Wer ist heute links?

  • Bei Befragungen können neun von zehn Leuten sich auf einer Links-Rechts-Skala von 0 (links) bis 10 (rechts) politisch orten.
    In einem Land wie Deutschland, wo sich an der politischen Oberfläche nur ganz wenig bewegt, ist es auch nicht verwunderlich, dass sich zwei Drittel der Leute in der „politischen Mitte“ einordnen. Die politische Selbsteinschätzung der Deutschen liegt bei braven 5,3.


    Wer jedoch den innerlinken Konflikt zwischen Stalinisten, Marxisten-Leninisten und Staatssozialisten einerseits und den Anarchisten, Syndikalisten und Libertären Linken andererseits beachtet, der benutzt besser ein zweidimensionales Raster wie folgt:



    Es gibt allerdings auch politische Verortungen, die auf das Links-Rechts-Schema verzichten wollen. Eine davon, die Sinus-Milieus, habe ich mal auf eigene Faust in diesen zweidimensionalen politischen Raum Links-Rechts-Libertär-Autoritär eingeordnet.
    Meine Positionierung der einzelnen Felder beruht auf persönlichen Erfahrungen und ist subjektiv und spekulativ. Dennoch genügt meine Darstellung vielleicht für Denk- und Diskussionsanstöße.



    Die einzelnen Milieus werden vom Sinus-Institut wie folgt beschrieben:
    (Begrifflichkeiten habe ich im einen oder anderen Fall vereinfacht.)


    Traditionelles Milieu 14%
    “Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegs- und Nachkriegsgeneration: in der alten kleinbürgerlichen Welt bzw. in der traditionellen Arbeiterkultur verhaftet.“


    Prekäres Milieu 9 % 
    "Die Teilhabe und Orientierung suchende Unterschicht mit starken Zukunftsängsten und Ressentiments ... geringe Aufstiegsperspektiven und delegative/reaktive Grundhaltung...“


    Pragmatisches Milieu 9% 
    “Die mobile, zielstrebige junge Mitte der Gesellschaft mit ausgeprägtem Lebenspragmatismus und Nutzenkalkül: erfolgsorientiert und kompromissbereit, hedonistisch und konventionell...“


    Bürgerliche Mitte 14% 
    “Der leistungs- und anpassungsbereite bürgerliche Mainstream: generelle Bejahung der gesellschaftlichen Ordnung; Streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen.“


    Konservatives Milieu 10% 
    "Das klassische Establishment: .... mit Exklusivitäts- und Führungsanspruch ...“


    Innovatives Milieu (7 %):
    “Milieu der Performer. Die multi-optionale, effizienzorientierte Leistungselite mit global-ökonomischem Denken und stilistischem Avantgarde-Anspruch.“


    Bildungselite 7 %:
    “Die aufgeklärte Bildungselite mit liberaler Grundhaltung, postmateriellen Wurzeln, Wunsch nach selbstbestimmtem Leben und vielfältigen intellektuellen Interessen.“


    Spaßorientiertes Milieu 15%
    “Die Spaßorientierte moderne Unterschicht/untere Mittelschicht: Leben im Hier und Jetzt, Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft.“


    Unkonventionelles Milieu 7%
    “Die stark individualistisch geprägte digitale Avantgarde: unkonventionell, kreativ, mental und geografisch mobil und immer auf der Suche nach neuen Grenzen und nach Veränderung.“


    Ökologisches Milieu 7%
    “Idealistisches, konsumkritisches bis konsumbewusstes Milieu mit ausgeprägtem ökologischen und sozialen Gewissen: Globalisierungsskeptiker, Bannerträger von Political Correctness und Diversity.“


    Gruß Wal

  • Mußte bei dem Diagramm an Folgendes denken (hab' ich vor Jahren mal gesehen und nicht weiter durchdacht, vielleicht ja für jmd. von Interesse):

    Quote

    2. Politische Ideologien: E. C. Zeeman hat ein Cusp-Modell politischer Ideologien entwickelt. Die beiden Parameter A und B waren wirtschaftlich (Chance gegen Gleichheit) und politisch (die Rechte des Individuums gegen die Rechte der Gruppe). Der Zustandsraum war eine >Punktewolke<, die die Meinungen der Individuen in der Gesellschaft darstellte. (Diese lassen sich, zumindest theoretisch, durch Meinungsumfragen messen.) Die Wolke war topologisch in einen eindimensionalen Raum Y eingebettet, die sich als das traditionelle >Links-Rechts<-Spektrum der Politik erwies. Zeemans Katastrophenoberfläche zeigt, weshalb diese einfache Linie in Wirklichkeit eine komplexe >Anatomie< aufweist (Abb. 13). Projiziert man diese Oberfläche auf die AY- und BY-Ebenen, so ist zu erkennen, warum zwischen Linksdiktaturen und solchen der Rechten so große Ähnlichkeit besteht und weshalb Populisten des rechten Flügels so häufig wie solche des linken Flügels klingen. Es zeigt auch auf, warum manche gesellschaftlichen Veränderungen revolutionär sein müssen und warum Ein-Parteien-Staaten häufig innerhalb der Partei rechte und linke Flügel entwickeln.


    mit der Graphikganz unten.


    Die Skalierung von Wirtschaft zwischen Chance und Gleichheit würde ich lieber ersetzen durch eine, die die Eigentumsverhältnisse abbildet, käme aber auf's Gleiche raus (?)
    Politik kommt schon hin, denk ich (Gruppe vs. Individuum oder libertär vs. autoritär)


    Deine Zuordnung der Sinus-Milieus erscheint mir in einzelnen Punkten diskutabel:
    -ökologisch: hier gibt es durchaus weit rechts stehende Vertreter, die sich ökologisch gerieren oder betätigen
    -Bildungselite: wirklich eher links?
    -innovativ nicht links? (ich denke da z.B. in Richtung Piraten, opensource-und transition-Projekte)


    Erstmal soweit als erste kurze Gedanke...

  • Mußte bei dem Diagramm an Folgendes denken (hab' ich vor Jahren mal gesehen und nicht weiter durchdacht, vielleicht ja für jmd. von Interesse): ... mit der Graphikganz unten.


    Die Skalierung von Wirtschaft zwischen Chance und Gleichheit würde ich lieber ersetzen durch eine, die die Eigentumsverhältnisse abbildet, käme aber auf's Gleiche raus (?)
    Politik kommt schon hin, denk ich (Gruppe vs. Individuum oder libertär vs. autoritär)


    Hallo Seldon,
    fruchtbar sind alle Gedanken, die neues Licht auf vermeintlich Selbstverständliches werfen. Auch die Gedanken, die du hier zitierst.


    Deine Zuordnung der Sinus-Milieus erscheint mir in einzelnen Punkten diskutabel:
    -ökologisch: hier gibt es durchaus weit rechts stehende Vertreter, die sich ökologisch gerieren oder betätigen
    -Bildungselite: wirklich eher links?
    -innovativ nicht links? (ich denke da z.B. in Richtung Piraten, opensource-und transition-Projekte)
    Erstmal soweit als erste kurze Gedanke...


    Ich sagte schon: Meine Positionierung erfolgte quasi aus dem Bauch heraus. Die Frage ist jetzt, wie wir das in der Diskussion etwas objektivieren können.
    Vielleicht geht das so, dass wir auf "typische Vertreter" und "typische Aktionen/Vorschläge" verweisen.


    Unter "Bildungselite" verstehe ich die sogenannten "Intellektuellen": Profs, Journalisten, Lehrer, Schriftsteller. Von der Uni bin ich lange weg. Meine Kontakte in den Schulbereich sprechen aber für einen leichten "Linkshang" unter den Lehrern. Was Journalisten täglich produzieren, kann jeder lesen. Auch da denke ich, sie sind etwas linker und libertärer als die "bürgerliche Mitte = CDU-Wähler"


    Die Piraten hatte ich eher bei den "Unkonventionellen" gesehen.
    "Innovativ" Diese Leute sind innovativ auf kapitalistischer Basis. Sie entwickeln neue Produkte, neue Bedürfnisse, neue Profitquellen. In der ersten Version benutzte ich "Leistungselite". Leistung und Erfolg steht da sehr im Mittelpunkt. So was wie Silicon Valley. Systemkritisch kann man wohl nicht sein, wenn man neue Alternativen zum Ipad entwickelt.


    Ökologisch: Ja, Leute im ökologischen Milieu sind instinktiv "konservativ". Aber das ist kein politischer Konservativismus, der auf Erhalt von Privilegien und auf die Stärkung von Herrschaft über Menschen abzielt.
    Der ökologische Konservativismus ist eine Vorsicht, die nicht leichtfertig bewährte (Produktions)Verfahren zugunsten von neuester kapitalistischer Technologie aufgeben will. Nehmen wir zum Beispiel das Fracking. Die wenigsten haben sich intensiv damit befasst und verstehen diese Technologie. Trotzdem ist die Mehrzahl gegen diese Technologie. Das ist emanzipatorische Vorsicht und soziale Verantwortung, kein politischer Konservativismus.
    Davon brauchen wir noch viel mehr, nicht weniger.
    Gruß Wal

  • Einerseits ist es sehr zu begrüssen, dass sich der Horizont des Marx-Forums für neue Themen öffnet und die Überlegungen zur Emanzipation damit reichhaltiger und realitätsnäher werden. Andererseits fehlen hier noch mehr als anderswo elementarste Kategorien und Begriffe, um auch nur das eigene Alltagswissen zu ordnen.
    Ich möchte kurz andeuten, wo mir der grösste Mangel all der hier angebotenen Klassifikationen zu liegen scheint: Sie enthalten so gut wie keine "genetische" Komponente, also eine Hpothese darüber, wie die so klassifizierten Lebensstile/Mentalitäten/Werte-Orientierungen eigentlich zustandekommen.
    ((es sei denn, das in den "Sinus-Milieus" offenkundig verwendete Zwei-Skalensystem wird als eine solche verstanden: Schichtzugehörigkeit und ein sehr unspezifischer individueller Faktor, den man wohl als "Progredienz" (mein Ausdruck) deuten könnte, überlagern sich demnach: Bei unterschiedlichem Geldbeutel/Bildungsniveau (Gottseidank für die Soziologen geht das ja speziell in Deutschland immer gut zusammen, korreliert hoch) führt Fortschrittlichkeit und Fortgeschrittenheit zu recht unterschiedlichen Resultaten (damit nicht zu grosse Blöcke in der Mitte der Wolke entstehen, wo sich die meisten tummeln, haben sie die nochmal unterteilt, die Extreme hingegen zerfallen in nur grad zwei Abteilungen usw))


    In den Diskussionen auf dem Blog von Neoprene findet derzeit eine ähnliche Erweiterung des Blickwinkels statt - hier speziell hinsichtlich des (recht kleinen) linksradikalen "Milieus".
    Ich habe in einem meiner Beiträge dort versucht, die (aus meiner Sicht überhaupt) möglichen Standpunkte von Befürwortern gesamtgesellschaftlicher Eigentumsfreiheit in eine Reihe zu bringen: http://neoprene.blogsport.de/2…ganisation/#comment-92522
    Hinter dieser "Klassifikation" (ist es eigentlich nicht, da "Reihe") steht allerdings ein (von mir erst entworfener, noch nicht veröffentlichter) Erklärungsversuch, der die betreffende Standpunkt-Folge als Ausdruck unterschiedlich ausdifferenzierter Kategorien des Verhältnisses zu Welt und Personen (einschliesslich sie selbst) ihrer "Träger" begreift. Dabei deutet "Ausdifferenzierung" auf die Art der erzielten Fortgeschrittenheit; "Kategorie" auf die Dimension, in der dieser Fortschritt stattfindet: es handelt sich dabei grob gesagt darum, dass einem elementare Voraussetzungen bewusstwerden, unter denen eigenes und fremdes Handeln auf Dauer sinnvoll und insofern "Handeln" bleiben kann. Die Dynamik hingegen, die das Fortschreiten antreibt, ist nicht erklärt - aber die Tatsache, dass hier Stufen vorgesehen sind, zeigt, dass es sich um Prozesse handeln muss, die - sei es von aussen, sei es durch innere Triebkräfte - immer wieder in Gang gesetzt werden, aber auch zu vorübergehend stabilen Zwischenresultaten kommen. Und: Der Erklärungsversuch muss zeigen, wie all dies massenhaft auf der Ebene der Einzelperson stattfindet. Denn es gilt weiterhin: "Nicht Gesellschaften lernen und verarbeiten Wissen, sondern Einzelpersonen." Was immer gesellschaftlich geschieht, muss sich aus dem Handeln, auch dem mit andern (teil-)abgestimmtem Handeln der die Gesellschaft ausmachenden Einzelnen erklären lassen.
    Anm 1: Die bekannten Marx-Sätze vom gesellschaftlichen Sein, das das individuelle Bewusstsein bestimmt, und von den "unabhängig von ihrem Willen" eingegangenen Verhältnissen bedürfen von daher einer sehr genauen Interpretation, die die betreffenden Tatsachen als aus bestimmten Handlungsweisen aller Beteiligter und deren (vorübergehend stabil unentwickelten) Mentalitäten erklärt.
    Anm 2: Übrigens war in dem oben verlinkten thread anschliessend auch noch von "bürgerlichen" Menschen und ihren Mentalitäten die Rede - unter dem Stichwort "Agitation als Mittel zur Herstellung gesellschaftsweit eigentumsfreier Verhältnisse". Und das unter einem sehr speziell zugespitzten Gesichtspunkt, nämlich den je unterschiedlichen Begründungen, die diese Menschen - unter der Voraussetzung, dass sie Grundprinzipien der Marxschen Kapitalismuskritik korrekt VERSTANDEN haben - für eine Beibehaltung des Kapitalismus auch angesichts dieser Kritik anführen: http://neoprene.blogsport.de/2…ganisation/#comment-92993 letzter Absatz (in Doppelklammer: "Und NOCH eine Frage stellt sich..")


    Es versteht sich, dass die Anordnung der Standpunkt-Typen (die ich zu unterscheiden vorschlage) in einer Reihe von STUFEN stillschweigend voraussetzt, dass da ein LERNPROZESS auf individueller Grundlage stattfindet. Was freilich Beschleunigung individueller solcher Lernprozesse auf früher, von andern, bereits erreichte und kulturell etablierte (wie das mit allen vielen Einzel-Angehörigen einer Gesellschaft bzw Kultur geht, wäre zu zeigen) Niveaus unterstellt - die Einzelbiographie bleibt grundsätzlich der Ort, wo solches Lernen einzig stattfinden kann; und zwar so beschleunigt bei zumindest etlichen Einzelnen, dass sogar noch weitere Fortschritte (über das kulturell Erreichte hinaus) darin von ihnen erarbeitet werden können.


    Mit diesen Hinweisen ist vielleicht angedeutet, wie das von Wal hier angeschnittene Themenfeld sich zum Hauptthema unseres Forums, der sozialen Emanzipation (präzisiert als gesellschaftsweit eigentumsfrei gemeinsam geplante Reproduktion), verhält:
    - wie sehen die INNER-linken Mentalitäts-Differenzierungen aus?
    - was steht auf seiten "bürgerlicher Menschen" der Zustimmung zum linken Projekt entgegen?
    - welche Dynamik auf biographischer Ebene lässt Linke der verschiedenen innerlinken Stufen entstehen, was könnte bürgerliche Menschen zum Aufstieg in diese Mentalitäten bewegen ("Aufstieg" insoweit linke Standpunkte als fortgeschritten aufgefasst werden).


    Nebenfragen: Wie erklärt man eigentlich: rechte, "individual-libertäre", "technokratische" Standpunkte? Ist die Zahl möglicher Standpunkte (gleichen Entwicklungsniveaus) begrenzt? (Was wäre zur Beantwortung dieser Frage für die Lernprozesse vorauszusetzen?)


  • Ich möchte kurz andeuten, wo mir der grösste Mangel all der hier angebotenen Klassifikationen zu liegen scheint: Sie enthalten so gut wie keine "genetische" Komponente, also eine Hpothese darüber, wie die so klassifizierten Lebensstile/Mentalitäten/Werte-Orientierungen eigentlich zustandekommen.

    Hallo Franziska,
    für diese Kritik bin ich weder der richtige Ansprechpartner, noch das Karl-Marx-Forum der passende Ort. Ich habe die Sinus-Milieus mehr oder minder unbesehen übernommen, ohne mich genauer mit ihnen zu befassen. Was ich anhand dieser "Milieus" zeigen wollte, ist die Tatsache, dass die Lohnarbeiter keine "geschlossene Gesellschaft" sind, also weder eine soziale Einheit noch eine politische Einheit. Wenn ich eine Kritik an den Sinus-Milieus zu formulieren hätte, dann die, dass es mir zu Wenige scheinen. Der soziale Trend des Kapitalismus geht nach meiner Ansicht dahin, dass Klassen und Milieus aufgelöst und aufgesplittet werden. Der soziale Trend des Kapitalismus geht nicht in Richtung Milieu-Bildung, sondern in Richtung Individualisierung.


    In den Diskussionen auf dem Blog von Neoprene findet derzeit eine ähnliche Erweiterung des Blickwinkels statt - hier speziell hinsichtlich des (recht kleinen) linksradikalen "Milieus".
    Ich habe in einem meiner Beiträge dort versucht, die (aus meiner Sicht überhaupt) möglichen Standpunkte von Befürwortern gesamtgesellschaftlicher Eigentumsfreiheit in eine Reihe zu bringen: http://neoprene.blogsport.de/2…ganisation/#comment-92522


    Liebe Franziska, für deine Leser wäre es einfacher, wenn du deine Gedanken aus anderen Foren hier reinkopieren würdest, statt die Leser zu zwingen, per Link hin- und herzuspringen.
    Ich lese nur ausnahmsweise in anderen Foren. Aber ich denke nicht, dass es ein "linksradikales Milieu" gibt, und falls es so etwas gibt, ist es wohl nicht von Belang. Wo und wie soll denn dieses "linksradikale Milieu" überleben können? Nehmen wir als Beispiel den Avatar von Renee:


     


    Wie sollte so weit links oben ein Milieu entstehen können, das nicht nur einen geistigen, sondern auch einen lebenspraktischen Zusammenhang hat? Was soll denn die ökonomische Grundlage dieses Milieus sein? Lohnarbeit sicherlich nicht.
    Und weiter: Das kleinste Sinus-Milieu umfasst mit 5% der Bevölkerung fast 6 Millionen Menschen. Wie immer man ein "Milieu" definiert, immer ist eine eigene Lebenswelt. Eine "linksradikale Lebenswelt" existiert bei uns nicht. Und es ist auch wohl nicht wünschenswert, dass sie existiert.
    Eine "linksradikale Lebenswelt" wäre deshalb nicht wünschenswert, weil die Linken fast immer nur nach "Ihresgleichen" suchen. Linke praktizieren in aller Regel Getto-Bildung. Linke isolieren sich selbst von der sozialen und politischen Vielfalt.


    Denn es gilt weiterhin: "Nicht Gesellschaften lernen und verarbeiten Wissen, sondern Einzelpersonen." Was immer gesellschaftlich geschieht, muss sich aus dem Handeln, auch dem mit andern (teil-)abgestimmtem Handeln der die Gesellschaft ausmachenden Einzelnen erklären lassen.

    Das sehe ich etwas anders. Ich sehe sehr wohl eine Tendenz, die in diese Richtung geht. Aber für die Gegenwart würde ich sagen: "Nicht Einzelpersonen lernen und verarbeiten Wissen, sondern Milieus". Im 19. Jahrhundert hätte man vielleicht gesagt: "Nicht Einzelpersonen lernen und verarbeiten Wissen, sondern Klassen". - wobei Klassen nichts anderes sind, als Milieus mit gemeinsamer ökonomischer Basis. Wenn Milieus zur "politischen Klasse" werden, dann verschwinden sie nicht, sondern sie kooperieren miteinander und verketten sich.


    Mit diesen Hinweisen ist vielleicht angedeutet, wie das von Wal hier angeschnittene Themenfeld sich zum Hauptthema unseres Forums, der sozialen Emanzipation (präzisiert als gesellschaftsweit eigentumsfrei gemeinsam geplante Reproduktion), verhält:
    - wie sehen die INNER-linken Mentalitäts-Differenzierungen aus?
    - was steht auf seiten "bürgerlicher Menschen" der Zustimmung zum linken Projekt entgegen?
    - welche Dynamik auf biographischer Ebene lässt Linke der verschiedenen innerlinken Stufen entstehen, was könnte bürgerliche Menschen zum Aufstieg in diese Mentalitäten bewegen ("Aufstieg" insoweit linke Standpunkte als fortgeschritten aufgefasst werden).

    Das traditionelle linke Emanzipationskonzept unterstellt, dass sich die verschiedenen vorhandenen Milieus alle auflösen in das eigene linke Milieu. Das traditionelle linke Emanzipationskonzept unterstellt damit etwas Unmögliches und es enthält hier sogar einen totalitären Kern.
    Ich denke, die vorhandenen Milieus (wie immer sie zugeschnitten und definiert sind) werden in einer sozialen Revolution nicht verschwinden, allerdings Größe und Gruppierung ändern.
    Ich denke, die Aufgabe der emanzipatorischen Linken ist nicht, die vorhandenen Milieus aufzulösen und alle Menschen oder eine Mehrheit für das eigene Milieu zu gewinnen. Das halte ich für eine ebenso unmögliche wie unsinnige Aufgabe.
    Ich glaube, die Aufgabe der emanzipatorischen Linken sieht so aus, dass wir das emanzipatorische Potential in jedem (lohnabhängigen) Milieu entdecken und dass wir als Linke dazu beitragen, die Kraft, die Besonderheit und die Eigenheit jedes dieser Milieus zu kombinieren zu einem gemeinsamen konkreten Beschluss, zu einer gemeinsamen konkreten Aufgabe. Jenseits dieser konkreten Aufgabe, jenseits dieses konkreten Beschlusses besteht die alte Differenzierung weiter. Was ich oben "linke Generaltheorie" nannte, das müsste die soziale Gemeinsamkeit der verschiedenen (lohnabhängigen) Milieus enthüllen, aber dürfte nicht die Verschiedenheit der Milieus leugnen.
    Die emanzipatorische Aufgabe, die ich sehe, heißt Kooperation der Verschiedenen, nicht Kombination der Gleichen. Davon ist die heutige Linke allerdings weit entfernt.
    Spaßeshalber und versuchsweise habe ich mal die Milieus aus der obigen Grafik so umgruppiert, dass sie eine gemeinsame emanzipatorische (=revolutionäre) Kraft bilden können:



    Gruß Wal Buchenberg

  • Hallo Wal,

    ... Wo und wie soll denn dieses "linksradikale Milieu" überleben können? Nehmen wir als Beispiel den Avatar von Renee:

    Wie sollte so weit links oben ein Milieu entstehen können, das nicht nur einen geistigen, sondern auch einen lebenspraktischen Zusammenhang hat? Was soll denn die ökonomische Grundlage dieses Milieus sein? Lohnarbeit sicherlich nicht.

    Hilfe, dit versteh' ich jetzt nit :huh:


    Heißt das jetzt, dass ein Milieu aus Leuten wie mir zu nichts zu gebrauchen ist, was mit lebenspraktischen Dingen und Lohnarbeit zu tun hat?

    Quote

    Eine "linksradikale Lebenswelt"
    wäre deshalb nicht wünschenswert, weil die Linken fast immer nur nach
    "Ihresgleichen" suchen. Linke praktizieren in aller Regel Getto-Bildung.
    Linke isolieren sich selbst von der sozialen und politischen Vielfalt.

    Vielleicht trifft es ja auf die meisten Linken besonders zu, aber Tendenzen zu "Ghetto-Bildung" findet man auch im Rest der Bevölkerung recht häufig. Bei den Linken finde ich es allerdings besonders bedauerlich, denn "eigentlich" müsste es doch ihr Anliegen sein, sich "wie ein Fisch im Wasser" in verschiedenen "Milieus" zu tummeln. Könnte es daran liegen, dass sich die meisten Linken eher einer Art "elitärem Club" zugehörig fühlen, was ihnen eine größere Bedürfnisbefriedigung verschafft als ihr vorgebliches Ziel "Umbau der Gesellschaft" (oder wie auch immer die korrekte Bezeichnung dafür lauten soll).


    Das traditionelle linke Emanzipationskonzept unterstellt, dass sich die verschiedenen vorhandenen Milieus alle auflösen in das eigene linke Milieu. Das traditionelle linke Emanzipationskonzept unterstellt damit etwas Unmögliches und es enthält hier sogar einen totalitären Kern.

    "Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag' ich dir den Schädel ein".

    Quote

    Ich denke, die Aufgabe der
    emanzipatorischen Linken ist nicht, die vorhandenen Milieus aufzulösen
    und alle Menschen oder eine Mehrheit für das eigene Milieu zu gewinnen.
    Das halte ich für eine ebenso unmögliche wie unsinnige Aufgabe.

    Gibt es noch ein paar mehr Schlaue, die das auch schon kapiert haben? Bisher scheint mir die Linke diese unmögliche und unsinnige Aufgabe als ihr Hauptbestreben zu sehen. So wird dat nix! Ich selber halte auch nichts von einer Milieu-Monokultur.

    Solange sie das bleibt, wird sie halt irgendwann von den Zeitläuften überholt werden. "Wer zu spät kommt ..."


    cu
    renée

  • Hallo Wal,

    Hilfe, dit versteh' ich jetzt nit :huh:


    Heißt das jetzt, dass ein Milieu aus Leuten wie mir zu nichts zu gebrauchen ist, was mit lebenspraktischen Dingen und Lohnarbeit zu tun hat?


    Hallo Renee,
    nein, ich halte ein "linksradikales Mileu" nicht deshalb für (fast) unmöglich, weil die Leute nicht die nötigen Fähigkeiten hätten, sondern weil der politische und ökonomische Druck auf die Teilnehmer dieses Milieus ungeheuer groß wird. Solange des Kapitalismus gibt, gibt es ""Schwarze Listen" und politisch motivierte Entlassungen. Ich wurde im Laufe meines Arbeitsleben dreimal aus politischen Gründen entlassen - einmal aus dem Schuldienst und zweimal in Fabrikunternehmen. Und damals war der Arbeitsmarkt noch nicht so schwierig wie heute. Deshalb war die individuelle Aufsässigkeit auch größer.
    Ein "gemütliches" Nebeneinander von linksradikalen Mileus und kapitalistischen Milieus ist für mich schwer vorstellbar. In den USA des 19. Jahrhunderts war das noch möglich. Siehe die kommunistischen Gemeinschaften in den USA.
    Ich glaube, (größere) linksradikale Inseln finden im modernen Kapitalismus keine ökonomische Grundlage. Ich bewundere aber den persönlichen Mut und die subjektive Energie, wo das trotzdem versucht wird - zum Beispiel durch Hausbesetzungen.
    Ich halte aber das Konzept, das im Bochumer Programm vorgeschlagen wird, die Kommunalisierung und Demokratisierung von lebensnotwendigen Versorgungsbetrieben für aussichtsreicher.


    "Eine "linksradikale Lebenswelt"
    wäre deshalb nicht wünschenswert, weil die Linken fast immer nur nach
    "Ihresgleichen" suchen. Linke praktizieren in aller Regel Getto-Bildung.
    Linke isolieren sich selbst von der sozialen und politischen Vielfalt." (Wal)
     
    Vielleicht trifft es ja auf die meisten Linken besonders zu, aber Tendenzen zu "Ghetto-Bildung" findet man auch im Rest der Bevölkerung recht häufig. Bei den Linken finde ich es allerdings besonders bedauerlich, denn "eigentlich" müsste es doch ihr Anliegen sein, sich "wie ein Fisch im Wasser" in verschiedenen "Milieus" zu tummeln. Könnte es daran liegen, dass sich die meisten Linken eher einer Art "elitärem Club" zugehörig fühlen, was ihnen eine größere Bedürfnisbefriedigung verschafft als ihr vorgebliches Ziel "Umbau der Gesellschaft" (oder wie auch immer die korrekte Bezeichnung dafür lauten soll).



    Ich glaube, die linke Vorliebe zu "Clusterbildung" liegt eher am linken "Opfer-Trauma". Die politischen Niederlagen der Emanzipationsbewegungen durch den Faschismus und das Scheitern der staatssozialistischen Experimente haben die moderne Linke demoralisiert und paralysiert. Ich sehe die linke Ghetto-Bildung eher als Fluchtreflex. Deshalb machte es auch so großen Eindruck, als die Occupy-Bewegung mit dem offensiven Slogan "Wir sind 99%!" an die Öffentlichkeit trat.


    Ich denke, die Linke verändert sich mit den Bewegungen, die wir erleben.


    Gruß Wal

  • Hallo Wal,


    meine Güte, "die Linke" sollte mal endlich aus ihrem Schmollwinkel und in die Puschen kommen. So wie es sich jetzt darstellt, sind sie zum größten Teil ein kleines elendes Häufchen, das intern großmäulig schwadroniert und pathetisch etwas von "Revolution" brabbelt, für Außenstehende völlig unverständliche Phrasen drischt und dann beleidigt ist, weil keiner sie liebhat. So lange sie sich so verhalten und ihr Verhältnis zur Realität nicht geklärt kriegen, ist es wahrscheinlich auch besser, wenn sie weiterhin im Elfenbeintürmchen ihren Avantgardeträumen nachhängen, solche Bagage kann nämlich keine emanzipatorische Bewegung gebrauchen. Ich habe ja einige der Diskussionen von letztem Jahr nachgelesen, wo es um diesen geplanten Zusammenschluss ging (Namen vergessen), da hat es mir ja die Socken ausgezogen. Glauben ca. 5 - 10 Männeken, ihr (seit Jahrzehnten gleichbleibendes) Gesülze sei relevant für's Weltgeschehen, so etwas kann ein vernunftbegabter Mensch doch nicht mehr ernst nehmen. Das Ganze gepaart mit einer Betulichkeit, da ist mancher Karnickelzüchterverein rebellischer.


    So wie die Dinge m.E. stehen, kommen in absehbarer Zeit noch einige "Traumatisierungen" auf uns zu, sollen wir dann in Schockstarre verfallen? Mir ist eher danach, denen, die den "Gong" noch nicht gehört haben, ein wenig Feuer unterm Hintern zu machen. Mag ja sein, dass wir noch ein paar Jahre Zeit haben, bevor es zu eng wird, aber Jahrzehnte sind es bestimmt nicht mehr.


    cu
    renée

  • Wer ist heute links? Ich denke,von den "Meinungsmachern" in den Medien der überwiegende Teil, in der Politik scheinbar viel,viel mehr als noch 2006. Alles okay also und ein guter Start für eine Richtungsänderung nach links? Irrtum. Nach meiner Einschätzung sind fast alle dieser Menschen THEORETISCH links(liberal), aber wenn es um Handfestes geht, werden sie schwuppiwupp konservativ-liberal-national. (Bsp.: der Bürgerentscheid in Hamburg, den ja die viel beschworene linksliberalweltläufige Mittelschicht durchgesetzt und gewonnen hat).
    Fazit mMn: Wenn es an die REALITÄT und an KONKRETES geht,lösen sich alle theoretischen Milieus auf und man wird angesichts drohender Wohlfahrtsverluste (der Übergang zum Sozialismus bringt eben nun mal "Reibungsverluste" mit sich!) zum Verräter/zur Verräterin an den eigenen, ach so hehren Idealen. :S 
    So bleibt eine praktische linke Politik den Unangepassten, Noch-nicht-Etablierten (oder Nicht-mehr-Etablierten) vorbehalten, oder eben denen, die, komme was wolle, ihre Schäfchen im Trockenen haben, zB Uni-Professor*innen.
    Da ist dann nix mehr mit Klasse, Klassenbewusstsein, mit Milieureferenz, mit Solidarität. X(

  • Hallo Henning,


    willkommen in unserer Diskussionsrunde!


    Ja, es gibt viele Leute, die hier und da linke Gedanken äußern, aber sich nicht offen „links“ verhalten. Ich denke, dafür gibt es viele Gründe (gute und schlechte).
    Du sagst, diese Leute würden alle zu „Verrätern“.


    Wenn das so stimmt, dann frage ich dich:
    Was kann deine „linke Politik der Unangepassten, Noch-nicht-Etablierten (oder Nicht-mehr-Etablierten)“ denn erreichen? Das ist ein Häuflein von (bundesweit) vielleicht 30.000 Menschen (= die Größe von bundesweiten linken Demonstrationen). Das sind nicht einmal 0,01 Prozent der Menschen in Deutschland.


    Wie willst du mit 0,01 Prozent Unangepassten den „Übergang zum Sozialismus“ schaffen? Und wie soll dieser "unangepasste Sozialismus" aussehen, der nur von 0,01 Prozent der Menschen gewollt ist?, fragt Wal.

  • Hallo Henning,willkommen in unserer Diskussionsrunde!Ja, es gibt viele Leute, die hier und da linke Gedanken äußern, aber sich nicht offen „links“ verhalten. Ich denke, dafür gibt es viele Gründe (gute und schlechte).Du sagst, diese Leute würden alle zu „Verrätern“.Wenn das so stimmt, dann frage ich dich:Was kann deine „linke Politik der Unangepassten, Noch-nicht-Etablierten (oder Nicht-mehr-Etablierten)“ denn erreichen? Das ist ein Häuflein von (bundesweit) vielleicht 30.000 Menschen (= die Größe von bundesweiten linken Demonstrationen). Das sind nicht einmal 0,01 Prozent der Menschen in Deutschland.Wie willst du mit 0,01 Prozent Unangepassten den „Übergang zum Sozialismus“ schaffen? Und wie soll dieser "unangepasste Sozialismus" aussehen, der nur von 0,01 Prozent der Menschen gewollt ist?, fragt Wal.


    Hallo!
    Das war ein Missverständnis. Ich hatte die "linke Politik der Unangepassten etc." durchaus nicht positiv oder gar als nolens-volens-erstrebenswertes Ziel gemeint - sondern durch und durch resigniert. Die gesamten linken und linksgeneigten Milieus dampfen sehr schnell zu einer absolut einflusslosen ... Elite (?) zusammen; oder genauer gesagt: zu einer fast schon sektenhaften Clique, denn man kennt seit Jahren, und es gilt immer noch und immer wieder: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, Pack hilft sich. :cursing: 
    Wie gesagt, zum Abwinken. Und es will und will sich nicht bessern. Auf der linken Seiten produziert man Unmengen gelehrter Analysen, Programme, Statements, Papers, hat Unmengen von Zeitschriften, verfügt sogar über eine kleine Anzahl Tageszeitungen - und auf der rechten Seite wird derweil Realität gemacht. Die Linken erfinden sich die "Arbeiterklasse", "die eskalierenden Antagonismen" irgendeines Klassenkampfes usw. in 1001 Varianten, und die Rechten schaff(t)en in Ostdeutschen "national befreite Zonen", okkupieren nicht Wallstreet, aber die kulturellen Räume nahezu jedes Örtchens in Brandenburg, MeckPomm und LSA, kurz und gut, es ist, wie es immer ist: Wir Linken geben uns hochgelehrten Glasperlenspielen hin, und währenddessen entgleitet uns die gesellschaftliche Realität, die ja immer eine DYNAMISCH-dialektische ist. X( 
    Tja, Wal, du merkst, du hast es mit einem Pessimisten zu tun. ;(

  • @ Franziska,
    eine Frage: auf welcher Grundlage hälst Du denn Individual-Anarchismus für rechts?
    @ Henning/V\
    Ich gebe Dir Recht, dass die Rechten ganz offensichtlich weiter entwickelt, um nicht zu sagen: politisch klüger sind, als wir. Die Frage ist: Woran liegt das? Sind Linke denn wirklich dümmer als Rechte? Ich persönlich bezweifle das und nicht nur aus persönlichen, sondern durchaus auch aus inhaltlichen Gründen. Es gibt in der Linken der >BRD< aber ein ganz verflixtes Manko, nämlich das Fehlen einer integrierenden Zielvorstellung. Das unterscheidet uns von den Rechten und das macht die Sekten überhaupt erst möglich. Ich glaube zwar, dass sich eigentlich alle linken Gruppen darüber im Klaren sind, dass sie allein nichts durchsetzen können, aber Zusammenarbeit über kurzzeitige Aktionseinheiten bei Demonstrationen hinaus gibt es so gut wie keine. Angesichts der Erfahrungen in der Weimarer Republik ist das erschreckend und man kommt nicht umhin, zugeben zu müssen, dass das in erster Linie unseren Feinden nützt. Aber es ist nunmal Fakt und insofern muss man halt Überlegungen anstellen, wie man diesen Zustand überwinden kann. Ich persönlich glaube, dass der einzige Erfolg versprechende Weg sein wird, nicht die einzelnen Menschen, sondern die bestehenden Gruppen zu vereinigen. Dabei käme es darauf an, zu klären, welche Gemeinsamkeiten und welche Besonderheiten bestehen um so Möglichkeiten einer gemeinsamen Handlungsplattform zu erkennen und möglichst in die Tat umzusetzen. Ich bin zwar als Handwerker im Innersten Pragmatiker, aber natürlich nur Einzelperson und nur Gewerkschaftsmitglied (auch mit begründetem Unbehagen) und insofern für manche Leute "nicht satisfaktionsfähig" (im übertragenen Sinne natürlich). Also frei nach den Stones: "Was kann ein armer Junge tun als Sänger in ner Rock'n'Roll band zu werden?"
    Beste Grüße
    Peter

    "So Ihr aber begehrt, ein wahrer Mann der Wissenschaft zu werden und nicht nur ein schäbiger Handlanger und Experimentator, so beherzigt meinen Rat und beschäftigt Euch mit sämtlichen Zweigen der Naturwissenschaft, einschließlich jenes der Mathematik" (Mary W. Shelly: Frankenstein)

  • Peter : Es war eine Aufzählung dreier verschiedener Standpunkte. Allerdings gibt es in der Tat Anknüpfungspunkte "libertärer" (sog. "kleinbürgerlich-anarchistischer") Standpunkte an genuin rechte, was sich zB in "rechtsoffenen" "Querfront"-Bildungen wie der von Jürgen Elsässer zeigt. Die von Seldon X angeführte Grafik mag einem chaostheoretischen Schema folgen, und irgendwie an einigen Stellen (keineswegs an allen!) Zusammenhänge von politische Mentalitäten abbilden. Hingegen die Erklärung, WARUM es da gewisse naheligende Affinitäten und Übergänge gab und gibt, bleibt auch sie uns schuldig. (Die Kategorie "libertär" (mit ihrer ganzen Doppeldeutigkeit) halte ich dabei für eminent wichtig - sie ist der Schlüssel, mit dem man sich Zugang zu einer erschöpfenden Systematik politischer Mentalitäten verschaffen kann. Falls du mich fragst, Peter: ja es gibt die Rechtslibertären, und nicht zu knapp, Tea Party, Ron Paul-Anhänger, hierzuland solche Szenen wie recentr.tv (vormals infokrieg), Kopp-Verlag ua. Die werden als nationalistisch verkannt, weil sie grosse staatliche Einheiten ablehnen (Eurokritiker Schachtschneider zB sinngemäss: "Europäische Union? Ich will noch nichtmal eine Bundesrepublik Deutschland... nichtmal "Bundesland" Baden-Württemberg will ich... von wegen Nationalismus!").


    An den Beiträgen von renée und Henning wundert mich, dass über "die Linken" in der dritten Person gesprochen wird: DIE sollen in die Puschen kommen (sind sie da nicht eher viel zu sehr drinne...?), oder DIE machen doch soviel Analysen. Ja liebe Leute - da SIND wir doch, hier, haben ein tolles Forum, beste technische Ausstattung, und beraten uns, um zu besseren Einsichten als bisher hinsichtlich der Bedingungen UNSERER Emanzipation zu kommen. Wenn wir uns hier einig sind, können wir ja mal nach den andern schauen. Die Linken sind - wir.

  • Peter : Es war eine Aufzählung dreier verschiedener Standpunkte. Allerdings gibt es in der Tat Anknüpfungspunkte "libertärer" (sog. "kleinbürherlich-anarchistischer") Standpunkte an genuin rechte, was sich zB in "rechtsoffenen" "Querfront"-Bildungen wie der von Jürgen Elsässer zeigt. Die von Seldon X angeführte Grafik mag einem chaostheoretischen Schema folgen, und irgendwie an einigen Stellen (keineswegs an allen!) Zusammenhänge von politische Mentalitäten abbilden. Hingegen die Erklärung, WARUM es da geiwsse naheligende Affinitäten und Übergänge gab ud gibt, bleibt auch sie uns schuldig. (Die Katgeorie "libertär" (mit ihrer ganzen Doppeldeutigkeit) halte ich dabei für eminent wichtig - sie ist der Schlüssel, mit dem man sich Zugang zu einer ersschöpfenden Systematik politischer Mentalitäten verschaffen kann. Falls du mich fragst, Peter: ja es gibt die Rechtslibertären, und nicht zu knapp, Tea Party, Ron Paul-Anhänger, hierzuland solche Szenen wie recentr.tv (vormals infokrieg), Kopp-Verlag ua. Die werden als nationalistisch verkannt, weil sie grosse staatliche Eineiten ablehnen (Eurokritiker Schachtschneider zB sinngemäss: "Europäische Union? Ich will noch nichtmal eine Bundesrepublik Deutschland... nichtmal "Bundesland" Baden-Württemberg will ich... von wegen Nationalismus!").An den Beiträgen von renée und Henning wundert mich, dass über "die Linken" in der dritten Person gesprochen wird: DIE sollen in die Puschen kommen (sind sie da nicht eher viel zu sehr drinne...?), oder DIE machen doch soviel Analysen. Ja liebe Leute - da SIND wir doch, hier, haben ein tolles Forum, beste technische Ausstattung, und beraten uns, um zu besseren Einsichten als bisher hinsichtlich der Bedingungen UNSERER Emanzipation zu kommen. Wenn wiruns hier einig sind, können wir ja mal nach den andern schauen. Die Linken sind - wir.


    Recht haste, seh' ick ooch so! War meine Kritik also Selbstkritik entfremdeter Art.

  • Henning, das war kein simpler Mobilisierungs-Spruch. Erstmal scheint er eklatant Tatsachen zu widersprechen, die Linken sind doch viel mehr als die Handvoll Leute, die sich hier unterhält. Zum andern scheint die GesamtLinke bedeutungslos ohne ihre Verbindung zu den "Massen", genauer den Massen an Lohnabhängigen. Und diese Verbindung wollte renée ja wohl irgendwie einklagen. Wal hingegen scheint mir einen andern Ansatz zu verfolgen, ihm scheinen alle Avantgarde-Konzepte suspekt. Er würde vielleicht eher sagen, wir sind hier ein winziges Tröpfchen im Meer der Lohnabhängigen. (Um nicht gänzlich in Trostlosigkeit zu verfallen, sucht Wal dann nach Anzeichen für eine Links-Bewegung dieser Lohnabhängigen - etwa in Gestalt der Milieus, die sich mutmasslich im oberen linken Quadranten aufhalten. Fast schon Zweidrittel. Da sind die Aussichten doch nicht gar so schlecht...)
    Mein Satz hingegen widerspricht (leider) BEIDEN andern: Tendenziell sage ich, ja, wir sind so ein winziges Tröpfchen, und, ja, wir sind sogar Avantgarde, bloss folgen uns die andern, Lohnabhängige, wer immer, ihrerseits bloss tröpfchenweise. Soweit die Tatsachen(behauptungen).
    Es steckt aber noch etwas in dem Satz, das bei genauer Betrachtung noch schlimmer ist als die Tatsachen, wenn sie denn sind wie behauptet: Alle erdenklichen "linken" Fortschritte können nur als solche angesehen werden, wenn sie im kleinen Rahmen, so wie hier, bewältigbar sind - und quasi nur "horizontal" ausgebreitet werden (darum der Zusatz von wegen "wenn wir uns einig sind, können wir mal nach den andern (unseresgleichen) schauen").
    Es liegt darin etwas, das dem Zauberwort "Gesellschaft" opponiert - dem Glauben, sie sei etwas grösseres, ein Subjekt eigener Art, mit viel mehr noch als blosser "Schwarm-Intelligenz" ausgestattet, unbestimmt leistungsfähig in ihrer unbegrenzten Vielfalt, den in ihr versteckten Kompetenzen und Wissens-Verarbeitungs-Kapazitäten. Dem widerspricht der Satz mit der nüchternen Feststellung: Die Gesellschaft ist nie weiter als der Durchschnittskopf. Den Satz müssen Menschen mit marxistischer Vergangenheit, die womöglich in die Gegenwart hinein andauert, erstmal verkraften. Wenn sie ihn denn akzeptieren. Obwohl es da ja dieses mein Lieblingszitat von Marx gibt, wonach im kommunistischen Zustand die Entwicklung jedes Einzelnen (des Durchschnittskopfs) die Bedingung der Entwicklung aller (der Gesellschaft) ist. Marx hätte ich also schon mal an meiner Seite. (Wo stehn die andern...?)


    Anm. Natürlich geht es mir hier nicht um Provokation, sondern darum, auf (aus meiner Sicht) offene Fragen hinzuweisen. Vielleicht Fragen, die derzeit von den Befragten nicht zu beantworten sind. Von daher empfiehlt sich so wie bisher Geduld - aller mit allen; so dringend die Lage subjektiv nach Lösungen verlangt (von wegen: endlich in die Puschen kommen...)

  • Peter : Es war eine Aufzählung dreier verschiedener Standpunkte. Allerdings gibt es in der Tat Anknüpfungspunkte "libertärer" (sog. "kleinbürgerlich-anarchistischer") Standpunkte an genuin rechte, was sich zB in "rechtsoffenen" "Querfront"-Bildungen wie der von Jürgen Elsässer zeigt. Die von Seldon X angeführte Grafik mag einem chaostheoretischen Schema folgen, und irgendwie an einigen Stellen (keineswegs an allen!) Zusammenhänge von politische Mentalitäten abbilden. Hingegen die Erklärung, WARUM es da gewisse naheligende Affinitäten und Übergänge gab und gibt, bleibt auch sie uns schuldig. (Die Kategorie "libertär" (mit ihrer ganzen Doppeldeutigkeit) halte ich dabei für eminent wichtig - sie ist der Schlüssel, mit dem man sich Zugang zu einer erschöpfenden Systematik politischer Mentalitäten verschaffen kann. Falls du mich fragst, Peter: ja es gibt die Rechtslibertären, und nicht zu knapp, Tea Party, Ron Paul-Anhänger, hierzuland solche Szenen wie recentr.tv (vormals infokrieg), Kopp-Verlag ua. Die werden als nationalistisch verkannt, weil sie grosse staatliche Einheiten ablehnen (Eurokritiker Schachtschneider zB sinngemäss: "Europäische Union? Ich will noch nichtmal eine Bundesrepublik Deutschland... nichtmal "Bundesland" Baden-Württemberg will ich... von wegen Nationalismus!").


    An den Beiträgen von renée und Henning wundert mich, dass über "die Linken" in der dritten Person gesprochen wird: DIE sollen in die Puschen kommen (sind sie da nicht eher viel zu sehr drinne...?), oder DIE machen doch soviel Analysen. Ja liebe Leute - da SIND wir doch, hier, haben ein tolles Forum, beste technische Ausstattung, und beraten uns, um zu besseren Einsichten als bisher hinsichtlich der Bedingungen UNSERER Emanzipation zu kommen. Wenn wir uns hier einig sind, können wir ja mal nach den andern schauen. Die Linken sind - wir.

    Hallo Franziska,
    na gut, es gibt ja leider kein Copyright für Begriffe. Aus meiner eigenen Erfahrung im Newsnet (allerdings schon rund 20 Jahre her) weiß ich, dass sich unter dem Label "Anarchisten" auch Wirtschaftsliberale getummelt haben. Das geht heute, weil das Bewusstsein vieler Leute nicht besonders ausgeprägt ist, was speziell bei gesellschaftlichen Gruppen der Fall ist, die keine Kontinuität aufweisen, wo also die früheren Erfahrungen nicht weitergegeben werden (können), z.B. Kiffer oder eben auch Anarchisten. In beiden Fällen ist die Ursache die Gruppenbildung im Bekanntenkreis und die Verfolgung durch die Staatsmacht.


    Trotzdem meine ich, dass z.B. Stirner als DER Gründer des Individual-Anarchismus nicht mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht werden kann. Da wäre dann schon eher zu hinterfragen, ob nicht alle auf eine Partei bezogenen autoritären Vorstellungen Anknüpfungspunkte an rechtes Gedankengut haben. Ich kann es leider nicht zitieren oder auch nur sagen, wo ich es gelesen habe, aber ich habe vor Jahren mal ne Aussage aus Neonazi-Kreisen gelesen, dass man (gemeint waren Neonazis) sich mal Gedanken darüber machen sollte, ob das Lenin'sche Parteikonzept nicht für sie nützlich wäre. Ich hatte damals vermutet, dass der Schreiber einen alten Artikel von mir dazu kannte und daraus für die Neonazis die richtigen Schlüsse gezogen hat. Das sind eben weiß Gott nicht einfach Idioten, da gibt es wirklich Leute mit Verstand, und das sind die Gefährlichsten.


    Ansonsten gebe ich Dir Recht in Bezug auf den Begriff "Libertär". Die Frage, die sich aus Obigem ergibt, ist aber, wie weit kann UND DARF man ihn auf Rechte anwenden. Meiner Ansicht nach ist die Grenze dafür einfach zu ziehen: sie liegt da, wo Leute aufhören, anderen Leuten (z.B. Ausländern, Obdachlosen, Drogenkonsumenten) die gleichen Rechte zuzubilligen und sie verfolgen, verletzen und/oder töten. Das beginnt aber schon da, wo man die Rechte der Arbeitnehmer beschneidet. Im übrigen will ich auch keine >BRD<, die erkenne ich nicht als Staat an, das ist ein Regime.


    Ansonsten sehe ich mich halt auch als Linken, genauer eigentlich als Revolutionär, denn ich bin nach wie vor für die soziale Revolution. Dass ich eher dem Anarchismus zuneige, hat einfach inhaltliche Gründe, andererseits bin ich aber Pragmatiker und als solcher für eine Verfassung (weil wir in dieser Gesellschaft gar nicht die Charaktereigenschaften ausbilden können, um im Anarchismus leben zu können) und für eine Übergangsgesellschaft (die für die Schaffung einer neuen ökonomischen Grundlage notwendig ist).
    Peter

    "So Ihr aber begehrt, ein wahrer Mann der Wissenschaft zu werden und nicht nur ein schäbiger Handlanger und Experimentator, so beherzigt meinen Rat und beschäftigt Euch mit sämtlichen Zweigen der Naturwissenschaft, einschließlich jenes der Mathematik" (Mary W. Shelly: Frankenstein)

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