun, wohl aber mit dem Verständnis ihrer Stellung zu den Produktionsmitteln und damit in der Gesellschaft.


    Von Traditionskommunisten habe wenigstens ich von diesem Gedankenansatz noch nichts gehört, schlimmer noch, ich habe von diesem Handlungsansatz auch noch nichts gehört. Ich hörte da bisher aber immer etwas von der Organisation ihrer selbst. Das ist ihnen unbenommen, aber es wäre doch mehr als 'nett', wenn Träger 'gewünschter' Revolutionen nicht sie als Traditionskommunisten wären sondern die Lohnabhängigen selbst und gemeinsam.


    Sind letztere nämlich nicht die Träger (also (fast) alle Lohnabhängigen und Besitzlosen selbst und als Klasse gemeinsam), geht es nach meiner Erfahrung weder um noch in eine freie Gesellschaft, in der kein Mensch mehr ein erniedrigtes, geknechtetes usw. Wesen ist.


    Liebe Grüße - Wat.

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