Bruch mit den Verhältnissen (über die "2 Charakterzüge der kapitalistischen Produktionsweise")

  • verfasst von Robert Schlosser(R), 27.08.2012, 21:29


    Hallo Mario,
    kurz und knapp hat Wal aus meiner Sicht deine Diskussionsanregung richtig beantwortet. Die Diskussionen um das Bochumer Programm, ob bei keimform.de oder auf dem unsäglichen nao-blog, haben erneut gezeigt, welche theoretische Verwirrung unter radikalen Linken über den Zusammenhang von Warenproduktion (Wertverhältnis) und Kapitalverhältnis, also einer besonderen Form der Klassenherrschaft, der Herrschaft von Menschen über Menschen, sich ausgebreitet hat. Ich will daher versuchen, diese Frage in Anlehnung an Marx noch einmal etwas grundlegender zu beleuchten; auch, um damit erneut den Ansatz des Bochumer Programms zu verteidigen.


    In Kapital Bd. III (Distributionsverhältnisse und Produktionsverhältnisse) nennt Marx „zwei Charakterzüge, welche die kapitalistische Produktionsweise auszeichnen“. (Kapital Bd. III, S. 886 ff, alle folgenden Zitate ebenda).


    „Erstens: Sie produziert ihre Produkte als Waren. Waren zu produzieren, unterscheidet sie nicht von anderen Produktionsweisen; wohl aber dies, dass Ware zu sein, der beherrschende Charakter dieses Produktes ist.“
    Aus diesem Vorherrschen der Warenproduktion ergibt sich „die Regelung der Gesamtproduktion durch den Wert.“
    „Nur als inneres Gesetz, den einzelnen Agenten gegenüber als blindes Naturgesetz, wirkt hier das Gesetz des Wertes und setzt das gesellschaftliche Gleichgewicht der Produktion inmitten ihrer zufälligen Fluktuationen durch.“


    „Das zweite, was die kapitalistische Produktionsweise auszeichnet, ist die Produktion des Mehrwerts als direkter Zweck und bestimmendes Motiv der Produktion. Das Kapital produziert wesentlich Kapital, und es tut dies nur, soweit es Mehrwert produziert.“ ...
    „Die Autorität, die der Kapitalist als Personifikation des Kapitals im unmittelbaren Produktionsprozess annimmt, die gesellschaftliche Funktion, die er als Leiter und Beherrscher der Produktion bekleidet, ist wesentlich verschieden von der Autorität auf Basis der Produktion Sklaven, Leibeigenen usw.“


    Marx selbst fast diese beiden ebenso widersprüchlichen, wie sich ergänzenden Seiten der kapitalistischen Produktionsweise wie folgt zusammen:
    „Während, auf Basis der kapitalistischen Produktion, der Masse der unmittelbaren Produzenten der gesellschaftliche Charakter ihrer Produktion in der Form streng regelnder Autorität und eines als vollständige Hierarchie gegliederten, gesellschaftlichen Mechanismus des Arbeitsprozesses gegenübertritt - welche Autorität ihren Trägern aber nur als Personifizierung der Arbeitsbedingungen gegenüber der Arbeit, nicht wie in früheren Produktionsformen als politischen oder theokratischen Herrschern zukommt -, herrscht unter den Trägern dieser Autorität, den Kapitalisten selbst, die sich nur als Warenbesitzer gegenübertreten, die vollständigste Anarchie, innerhalb deren der gesellschaftliche Zusammenhang der Produktion sich nur als übermächtiges Naturgesetz der individuellen Willkür gegenüber geltend macht.“


    Sofern die kapitalistischen Produktionsverhältnisse einen Klassengegensatz, also Herrschaft von Menschen über Menschen konstituieren, so geschieht das in Gestalt des Kommandos über fremde Arbeitskraft in den kapitalistischen Unternehmen. Grundlage dafür ist das Privateigentum an Produktionsmitteln, „die Trennung von Arbeit und Eigentum“.
    Der Charakter des Arbeitsprodukts als Ware schafft keine Herrschaft von Menschen über Menschen, vielmehr formale Gleichheit von Warenproduzenten und -anbietern. Aus der Allgemeinheit der Warenproduktion folgen dagegen „ökonomische Sachzwänge“, deren Befolgung über die Konkurrenz den einzelnen Warenproduzenten und -anbietern aufgezwungen wird.
    Die Allgemeinheit der Warenproduktion verlangt die formale Gleichheit der Warenproduzenten und Warenanbieter auf dem Markt, wie die Produktion von Mehrwert die formale Ungleichheit von Leitungspersonal und Arbeitenden in der Produktion verlangt. Diese in Form gegossene Ungleichheit schafft im Kapitalismus die Herrschaft von Menschen über Menschen. (Daran ändert auch ihr ökonomisch-versachlichter Inhalt nichts!)


    In der Kritik am Bochumer Programm wurde nun mehrfach betont, dass dies kein Programm zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise sei, weil das Ziel der Beseitigung der Warenproduktion fehle. Teils wurde daraus sogar abgeleitet, das das Programm somit auch das Ziel der Beseitigung der Lohnarbeit verfehle. Selbstverwaltung in der Produktion bedeute weder Beseitigung der Warenproduktion noch Überwindung des Klassengegensatzes.


    Richtig daran ist, dass in diesem Vorschlag für eine revolutionäres Minimalprogramm das Ziel der Überwindung der Warenproduktion nicht ausdrücklich erwähnt wird. Auch darin drückt sich der Charakter dieses Programmvorschlages als ein praktisches Minimalprogramm aus. Es sollen nur die nächsten grundlegenden Ziele und Forderungen auf dem Weg zu sozialer Emanzipation angegeben werden. Neben der Abschaffung der Warenproduktion fehlen auch allgemeine Ziele, wie die Überwindung der großen gesellschaftlichen Arbeitsteilungen. Es werden immer nur praktische Ziele angegeben, die den Weg dahin eröffnen.


    Was die Überwindung der Warenproduktion und damit die Außerkraftsetzung des Wertgesetzes (Herrschaft von Angebot und Nachfrage, der „invisible hand“) anbetrifft, so ist und bleibt die entscheidende Voraussetzung dafür, dass das Privateigentum fällt und durch Gemeineigentum ersetzt wird. Ohne Aneignung der gegenständlichen Bedingungen ihrer Reproduktion durch die Masse der Menschen kann es keine Abschaffung der Warenproduktion geben. Die Menschen können erst dann zur Verteilung der Produkte ihrer Arbeit schreiten, wenn sie sich in freier Assoziation die Produktionsmittel angeeignet haben. Das eine setzt nicht nur logisch das andere voraus; es handelt sich dabei auch um ein zeitliches Nacheinander!
    Zu verlangen, das eine solle mit dem anderen auf einen Schlag erledigt werden, verkennt die Komplexität und Schwierigkeit des Prozesses und ist aus meiner Sicht ohne jede praktische Perspektive, eben theoretische Spielwiese für Sektierer.


    Die Aneignung der Produktionsmittel in der Form der radikaldemokratischen Selbstverwaltung bedeutet die Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen in der Produktion. Dies gilt schon für einen einzelnen genossenschaftlichen Betrieb in der kapitalistischen Marktwirtschaft. (Gemeint sind damit auch kommunale Betriebe!) Handelt es sich jedoch nur um einzelne Betriebe, dann bedeutet das natürlich keine Überwindung des Systems der Lohnarbeit. Es bedeutet aber dann eine Überwindung des Systems der Lohnarbeit, wenn alle, oder die Mehrheit der Betriebe in radikaldemokratischer Selbstverwaltung geführt werden. Damit wäre die spezifisch kapitalistische Form der Klassenherrschaft – der Herrschaft von Menschen über Menschen in der kapitalistischen Produktion- beseitigt. Damit wäre noch nicht die Warenproduktion beseitigt. Es wäre denkbar, dass die frei assoziierten ProduzentInnen in gesellschaftlicher Arbeitsteilung weiter ohne gemeinsamen Plan für den Markt produzieren, statt nach Plan zu produzieren und nach Bedürfnis zu verteilen. Ein solcher Zustand würde das Wertgesetz nicht außer Kraft setzen. Die Konkurrenz würde für Gewinner und Verlierer sorgen, mit all den entsprechenden sozialen Konsequenzen. Es gäbe zweifellos Armut und Reichtum auch ohne die Herrschaft von Menschen über Menschen in der Produktion. Ich halte es für müßig, das weiter auszumalen, weil ich einen solchen Zustand auf Dauer für rein hypothetisch halte. Entweder wird das Gemeineigentum für Überwindung der Warenproduktion sorgen, oder der Markt zur Abschaffung des Gemeineigentums führen. Festhalten will ich hier lediglich, dass das Bochumer Programm selbstverständlich zielt auf die allgemeine Durchsetzung von selbstverwalteteten Betrieben und insofern auf die Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die das bedeuten würde.


    Eine allgemeine Bewegung für genossenschaftliche, radikaldemokratisch selbstverwaltete Betriebe kann nicht auf einen Schlag entstehen. Je nach den ökonomischen Umständen und der Ausbreitung und Klarheit von Kapitalismuskritik kann es zu Bestrebungen in einzelnen oder mehreren Betrieben kommen. Aus meiner Sicht muss man solche Bestrebungen auf alle erdenkliche Art und Weise unterstützen und fördern, auch wenn man weiß, dass sie als Inseln im kapitalistischen Markt letztlich scheitern müssen. Ohne Unterstützung und Förderung solcher Bestrebungen kann es aber niemals zu deren Verallgemeinerung kommen, wenn die Bedingungen dafür heran gereift sind. Ohne eine solche Unterstützung und Förderung ist weder eine Überwindung der kapitalistischen Klassenherrschaft noch eine Überwindung der Marktwirtschaft und des damit verbundenen Wertgesetzes möglich.


    Die Geschichte des Sozialismus/Kommunismus lehrt uns ja inzwischen einiges an dem, was alles möglich ist und was gescheitert ist. Da gibt es alle möglichen kommunistischen Experimente, die es jeweils lohnt immer noch genauer begutachtet zu werden, natürlich auch die auf „ausgedehnter Stufenleiter“, also die auf nationaler, staatlicher Ebene. Der Stalinsche Despotismus mit Abschaffung des Marktes für Produktionsmittel (Abschaffung des Wertgesetzes) aber mit verschärfter Herrschaft von Menschen über Menschen. Die jugoslawische „Arbeiterselbstverwaltung“ in den Betrieben mit Produktion von Waren für den Markt usw. All dies war schon möglich und bedeutete Überwindung der spezifisch kapitalistischen Produktionsweise nach der einen oder anderen Seite hin. Zur versprochenen sozialen Emanzipation hat das alles nicht geführt, sondern ist kläglich gescheitert. Es geht noch immer darum, kritische Bilanz zu ziehen und nach Ansätzen zu suchen, die dem Kommunismus verlorene Anziehungskraft zurückgeben. Öde und perspektivlos ist alles Einsortieren in Schubladen wie „Gradualismus“, „Syndikalismus“ usw. Forget it!!
    Das Bochumer Programm versucht aus den Erfahrungen zu lernen, ist inspiriert durch die Pariser Kommune, knüpft an den Lehren an, die Marx daraus zog, an, und will eine Perspektive entwickeln jenseits von „Staatssozialismus“, „Führung und Erziehung durch die Partei der Arbeiterklasse“ und auch jenseits von utopischem Kommunismus, der sich nicht um die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Ökonomiekritik von Marx kümmert.


    Viele Grüße
    Robert



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