Was ist Staatssozialismus?

  • Versuch einer Definition


    Ich spreche dann von Staatssozialismus, wenn:


    • kein Arbeiter als Arbeiter etwas wirklich zu entscheiden hat, am wenigstens was er arbeitet, womit und wofür - es also irgendein Planungsgremium (kann auch aus Abgesandten bestehen, die ständig wechseln sollen) für das Machen, Nehmen und Organisieren dazu und zur Verteilung der Güter gibt/ geben muß/ geben soll;
    • es sich im wesentlichen um einen Sozialstaat handelt;
    • es also irgendeines Konstruktes bedarf, das aus Judikative, Exekutive und Legislative besteht;
    • niemand allein von Kapital leben können soll.

    oder kürzer:


    Um Staatssozialismus handelt es sich dann, wenn gesellschaftlich produziert wird, die Aneignung aber im Gegensatz zum Kapitalismus nicht privat erfolgt und auch nicht wie in einem Sozialismus von denen, die da gesellschaftlich produzieren.

    http://feynsinn.org/?p=5931#comment-51031

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Comments 5

  • Hallo Wat.
    das ist das Fatale, dass die Leute Marx nicht genau lesen. Wenn bei Marx steht: "das Volk nimmt die Produktionsmittel selbst in Besitz", dann lesen die Leute: "Eine privilegierte Minderheit des Volkes nimmt die Produktionsmittel in Besitz" - wobei "privilegierte Minderheit" je nach politischem Hintergrund heißt: Kompradorenbourgeoisie oder kommunistische Parteibürokratie. Und die Leute glauben, dass ihr Verständnis genau dem entspricht, was bei Marx steht.
    Dagegen ist schwer anzukommen.
  • Hallo Wal,

    Danke.

    Weißt Du, wie ich dieses Zitat früher gelesen habe?

    Sinngemäß so, daß die Kolonialherren verschwinden müssen, aber ganz sicher nicht so, wie ich heute "Aneignung durch das Volk" lese.
    Meine 'Leninbrille' ließ da gar nichts anderes zu. Außer vielleicht, daß ich mich an "Volk" gestört hätte, was mich noch mehr in Richtung "Kolonialmacht vertreiben" lesend 'geschickt' hätte.

    Ich hatte einfach keine auch nur minimale Sequenz dafür, daß bei Marx nix mit im Sozialismus ist die Arbeit noch nicht frei steht.

    Er immer davon ausging, daß sie eben schon frei sein muß!

    Ganz ehrlich, ich wußte damals nicht einmal, was freie Arbeit wirklich bedeutet.

    Ich wußte was von Muttermalen, die aus der alten Gesellschaft noch mitgenommen werden und daß es da noch Klassen gibt...

    Ohne das Ende der DDR, meine damalige Erschütterung darüber und daraus folgend die für mich bohrende Frage:
    "Warum wollten das die Menschen nicht (mehr) und warum wollten sie frei sein und gehen dafür sogar in den Kapitalismus zurück" wäre ich möglicherweise gedanklich und wissentlich nicht da, wo ich heute bin.
    Heute meine ich, daß sie nicht einmal zurück gegangen sind. Gutmeinend formuliert: höchstens einen Schritt zur Seite, auf den 'richtigen' Pfad der Produktivkraftentwicklung.

    LG - Wat.
  • Hallo Wat.
    Hier in diesem Forum und auch sonstwo betonst du - ganz zu Recht: Wer sich die Produktionsmittel ANEIGNET, der herrscht auch. Wo sich Kapitalisten die Produktionsmittel aneignen, dort herrschen die Kapitalisten. Wo sich eine Partei- und Staatsbürokratie die Produktionsmittel aneignet, dort herrscht die Partei- und Staatsbürokratie. Nur wo sich die Werktätigen selbst die Produktionsmittel aneignen, nur dort befreien sie sich von einer herrschenden KIasse über ihnen.
    Beim nochmaligen Lesen von Marx-Texten bin ich auf folgenden Gedanken gestoßen, der fast wortwörtlich deinen Gedankengang aufgreift und formuliert:
    In dem Artikel "Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien" (MEW 9, 224) schrieb Marx:

    „Die im Gefolge des Eisenbahnsystems entstehende moderne Industrie wird die überkommene Arbeitsteilung und damit die Grundlage der indischen Kasten aufheben, die Indiens Fortschritt und Indiens Machtentfaltung so entscheidend behindert haben.
    Alle Maßnahmen, zu denen die englische Bourgeoisie möglicherweise genötigt sein wird, werden der Masse des Volkes (in Indien, w.b.) weder die Freiheit bringen noch seine soziale Lage wesentlich verbessern, denn das eine wie das andere hängt nicht nur von der Entwicklung der Produktivkräfte ab, sondern auch davon, dass das Volk sie selbst in Besitz nimmt.“
    mlwerke.de/me/me09/me09_220.htm
  • Sie haben ggf. nur gesehen, daß sich das Wertgesetz zunutze gemacht werden s/wollte. Siehe "Sozialistischer Mehrwert".

    Ich bin bisher zumeist über die Menschen 'gestolpert', die die Staaten des s.g. Ostblocks für sozialistisch halten, weil es da schließlich keine Kapitalisten gibt/ gab/ geben sollte.

    So ganz nach dem alten ML-Dogma, daß nach Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und Kapitalismus Sozialismus/ Kommunismus kommen muß.

    Muß es eben nicht und wird es nicht dadurch, daß es mit Sozialismus/ Kommunismus bezeichnet wird.
  • Ich habe lange darüber gegrübelt, wieso linke Kritiker des Staatssozialismus immer versucht hatten, diese Wirtschaftsweise als "kapitalistisch" zu denunzieren. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass diese Linke an dem dogmatischen Dreigestirn "Sklavengesellschaft - Feudalismus - Kapitalismus" festhalten wollten. Oder: Ihre eigenen Sozialismusvorstellungen unterschieden sich nur wenig vom "Realsozialismus". Indem sie voll aufs Donnerblech hauen ("kapitalistisch"), lenken sie von allen Ähnlichkeiten zwischen ihrem Sozialismus und dem Realsozialismus ab.
    Oder es ist einfach Gedankenlosigkeit. Dann haben diese Kritiker weder den Kapitalismus noch den (Staats)Sozialismus verstanden.